Donnersbergkreis Mit Sicherheit zum neuen Gelenk

Seit kurzem darf sich das Westpfalz-Klinikum in Kirchheimbolanden „Endoprothetikzentrum“ nennen. Dafür müssen alle Arbeitsabläufe beim Einsatz von künstlichen Hüft- und Kniegelenken nach exakten Vorgaben umgesetzt und dokumentiert werden. Standardisieren ist das Schlüsselwort dabei. Mühsam zwar, aber für den Patienten ein echter Gewinn an Sicherheit.
„Es ist ein großer Aufwand, aber es lohnt sich“, sagt Oberarzt Dr. Stephan Wilk, Leiter des Endoprothetikzentrums Kirchheimbolanden. Gemeint ist das Prüfsiegel, das von der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOOC) verliehen wird und das aus einer Klinik ein Endoprothetikzentrum macht. Wilk und seinem Team wurde dieses Zertifikat, das sich auf den Einsatz von Hüft- und Knieprothesen bezieht, im Februar verliehen. Wenn das Treppensteigen zur Qual wird oder die Schmerzen in der Hüfte sich nicht mehr beruhigen, denken Betroffenen früher oder später über ein künstliches Gelenk – eine Prothese – nach. Rund 400.000 Gelenkprothesen werden jährlich in Deutschland eingesetzt. Das Prüfsiegel „Endocert“ soll Patienten helfen, qualifizierte Ärzte und Kliniken zu finden. Wird es verliehen, dürfen sich die Kliniken Endoprothetikzentrum nennen. „Für die Patienten bringt das Zertifikat einige Vorteile“, so Wilk, allem voran in puncto Sicherheit. So muss die betreffende Klinik nachweisen, dass ihre Hauptoperateure mindestens 50 künstliche Gelenke im Jahr einsetzen. Denn es gilt als sicher: Je höher die Zahl der OPs und damit die Erfahrung des Operateurs, desto niedriger die Fehlerquote. Wilk als Leiter des neuen Zentrums operiert zwischen 160 und rund 170 Prothesen im Jahr. Zu seinem Team gehören weitere vier Operateure. Ein erfahrener Mediziner ist bei diesen komplizierten Operationen einer der wichtigsten Faktoren, die hohen Qualitätsstandards eines Zentrums zeigen sich aber bereits beim ersten Kontakt mit den Patienten. „Unsere Wartezeitanalysen haben gezeigt, dass vom ersten Anruf bis zum ersten Termin in unserer Klinik weniger als drei Wochen vergehen“, sagt Wilk. Im Durchschnitt warte der Patient laut Erhebungsbogen 17 Tage auf einen Sprechstundentermin, und 17 Minuten vergehen von Ankunft des Patienten in der Klinik bis zum ersten Arztkontakt. Auch an die Operationsvorbereitung werden hohe Ansprüche gestellt. „Bevor wir den Patienten operieren, wird alles exakt geplant“, so Wilk. Bei einer virtuellen Operation, also einem gestellten Eingriff am Computer, zeigten sich oft schon mögliche Probleme im Vorfeld. „Es gibt so viele anatomische Besonderheiten, die alle zu berücksichtigen sind“, erklärt Wilk. Und die virtuelle OP zeigt auch, welches Implantat für den Patienten passt. „Da gibt es nämlich ebenfalls große Unterschiede, nicht jedes ist für jeden geeignet“. Auch die Medikamente, die ein Patient zur Schmerztherapie bekommt, die Physiotherapie, die Reha – all das wird in der Krankenakte akribisch festgehalten und nach einheitlichen Kriterien angewandt. Damit sollen die Behandlungsprozesse für transparent gemacht und Fehler leichter erkannt werden. Ein Zentrum muss zudem eine Reihe von Partnern nachweisen, dazu zählt beispielsweise das Gefäßzentrum Westpfalz mit seinen Standorten in Kaiserslautern und Kusel, auch Physiotherapie, Radiologie oder Sozialdienst müssen sich zur engen Zusammenarbeit mit der zertifizierten Klinik verpflichten. Ein Jahr nach der OP müssen die Patienten einen Fragebogen zu ihrem Gesundheitszustand und eventuellen Komplikationen ausfüllen. Diese Daten der Patienten werden anonymisiert an das EPRD übertragen, dort gespeichert und ausgewertet. Das Register wertet die „Überlebenszeit der Endoprothese“ aus und zieht Rückschlüsse auf mögliche Systemfehler wie problematische Implantatmodelle. „Unsere eigene Qualitätssicherung am Westpfalz-Klinikum geht noch viel weiter“, so Wilk. Dass Kirchheimbolanden sich jetzt Endoprothetikzentrum nennen darf, halte er für einen wichtigen Schritt, sagt Wilk, weil den Patienten damit eine Orientierung gegeben werde. Gleichwohl seien viele Standards zur Qualitätssicherung bereits seit vielen Jahren hier gang und gäbe. Auch der Endoprothesenpass werde schon seit mehr als zehn Jahren verliehen. Er ist vor allem dann wichtig, wenn nach Jahren oder nach einem Unfall eine Prothese gewechselt werden muss. „Ein Implantatwechsel wird von Mal zu Mal schwieriger“, so Wilk. Deshalb bemühe man sich nach wie vor, die erste Prothese so spät wie möglich einzusetzen. „Wir verstehen uns hier als Gelenkzentrum, es geht uns nicht darum, möglichst viele Prothesen einzusetzen“, erläutert er. So werde immer zunächst überprüft, ob tatsächlich alle anderen konservativen Maßnahmen ausgeschöpft seien. Es könne beispielsweise sinnvoll sein, zunächst einen Meniskusschaden zu beheben, die Beinachse zu korrigieren, oder nur eine Schlittenprothese einzusetzen statt einer Vollprothese. Maßgeblich sei immer die Frage nach der Lebensqualität. „Wie stark jemand eingeschränkt ist, das können wir nur im Gespräch mit dem Patienten erfahren, das zeigt uns auch das beste Röntgenbild nicht“, sagt Wilk.