Frankenthal
Anno dazumal (144): Auch in Frankenthal erzählt die Lindenstraße seit alter Zeit Geschichten
Wenn man Menschen mittleren und höheren Alters heute das Stichwort „Lindenstraße“ nennt, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit spontan das Kopfkino angeworfen. Da tauchen dann Mutter Beimer, Dr. Dressler oder Else Kling, vielleicht auch Gabi, Benny oder der Gastwirt Vasily aus der Vergangenheit auf. An den meisten Zeitgenossen ist sie sicher nicht spurlos vorbeigegangen, diese erste deutsche Seifenoper, die 34 Jahre gleich 1758 Folgen lang (von 1985 bis 2020) erst donnerstags, dann sonntags über die Mattscheibe flimmerte.
Die heutige Folge von „Anno dazumal“ lässt die Fernsehserie außen vor. Eine Lindenstraße gab es auch und gibt es noch in Frankenthal. Eine Lindenstraße taucht schon im ältesten Adressbuch aus dem Jahr 1893 auf. 21 Häuser sind da verzeichnet. Im Adressbuch von 1898/99 erfährt man, dass diese Straße im südlichen Teil (der bis in die 1870er-Jahre noch innerhalb der Stadtmauer lag) zuvor und bis ins Jahr 1670 zurückzuverfolgen – „Bleichergasse“ hieß.
Zunächst kaum mehr als ein Gartenweg
Bebauung gab’s da noch kaum, es war kaum mehr als ein Gartenweg, der am alten Friedhof (im Bereich des heutigen Metznerparks) erst einmal endete. Nach der Beseitigung der Stadtmauer und Anlage einer Ringstraße wurde im Zuge der Bebauung jenseits der alten Stadtgrenzen der Straßenverlauf weitergeführt; der nördliche Teil ist seit Ende der 1880er-Jahre neu entstanden. Die Straße, die von der Kanalstraße (Höhe Schaffnereiplatz) über den Foltzring bis zur Mörscher Straße verläuft, trägt seither den Namen „Lindenstraße“. Der Name hat jedoch – anders als in der Fernsehsendung – nichts mit dem Baumbestand in der Straße zu tun; er soll vielmehr auf einen Maurermeister Lind zurückzuführen sein, der hier dereinst etliche Häuser gebaut hat.
Von der Lindenstraße gibt es eine recht interessante Ansichtskarte aus dem Jahr 1909. Der Blick geht hier von der Mörscher Straße aus in Richtung Foltzring. Die Bebauung dieses nördlichen Teils der Lindenstraße präsentiert sich beidseitig gleichmäßig mit den für die Jahrhundertwende typischen zweigeschossigen (zuzüglich ausgebautem Mansardendach) Häuserzeilen. Die klassischen Miethäuser wurden teilweise von vermögenden Bauherren errichtet und für 10.000 bis 20.000 Goldmark verkauft.
Gastwirtschaft mit Billard
Das auf der Ansichtskarte zu sehende Eckhaus an der Mörscher Straße ist baulich hervorgehoben gegenüber den übrigen Häusern der Straßenzeile. Es beherbergte schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts eine Gastwirtschaft. „Schönstes der Neuzeit entsprechendes Lokal am Platz, angenehmer Familienaufenthalt“ lesen wir in einer Anzeige in der Frankenthaler Zeitung. Ausgeschenkt wurde hier Bier der Oggersheimer Brauerei Mayer. Und „feinstes französisches Billard“ konnte man auch spielen; für Vereine bot sich ein separates Nebenzimmer an.
Seit 1920 trug das Gasthaus den Namen „Zum Riesen“. Diesen behielt es auch noch nach dem Krieg; erst Anfang der 1980er-Jahre wurde es umbenannt: „Zum Braustübl“ hieß es bis Ende 2022, wurde unter der Wirtin Margarete Gniewkowski bekannt und beliebt, nicht nur wegen der vielen hundert Kaffeekannen, die die Gaststube, das Nebenzimmer und selbst den Hinterhof beherrschten. Ende 2022 schloss das „Kaffeekannenmuseum“ seine Pforten. Die lange gastronomische Tradition des Eckhauses ist – nach kurzem Intermezzo mit griechischer Atmosphäre – momentan ins Stocken geraten.
Auf der fotografischen Aufnahme von 1909 steht womöglich die Wirtin in der Ecktür zum Gasthaus, während sich eine voluminöse Kinderschar an der Straße aufgebaut hat. Am Eck gegenüber steht ebenfalls eine große Gruppe, überwiegend Frauen mit Kindern. In den Mietwohnungen der Lindenstraße wohnten zur damaligen Zeit viele Arbeiterfamilien, die oft recht kinderreich waren. Die Männer waren zur Zeit der Fotoaufnahme wohl bei der Arbeit, aber für Frauen und Kindern bot sich die damals noch recht seltene, spektakuläre Gelegenheit, sich dem Fotografen zu präsentieren. Am anderen Ende der linken Straßenseite (Eckhaus Lindenstraße/Foltzring) war übrigens damals ebenfalls ein Lokal: „Zur Linde“ hieß es, und wollte mit dem Namen offensichtlich auf einen nicht vorhandenen Baum hinweisen.
In 117 Jahren kaum verändert
Die Karte ist auf der Bildseite intensiv beschriftet. Entweder aus alter Gewohnheit (bis 1905 durfte auf der Adressseite keine Nachricht stehen) oder aus allzu großem Mitteilungsbedürfnis. Ganz im Hintergrund ist ein Haus gekennzeichnet. „Haus von Schillinger“ liest man hier. Das ist das Eckhaus jenseits am Foltzring; hier, in der Lindenstraße 36, wohnte Johann Schillinger mit Familie. Im Adressbuch 1908/9 taucht er mit der Berufsbezeichnung „Werkmeister“ auf; Familienstand ist unbekannt, denn im Adressbuch waren damals nur die Männer verzeichnet (Frauen nur, wenn sie berufstätig oder verwitwet waren).
Die Lindenstraße in diesem Abschnitt hat sich – man kann es gerne vergleichen – in den zurückliegenden 117 Jahren kaum verändert. Auch der Zweite Weltkrieg hat hier glücklicher- oder erstaunlicherweise wenig Schaden angerichtet. Nur mit der TV-Serie hat die Frankenthaler Lindenstraße außer dem Namen praktisch nichts gemein.


