Börrstadt
Umstrittenes Gründungsdatum: Börrstadter wollen gar nicht älter sein
Nachdem ein Frankfurter Historiker zuletzt Hinweise vorgelegt hat, die seiner Überzeugung nach auf eine deutlich ältere Erstnennung der Gemeinde hindeuten, als bisher offiziell angenommen, melden sich nun mehrere ortsnahe Geschichtsbegeisterte zu Wort, die eben das deutlich anzweifeln. Doch was stimmt nun? „Herstat“ oder „Birensceidt“? 774 oder 891? So einfach wird man das nicht beantworten können.
Und genau daran stoßen sich auch die Börrstadter aktuell. Der Frankfurter Historiker Michael Hoenemann ging sehr offensiv mit seinem Fund um, aktualisierte prompt den Eintrag zu „Börrstadt“ in der freien Enzyklopädie Wikipedia und sieht seine Hinweise auf das Jahr 774 als älteste Nennung der Gemeinde als „Herstat“ als absolut stichfest. „Allerdings finde ich bedenklich, ja es macht sogar misstrauisch, dass er ohne Rücksprache mit der Gemeinde schon mal schnell die Börrstadter Daten in „Wikipedia“ geändert hat“, äußerte sich beispielsweise Karl-Heinz Schmitz, Vorstand des Dorffördervereins in Börrstadt, in einem Leserbrief an die RHEINPFALZ. „Geht man davon aus, dass die Börrstadter Geschichte von den Autoren der Ortschroniken sehr sorgfältig recherchiert wurde, so wäre es respektvoller gewesen, hier erst mal Rücksprache zu suchen, bevor man aus dem fernen Frankfurt über die Presse eine neue Geschichtsschreibung und sogar eine große Feier fordert“, ergänzt er.
These spielte schon bei Chronik eine Rolle
Doch man stört sich in Börrstadt nicht nur an der Art und Weise, sondern auch an den Inhalten. Und auch daran, dass man aktuell nicht weiß, ob weitere Wissenschaftler die These Hoenemanns, dass das genannte „Herstat“ im Lorscher Codex tatsächlich auf Börrstadt hinweist, teilen. „Der Versuch der Gleichsetzung von Börrstadt mit Herstat wurde auch beim Schreiben der letzten Chronik bewertet und nicht von allen Experten als eindeutig richtig eingestuft“, so Schmitz.
Auch Ortsbürgermeister Torsten Windecker ist weiterhin nicht überzeugt. „Sicher ist Geschichtsforschung immer ein dynamischer Prozess. Je weiter man forscht, um so mehr Erkenntnisse kann man erlangen“, erklärt er. Er selbst hat unlängst auch die Meinung von Werner Rasche vom Jüdischen Museum der Nordpfalz in Winnweiler eingeholt, welches auch in Sachen Ortsgeschichte bereits reichlich Informationen geliefert hat. „Schon in den 1930er Jahren hat der damals renommierte Heimatforscher Karl Kaißling sich mit dieser Frage befasst und kam mit guten Gründen zu dem Ergebnis, dass Herstat eben nicht Börrstadt sein kann“, erläutert Rasche.
Uni Heidelberg setzt dickes Fragezeichen
Hoenemann sei also längst nicht der Erste mit dieser Idee. Rasche selbst sei in den 1980er Teil eines Arbeitskreises gewesen, der sich mit eben dieser Frage beschäftigt habe. Als 1990 dann die Nennung von „Birensceidt“ in einer Urkunde von 891 bekannt wurde, sei man endgültig überzeugt gewesen. „Wäre also Herstat ebenfalls Börrstadt, hätte sich ja zwischen 774 und 891 der Name des Ortes geändert, wofür es aber nicht den geringsten Anhaltspunkt gibt“, so Rasche. Zu der Erkenntnis sei auch die Universität Heidelberg gekommen, die für die Digitalisierung des Lorscher Codex verantwortlich ist. „Sie haben dies mit einem fetten Fragezeichen versehen, was von Herrn Hoenemann unehrlicherweise verschwiegen wird“, meint Rasche.
So schnell braucht man in Börrstadt also keine Torte für den 1250. Geburtstag zu bestellen. Allerdings bleibt abzuwarten, welche Argumente der Frankfurter Historiker Hoenemann womöglich noch ins Feld führen will – oder welche Schlüsse eventuell weitere, externe Geschichtswissenschaftler aus dieser Angelegenheit noch ziehen.