Frankenthal
Hauptbahnhof: Kampfmittelsondierung abgeschlossen
Ziemlich genau vor 24 Stunden ist das Strohhutfest zu Ende gegangen. Aber auf der Eisenbahnstraße tummeln sich noch Partygäste. Sie parken direkt vorm Bahnhofsgebäude, obwohl dort seit 20 Uhr absolutes Halteverbot herrscht. Damit die Untersuchung beginnen kann, muss der Platz leer sein. Um 21 Uhr zählt Verkehrstechniker Sven Liepus noch zehn Pkw, ein Motorrad und drei Taxis. Alle müssen sofort weg. Bevor er den Abschleppdienst alarmiert, bittet er die Bedienungen im Café Ideal und in der Bar Akzent, die Gäste zu informieren.
Als kurz darauf Pascal Freiberg von der auf Kampfmittelsuche spezialisierten Consulting-Engineers-Göttig GmbH aus Worms anreist, sind die Parkbuchten frei. Doch kaum sind die einen weg, stellen sich die nächsten ungefragt ins eigentlich unübersehbare Halteverbot. Verkehrstechniker Liepus ist geduldig. Spätestens, wenn er die Karte mit dem Abschleppwagen zieht, drehen die Autos ab, Liepus eilt die 500 Meter entlang der Eisenbahnstraße ab, schließt alle Zufahrten mit Absperrschranken. Eine letzte Verzögerung: Ein Kleinlaster der Deutschen Bahn taucht auf. Der Fahrer erklärt, er müsse wegen Gleisarbeiten aufs Gelände. Liepus nickt. Wenn er den Stellplatz sondieren will, findet er die Arbeiter.
Technik im Wert eines Luxuswagens
Freiberg schiebt den Handwagen mit Technik im Wert eines Luxuswagens die Rampe runter. Ziemlich unspektakulär wirkt das Gefährt auf zwei Rädern, das beladen ist mit modernster Technik aus Kanada. Das TDEM-Verfahren, die „Time Domain Electro-Magnetic“-Messtechnik, schickt Ströme in den Boden, die ein magnetisches Feld erzeugen und scharfe Munition aufspüren. Induktionskochfelder funktionieren ähnlich.
Es ist 22 Uhr. Julian Kavran, Geschäftsführer der Wormser Firma, blickt entspannt auf die Uhr und gibt das Startsignal. „Wir sind im Zeitplan. In Frankfurt hätten wir zwei Stunden gebraucht, die Straße freizukriegen.“ Freiberg schiebt den Handwagen zügig über den Bahnhofsplatz. Da die Messgeräte auf alles Metallische reagieren, hat er nicht mal einen Kugelschreiber bei sich. Jeweils einen Meter breit ist das Feld, das er abscannt. Damit kein Zentimeter vergessen wird, steckt der Bauingenieur die Strecke mit Verkehrskegeln ab.
Blindgänger und Gasgranaten
Seit einem Jahr macht der 30-Jährige diesen Job und hat in dieser Zeit laut Schätzung Kavrans 500.000 Quadratmeter sondiert – etliche Kilometer Fußmarsch täglich. Das aktuelle Großprojekt der Wormser ist die Sondierung von 150.000 Quadratmetern im saarländischen Ensdorf, wo eine Halbleiterfabrik entstehen soll. Da ist der Auftrag in Frankenthal vergleichsweise winzig: Nur 12.000 Quadratmeter muss Freiberg hier bis zum Morgengrauen abschreiten. Damit er durchhält, hat er am Nachmittag ein paar Stündchen vorgeschlafen. Sondiert wird nachts, um nicht den Busverkehr lahmzulegen.
Der Fachmann erklärt, was er auf dem Handwagen kutschiert: Messcomputer mit Tablet, Autobatterie für den Strom, die Datenübertragung läuft kabellos via Bluetooth. Dank GPS werden später Verdachtspunkte, wiedergefunden. Also die Stellen, an denen Kriegsmaterial liegen könnte. Könnte, weil das Gerät Metall ortet. Das können Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg sein. Oder Gasgranaten mit Nervengift vom Ersten Weltkrieg. Oder ganz schlicht Metallschrott. Den dicksten Fund hat die Firma vor zwei Jahren an der Friedrich-Ebert-Halle in Ludwigshafen gemacht. 500 Kilo wog die Fliegerbombe. 3400 Anwohner mussten während der Entschärfung durch den Kampfmittelräumdienst evakuiert werden.
Sondierung erst seit 90er-Jahren
Mit einem konstanten Pfeifen wie von alten Radioempfängern beginnt das Gerät die elektromagnetische Erkundung bis in sechs Meter Tiefe. Das Display zeigt die Daten von vier Messspulen, blau ist der Graph der tiefsten Messspule, rot die höchste. Der Ausschlag des blauen Graphen nimmt rapide zu – ein Bombenfund? „Nein“, sagt Freiberg. „Direkt unter uns liegen Stromleitungen, sie führen zu der Laterne, neben der wir stehen.“ Kann der Experte schon einen Verdacht äußern? „Auf keinen Fall, das sieht man erst später bei der Auswertung, die dauert etwa genauso lang wie die Messung.“ Dass man nicht schon 1970 beim Bau des neuen Hauptbahnhofs alle Blindgänger gefunden hat, erklärt Kavran damit, dass es erst seit den 1990er-Jahren Sondierungen gibt. „Vorher wurde einfach drauflosgebaggert.“ Freiberg nähert sich dem Bahnhofsgebäude. Dicke Balken auf dem Display häufen sich. Sie zeigen Briefkasten, Fahrkartenautomat, Verkehrsschilder und Gullydeckel an. Hier setzt der Ingenieur jeweils Marker im System, das später wie eine Landkarte die Tiefenstruktur das Areals abbilden wird.
In der Nacht darauf, am Dienstag, überprüft Freiberg nur einen Teilbereich vom Busbahnhof. Den hatte er bereits im Dezember sondiert. Damals mussten die Arbeiten abgebrochen werden, es gab Schwierigkeiten mit den Daten. Doch nicht die lange Frostphase hatte, wie angenommen, den empfindlichen Messgeräten geschadet. Es war nur ein Softwareproblem, sodass Freiberg auf die Messwerte zurückgreifen kann. „Alles lief prima“, meldet Freiberg nach der zweiten Nachtschicht. Ob im Untergrund tatsächlich alte Munition verborgen ist, wie es Luftbilder und Aktenmaterial vom Zweiten Weltkrieg vermuten lassen, wird der Fachmann nun in den nächsten Tagen am Computer ermitteln.