Donnersbergkreis Mit der Eins in Französisch fängt alles an
«DIELKIRCHEN.» Seit 25 Jahren gibt es Hippotherapie und therapeutisches Reiten auf dem Hanauerhof bei Dielkirchen. Ulrike Alt ist ausgebildete Physio-, Hippo-, Reittherapeutin und Motopädagogin.
Als Zwölfjährige bat Ulrike Alt ihre Eltern um ein Pferd. Da sie im Speyrer Edith-Stein-Gymnasium in Mathe und Französisch gerade mal auf „ausreichend“ stand, unterbreiten die Eltern ihr folgendes Angebot: „Schaffst du es im nächsten Jahr in einem der beiden Fächer auf ,sehr gut’, kriegst du ein Pferd.“ Man sollte nie den Ehrgeiz von Kindern unterschätzen! Die kleine Uli bekam eine Eins in Französisch und jubelte: „Ich krieg ein Pferd!“. Was die Schul-Nonnen etwas unangebracht fanden, war für Uli Alt der Grundstein ihrer Laufbahn. Sie bekam „Lord Nelson“, einen braunen Wallach, der ein Führungspferd war und das Temperament eines Hengstes hatte. 178 Zentimeter Widerristhöhe, damals üblich im Reitstall. „Je mehr ich versuchte, zu dominieren, desto schlimmer wurde er. Vor ihm hatten alle Angst“, erinnert sich Alt. Sie selbst fürchtete sich zwar nicht, wollte ihn aber so nicht mehr behandeln und entschloss sich stattdessen, nach dem Vorbild der kanadischen Tiertrainerin Linda Tellington-Jones mit ihm zu arbeiten. Tellington-Jones hat eine eigene Methode im Umgang mit Pferden begründet, die „Equine Awareness Method“ (wörtlich: Pferde-Bewusstheits-Methode), ein System von Körperberührungen, speziellen Führtechniken und lernfördernden Hindernissen. Alt verbrachte jede freie Minute mit „Lord Nelson“, nahm ihm stückchenweise Sattel und Zaumzeug ab und machte sehr viel Bodenarbeit. Schließlich ritt sie ihn ohne Sattel und nur mit einem Strick. Auf einen Pfiff von ihr kam er angaloppiert. „Jeder auf dem Reiterhof schüttelte den Kopf und hielt mich für verrückt. Ich wurde von allen nur die „Alternative Uli“ gerufen“, erzählt sie. In der Schweiz machte sie eine Ausbildung zur Hippotherapeutin. Die Voraussetzungen für die Ausbildung erschienen ihr damals logischer und sinnvoller als in Deutschland. Unter anderem fand vor 25 Jahren in der Schweiz die Hippotherapie im Gelände und mit Kleinpferden statt, in Deutschland mit Großpferden und in der Halle. Ein Großteil ihrer Patienten kommt zum therapeutischen Reiten, wie Katharina und Lara. Beide sind schon seit mehr als zehn Jahren mit Begeisterung dabei. Die Hippotherapie ist eine krankengymnastische, neurophysiologische Ganzbehandlung auf dem im Schritt geführten Pferd. Physiotherapeuten können diese Zusatzausbildung machen. Der Vorteil einer Therapie mit dem Pferd ist laut Uli Alt die Bewegung des Körpers in der Dreidimensionalität. Keine andere physiotherapeutische Methode könne in kürzester Zeit eine Spastik lösen wie die Hippotherapie, sagt sie. Über das Pferd würden die Hüfte und der Rumpf wie beim natürlichen Gehen bewegt. Diese Beobachtung machte sie bei ihrem ersten Patienten Timon. Der Sohn ihres Englischlehrers war nur in der Lage zu schlucken und zu blinzeln. Damals gab Alt einer der Töchter des Lehrers Reitstunden. Eines Tages fragte er sie, ob sie nicht auch mit Timon reiten könnte. Da „Lord Nelson“ dafür ungeeignet war, besorgte sie sich einen Norweger von einer Freundin, setzte sich hinter Timon und ritt mit ihm im Gelände. Als Alt von Speyer nach Gauersheim umzog, besorgte der Lehrer ein eigenes Pferd für Timon und vermied durch tägliche Ritte eine bei Spastikern häufig nötige Hüftoperation. Eigentlich wollte Alt ja Sport studieren, was wegen eines Meniskusrisses in jungen Jahren aber nicht ging. Der Beruf als Hippotherapeutin (bei vorausgegangener Ausbildung zur Krankengymnastin) ermöglicht es ihr, beide Leidenschaften zu vereinen. Nach der Ausbildung suchte sie dann den passenden Arbeitgeber zu ihrem Vorhaben. Auf „Zoar“ fand sie jegliche Unterstützung. „Lord Nelson“, der ihr vieles beigebracht hatte, blieb bei ihr bis zu seinem Tod.