ROCKENHAUSEN RHEINPFALZ Plus Artikel Sommerredaktion: Die Schätze des „Nordpfälzer Humus“

Hat als Journalist unter anderem für die „Wirtschaftswoche“ und das „Manager-Magazin“ gearbeitet: Reinold Rehberger.
Hat als Journalist unter anderem für die »Wirtschaftswoche« und das »Manager-Magazin« gearbeitet: Reinold Rehberger.

Der Rockenhausener Reinold Rehberger war als Journalist bundesweit unterwegs. Und hat immer wieder in seine Heimatstadt zurückgefunden. Wir sprachen mit ihm über seine tiefe Verwurzelung in der Nordpfalz, über seine Buch-Projekte, über das Rockenhausen seiner Kindheit und Jugend – und wie ein „Kaferuse“ heute die Welt sieht.

Eigentlich sollte es in diesem Gespräch um seine Rockenhausen-Bücher gehen. Doch im Aufwühlen von Biografischem und Zeitgeschichtlichem lässt Reinold Rehberger die Zügel schießen und rast im gestreckten Galopp durch die bundesdeutsche Presselandschaft, in der er die letzten fünf Jahrzehnte intensiv unterwegs war. Namen legendärer Kollegen an der Nahtstelle von Politik und Journalismus fallen, ebenso die der Titel im deutschen Blätterwald, für die er geschrieben hat. Dabei mag auffallen, dass er doch immer wieder aus der großen Welt der Medien zurückgefunden hat in die kleine Nordpfalz. Sie blieb für ihn stets Fixpunkt, Ruhepol, Ort der Wahrheit fernab der großen „Show“. „Die Nordpfalz war für mich immer der Ankerpunkt, die Blaupause, wie das richtige Leben läuft.“

Einem Lebensgefühl nachspüren

So ist auch sein neues Rockenhausen-Buch „Die Kaferuse“ zu verstehen – als Forschen nach diesem Ankerpunkt, nach den Wurzeln des Lebensgefühls, das Rehberger zu dieser Zeit und an diesem Ort inhaliert hat und mit dem er dann hinausgetreten ist in die besagte Presselandschaft. Es huldigt zugleich dem Repräsentanten dieses Lebensgefühls, den er den „Kaferus“ nennt mit einem pfälzischen Wort, das, wie er sagt, der damalige „Spießer“ eher abschätzig dieser Spezies zugedacht habe. Den Kaferus beschreibt er als den „Universal-Typen vom fröhlichen-originellen-nachdenklichen-leichtsinnigen Bruder, den es leider nicht mehr gibt“.

Die Nachkriegszeit hat ihn ermöglicht, die ungekannte Freiheit, die Kneipenkultur, die Lebenslust, die sich in „Färz“ und „Schnookes“ entlud, nicht selten hart an der Grenze oder schon darüber hinaus, denn eine hochgerüstete Polizei gab es noch nicht. Man konnte sich manches erlauben, über das man heute eher die Hände über dem Kopf zusammenschlägt. Und Rehberger hat die würzige, pointierte Sprache, um das erzählerisch auszukosten.

Gegen die „Reglementierungsindustrie“

So ausgerichtet hat das Buch auch eine aktuelle zeitkritische Dimension. Denn es ist ein Plädoyer gegen das heutige Übermaß an „political correctness“, gegen die „Reglementierungsindustrie“, es stellt Kreativität und Nonkonformismus gegen den „modernen Alltag mit seinen unzähligen Abrichtungs- und Anpassungsmechanismen“. Wohlwissend freilich, dass auch bei den Kaferusen nicht alles „rotscher“ war, dass mitunter kräftig über die Stränge geschlagen wurde – und hier keineswegs von einer homogenen Gruppe die Rede sein kann. „Der Leser muss sich mit dem, was da drin steht, auch nicht identifizieren. Ich habe auch geschrieben, dass manches damals nicht in Ordnung war, dass manches zum Teil illegal war. Ich will subjektiv sein und empfinde mich auch als subjektiven Menschen“, erwidert Rehberger auf die Frage nach dem Stellenwert gerade des Subjektiven in seinen Schilderungen. Er könnte solche Geschichten nie über Ostwestfalen schreiben, dort sei er eben nicht groß geworden. „Grabe, wo du stehst, das ist so ein alter skandinavischer Spruch“, sagt der Rockenhausener, der als Journalist in München, Hamburg, Zürich, Düsseldorf und anderen Städten gearbeitet hat.

Natürlich hat der Kaferus auch seinen „Gegenentwurf“. „Das war der Humorfreie, der Verschlagene, der Verdruckste. Das Arschloch“, schreibt Rehberger im Buch ganz unverblümt, während er durch das Miteinander, die engen Milieus dieser Nachkriegsjahre pflügt. Dass sich der eine andere Zeitgenosse oder Nachfahre getroffen fühlen könnte von dem, was er von den Nicht-Kaferusen schreibt, nimmt Rehberger in Kauf: „Das mag sein, aber vieles kann man auch nur rauskitzeln, wenn man etwas polarisiert. Meine Aufgabe ist es doch, Konturen zu zeichnen, Dinge beim Namen zu nennen“, sagt er dazu. Und hinter manchen Erinnerungsniederschlag wird man sicher auch mal ein Fragezeichen setzen können.

Teil einer Trilogie

So ist das Buch eine wilde Sammlung von Anekdoten, selbst erlebten und aus Erzählungen Dritter rekonstruierten Geschichten, die mancher heutige Leser zum Teil unglaublich, zum Teil haarsträubend und bedenklich – aber hoch amüsant – finden wird. Ein Buch, das nicht einem roten Faden folgt, sondern hin- und hermäandert, mal das Kriegsende in Rockenhausen schildert, mal noch in die 70er Jahre hineinleuchtet, auch einzelnen Persönlichkeiten im kaferusischen Biotop würdigende Absätze widmet – Goofy und Hugo, Kulli und Hembes, dem Härnche, dem Nerv und dem Monneé und anderen. Denkmäler werden auch den zeittypischen Katalysatoren des lockeren Lebens gewidmet, dem Moped, der Kneipe. Und natürlich fällt auf die Reste und Nachwehen der NS-Zeit mancher Seitenblick.

„Ich mache diese Bücher nicht, um im Gedächtnis der Menschheit zu bleiben, sondern weil dieser nordpfälzische Humus so viele Schätze birgt, dass es verdammt schade wäre, wenn die versanden, wenn die wegschlummern würden, wenn keiner mehr sagen könnte, was 1950 war, was 1955 war an Alltagsgeschichten, die auch Zeitgeschichte sind. Mir ist wichtig, diesen Menschen, dieser Zeit, dieser Landschaft, der Seele dieser Landschaft einen Stempel zu verpassen“, beschreibt Rehberger im Gespräch, was ihn antreibt. „Ich finde wichtig, dass man das alles festhält.“

Das Buch „Die Kaferuse“ steht dabei nicht für sich allein. Es ist das Mittelstück einer Trilogie, in der Rehberger sich mit dem Rockenhausen seiner Jugend und dem zeitgeschichtlichen Umfeld befasst, gestützt auf eigenes Erleben und Erinnern, auf weitere Zeitzeugen, auf Recherchen, die er zu anderen Büchern gemacht hat. Im ersten Teil „Die Wäscherei“ erzählt Rehberger von seiner Kindheit und Jugend in Rockenhausen, von seiner Mutter, die eine Wäscherei betrieb, von der Wirtschaftswunderzeit, in der alles möglich schien, überall Bewegung und Aufbau war, und die eine Bühne war für unvergleichliche Originale, für Typen, für Geschichten, wie sie wohl nur in dieser Zeit möglich waren – und von denen man nun im zweiten Teil reichlich erzählt bekommt.

Nächster Teil: „Das Gelöbnis“

„Die Wäscherei“ nennt Rehberger ein Plädoyer für die Familie. „Die Familie ist ein Leuchtturm im Meer des Wahnsinns“, so hat er es in dem Buch selbst formuliert, um darin zu beschreiben, wie die Wäscherei ihm zur Schule des Lebens geworden ist. „Die Kaferuse“ habe er angelegt als Hohelied der Lebensfreude. Und da beides, Familie und Lebensfreude, nur möglich sei in einem friedlichen Umfeld, soll dies das Thema des dritten Teils sein. Titel: „Das Gelöbnis“. Ältere Rockenhausener ahnen, worauf dieser Titel anspielt: Auf das berüchtigte Rekrutengelöbnis, das 1981, als Schulterschluss von Bundeswehr und Arbeiterschaft, auf dem Betriebsgelände von Keiper stattfand und die wohl größte Anti-Kriegs-Demonstration ausgelöst hat, die das Städtchen je gesehen hat – mit einem Presseecho bis hin zum „Spiegel“. Dieses Buch kündigt Rehberger für November an.

Noch viel vor

Im Gespräch wird aber auch offenkundig, dass der 74-Jährige noch viel mehr auf dem Zettel und in der Schublade hat. In seiner groß angelegten Aufarbeitung der jüngeren Geschichte der Nordpfalz, wovon „Treudeutsch“ zur Kaiserzeit und „Kerndeutsch“ zur NS-Zeit schon vor Jahrzehnten erschienen sind, habe er nun die Weimarer Zeit in der Mache, „danach kommt die Zeit von 45 bis 49 im Landkreis. Das hat mit der Wäscherei nichts zu tun, das ist Dokumentation, das ist Archivmaterial aus Speyer“, sagt er. „Dann schreibe ich noch Bücher über die 50er, die 60er, die 70er Jahre. Wenn das fertig ist, sind das elf Bände, alles nur Landkreis Rockenhausen.“ Daneben wird sich ein Buch mit dem Titel „Am Windkanal“ mit seinen fünf Jahrzehnten in den deutschen Printmedien befassen.

Er hat also noch viel vor. „Ich hoffe, dass der liebe Gott mitspielt und mich noch mindestens zehn Jahre leben lässt“, dann habe er seine „Nordpfalz-Mission“, in der immer der alte Landkreis Rockenhausen im Mittelpunkt steht, erfüllt.

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