Frankenthal
Pilgerpfad: Stadtteil als Uni-Projekt
Bewohner im Pilgerpfad haben die jungen Stadt- und Raumplaner der TU Kaiserslautern schon bemerkt, wie deren Professor Holger Schmidt berichtet. Beim Rundgang durch das Viertel vor etwas mehr als einer Woche sei die Gruppe, in der sich 20 Studierende engagieren, gefragt worden: „Was machen Sie hier?“ Die Antwort ist so einfach wie arbeitsreich: Die künftigen Planer wollen sich ein eigenes Bild von den Stärken und Schwächen des Pilgerpfads machen, über den sie bereits im Vorfeld einiges gelesen haben. Ende August wollen sie dann Ideen vorstellen, wie der Frankenthaler Stadtteil aufgewertet werden kann. Bis dahin stehen neben weiteren Rundgängen auch zahlreiche Gespräche mit Experten und Menschen aus dem Viertel an.
Theorie trifft Praxis
Für die Bachelorstudenten ist das Projekt eine Chance, das, was sie in drei Semestern an Theorie gelernt haben, in der Praxis anzuwenden. Soziale Fragen, Verkehrslenkung, Grundlagen von Analyse, Planen und Entwerfen, Siedlungsstrukturen verstehen: Das alles sind Kompetenzen, die hier gefragt sind. Ein Kollege habe ihn auf das Quartier im Süden der Frankenthaler Innenstadt aufmerksam gemacht, sagt Schmidt. Ein umstrittenes Hochhausprojekt hat Ende November 2019 im Pilgerpfad einen Prozess in Gang gesetzt, an dessen Ende im Idealfall nicht nur Häuser gebaut, sondern ein ganzer Stadtteil neu gestaltet wird. Die Pläne des Investors Pro Concept für zwei Wohntürme mit einer Höhe von 70 beziehungsweise 26 Metern waren bei den Anwohnern am Jakobsplatz auf massiven Widerstand gestoßen. Schmidt, der als Professor an der TU den Fachbereich Stadtumbau und Ortserneuerung betreut, nennt die ursprüngliche, „sehr dominante“ Hochhausplanung „selbstverliebt“. Das Umfeld sei dabei schlicht ausgeblendet worden.
„Funktioniert Idee noch?“
Dabei handle es sich um eine interessante kleine Großwohnsiedlung, wie der Experte schildert. Entworfen in den 1960er-Jahren von dem Frankfurter Architekten Albert Speer, Sohn des ehemaligen Reichsministers Albert Speer, und Mitbegründer von Schmidts Fachbereich an der TU in Kaiserslautern. Der Pilgerpfad sei eine typische Siedlung der Moderne, „mit Licht, Luft und Sonne“, unterschiedlichen Häusertypen und Bereichen, in denen Autos tabu – und welchen, in denen sie sehr dominant seien. Dazu Nahversorgung, Kindertagesstätte und Schule im Zentrum rund um den Jakobsplatz. Man müsse sich heute allerdings fragen: „Funktioniert die Grundidee aus den 60er-Jahren noch?“
Die Bewohner haben sich dazu vor gut einem Jahr in einem umfangreichen Beteiligungsprozess, den die Stadt als Reaktion auf den massiven Prozess gegen die Hochhauspläne angestoßen hat, eindeutig geäußert: So wie derzeit kann es im Pilgerpfad nach ihrer Meinung nicht weitergehen. Neben Vertretern der Bürgerinitiative-Frankenthal-Jakobsplatz wolle man mit dem Investor und mit dem Fachbüro Stadtberatung Sven Fries, das den Beteiligungsprozess 2020 organisiert und begleitet hat, sprechen. Zu Wort kommen sollen auch „Stadtteilexperten“ aus Jugendarbeit, Schule und Kirche. Das Ziel: ein Blick aus der Nutzerperspektive auf die gelebte und die gebaute Stadt.
