Winnweiler RHEINPFALZ Plus Artikel Mobotix profitiert in der Corona-Krise von Nachfrage nach Wärmebildkameras

Körpertemperatur 36,8 Grad Celsius: Für die Mobotix-Thermalkamera kein Grund, eine Aktion auszulösen.
Körpertemperatur 36,8 Grad Celsius: Für die Mobotix-Thermalkamera kein Grund, eine Aktion auszulösen.

Es gibt wohl nicht viele Unternehmen, die sich getrost als Gewinner der Pandemie bezeichnen lassen. Ein solches aber ist zweifelsohne Mobotix aus Langmeil. Beim Hersteller netzwerkbasierter Videoüberwachungsanlagen stieg die Nachfrage nach Wärmebildkameras, mit denen die Körpertemperatur gemessen werden kann. Weiteren Schub fürs gut laufende Geschäft könnte ein US-Großauftrag geben.

Ambitionierte Umsatzziele hatte das Unternehmen in seinem Fünf-Jahres-Plan im Jahr 2018 ausgegeben: Im Geschäftsjahr 2022/23 soll der Umsatz bereits bei 100 Millionen Euro liegen. 2018/19 waren es 70 Millionen gewesen. Doch die Verantwortlichen bei Mobotix sehen sich weiter auf sehr gutem Weg, ihre Ziele zu erreichen – trotz Corona. Und sogar ein Stück weit wegen Corona: Die Langmeiler zählen zu den wenigen wirtschaftlichen Profiteuren der Krise. Denn Sicherheitstechnik hat Hochkonjunktur.

Keine Kurzarbeit

„Wir würden uns eher zu den Covid-Gewinnern zählen“, sagt dann auch Finanzvorstand Klaus Kiener. Natürlich sei es für Mobotix – wie für fast alle Unternehmen – schwierig gewesen, alle Prozesse in Gang zu halten. Vor allem die Lieferkette habe immer mal wieder gedroht, ins Stocken zu geraten. Denn Lieferanten hat Mobotix unter anderem in den USA und in Italien. „Mit den USA haben wir täglich telefoniert, und unser Lieferant in Italien hatte zum Glück eine Ausnahmegenehmigung“, schildert Kiener. „Hätte es Probleme gegeben, wir hätten Kurzarbeit anmelden müssen.“

Musste Mobotix aber nicht. Denn es gab ein Produktsegment, „dass uns durch die schwierige Zeit gebracht hat“, wie Kiener berichtet. Das Geschäft mit Thermalkameras hat im Zeitraum von April bis Juni etwa 70 Prozent des Umsatzes ausgemacht. Mittlerweile liegt der Anteil wieder bei 30 bis 40 Prozent. Die Wärmebildkameras werden nun auch wieder vermehrt für ihre ursprünglichen Aufgaben geordert: die Außenhautüberwachung von Gebäuden, die Branderkennung bei Recyclingbetrieben, die Überwachung von Produktionsmaschinen.

Keine Kompromisse beim Datenschutz

In den vergangenen Monaten aber haben viele Kunden die Wärmebildkameras als Möglichkeit entdeckt, um erhöhte Körpertemperaturen an ihren Toren festzustellen – und ihr Gelände somit besser vor dem Eindringen des Virus zu schützen. So hätten die Ludwigshafener BG-Kliniken ein solches System ebenso genutzt wie einige große Produktionsunternehmen mit mehreren Werktoren. Allerdings seien es im deutschsprachigen Raum nur sehr wenige Firmen gewesen, die ihre Mitarbeiter präventiv auf fiebrige Erkrankungen gescannt haben, schildert Christian Heller, der Verkaufsleiter für Deutschland, Österreich und die Schweiz: Das Gros der Kunden stamme aus dem außereuropäischen Ausland, da es bei uns für so etwas zunächst einmal Vereinbarungen mit dem Betriebsrat bedürfe.

Gerade in Deutschland sei sehr viel Abstimmung notwendig. So sei es auch ziemlich undenkbar, dass beispielsweise auf öffentlichen Plätzen die Temperatur der Menschen gemessen werden könnte. „Da gibt es kein einziges Projekt“, sagt Heller. Auch EU-weit sei das kaum möglich. Bei der gesamten internationalen Infrastruktur – also auch Flughäfen, Bahnhöfe – müsse die EU-Datenschutz-Grundverordnung penibel eingehalten werden. In China hingegen sehe man dieses Thema „deutlich entspannter“.

Kameras für New Yorker Schulen?

Dabei haben die Mobotix-Systeme gerade beim Thema Datenschutz einen gewaltigen Vorteil gegenüber jenen der Konkurrenz, die fast ausschließlich in China zu finden ist: Bei den Langmeilern sitzt die Intelligenz direkt in den Kameras. Daten müssen nicht hin- und hergeschickt werden, können umgehend verarbeitet und anonymisiert werden. Die Kamera verschickt – vereinfacht gesprochen – nur noch einen Auftrag, der eine weitere Aktion auslöst.

Gerade in den USA sei der Datenschutz bei chinesischen Anwendungen ein Thema. Die 20 Mitarbeiter starke Mobotix-Tochtergesellschaft in New York sei mittlerweile profitabel und auf einem bedeutenden Wachstumsmarkt aktiv. In wenigen Tagen wird eine wichtige Kunde von der amerikanischen Ostküste erwartet: Gemeinsam mit anderen Partnern soll Mobotix die New Yorker Schulen mit einem Wärmebildkamerasystem ausrüsten. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass das Team den Zuschlag erhält. Falls das klappt, wäre Mobotix dem für 2023 angepeilten Umsatzziel schon im laufenden Jahr recht nahe, wie Klaus Kiener sagt.

60 neue Arbeitsplätze

Weltweit hat das Unternehmen mittlerweile mehr als 300 Mitarbeiter, 250 davon arbeiten in Langmeil. Der Schritt vom Produkt- zum Lösungsanbieter ist in den vergangenen Jahren gelungen. „Der Markt sucht nach Lösungen für den Endkunden statt einfach nur nach Kameras“, weiß Vorstandsvorsitzender Thomas Lausten. „Früher hätten wir einfach Thermalkameras verkauft“, ergänzt Kiener – heute bietet das Unternehmen den Kunden Komplettlösungen für individuelle Problemstellungen. So können die Kameras der neuesten Generation bis zu 40 Apps speichern, die dann bestimmte Aufgaben lösen. Da lassen sich etwa – aktuell sehr gefragt – Personen am Eingang zählen, Überfüllungen in Räumen feststellen oder durch Gesichtserkennung Maskenmuffel ausmachen. Der Schritt ins Softwaregeschäft ermöglicht es Mobotix zudem, mit planbaren Lizenzerlösen zu arbeiten.

Nach einem „Umsatzbruch vor drei, vier Jahren“ habe man nicht nur ins Produktportfolio, sondern auch in die IT-Infrastruktur investiert, sagt Kiener. Mittlerweile laufe es wieder deutlich besser – 2021 sollen zwei bis 2,5 Millionen Euro in Mitarbeiter, weitere 1,3 Millionen in die IT-Struktur investiert werden. Etwa 60 zusätzliche Arbeitsplätze sollen in den kommenden gut zwölf Monaten entstehen, vor allem im Bereich Entwicklung, vor allem in Langmeil. Vorstandschef Lausten unterstreicht, dass er den Firmensitz inmitten von Natur und gutem Essen als einen Wettbewerbsvorteil auf dem Arbeitsmarkt sieht. „Auch den Kunden aus aller Welt gefällt es hier immer sehr gut“, sagt der Däne.

In der Produktion wurden die Mitarbeiter phasenweise in zwei Gruppen unterteilt, um ein mögliches Ansteckungsrisiko zu verringer
In der Produktion wurden die Mitarbeiter phasenweise in zwei Gruppen unterteilt, um ein mögliches Ansteckungsrisiko zu verringern.
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