Rockenhausen RHEINPFALZ Plus Artikel Krebs und Kirschtorte: Wie eine Ehefrau jahrelang ihren kranken Mann begleitet und gepflegt hat

Sind gemeinsam durch dick und dünn gegangen: Angelika und Reinhold Kolle (hier eine Aufnahme aus früheren Zeiten). Im Jahr 2013
Sind gemeinsam durch dick und dünn gegangen: Angelika und Reinhold Kolle (hier eine Aufnahme aus früheren Zeiten). Im Jahr 2013 wurde bei ihm Lungen-, später Bauchspeicheldrüsenkrebs festgestellt. Seine Frau hat ihn bis zu seinem Tod im August 2021 zuhause gepflegt.

Acht Jahre lang hat Angelika Kolle ihren krebskranken Mann Reinhold durch alle Höhen und Tiefen begleitet. Vor drei Jahren hat er den Kampf verloren. Seine Frau erzählt der RHEINPFALZ nun von schlimmen, aber auch von schönen Momenten – und wie sie gelernt hat, mit ihrer Trauer weiterzuleben.

Vor ein paar Monaten wäre das Gespräch mit der RHEINPFALZ noch nicht möglich gewesen, betont Angelika Kolle. Vor gut zwei Jahren hat sie ihren Mann Reinhold verloren. Er starb mit 68 Jahren – letztendlich an Speiseröhrenkrebs, nachdem bereits im Jahr 2013 Lungenkrebs festgestellt worden war. Mit der Diagnose wurde das Leben des Ehepaars ein völlig anderes. „Wir lassen uns nicht unterkriegen! Das war nach dem ersten Schock unsere Einstellung und unser Lebensmotto“, erklärt Angelika Kolle, die nach eigener Aussage alle helfenden Bausteine rund um die Krankheit erhalten und angenommen hat. So auch jetzt die seelische Nachsorge über das Rockenhausener Trauercafé des Hospizvereins, bei dem sie inzwischen Mitglied und Mitarbeiterin ist.

Zwar ist Angelika Kolle in der Nordpfalz geboren und ihre Familie lebt in Rockenhausen. Doch mit ihrem Mann war sie aus beruflichen Gründen, aber auch aus Überzeugung, bis 2021 Stadtbewohnerin in Essen, sozial waren sie in der ehemaligen Stahlmetropole fest eingebunden. Doch der Bezug zum Donnersberg ging nie so ganz verloren. Und als sich nach den langen Jahren des Kampfes gegen den Lungenkrebs eine Besserung einstellte, sollte diese dann auch durch den Wohnortwechsel bestätigt werden. „Mein Mann hat viele Hammer-Chemos über sich ergehen lassen, eine Immuntherapie, zwei schlimme Lungenentzündungen, doch dann war der Tumor nicht mehr gewachsen. Mein Mann stabilisierte sich, die Lebensqualität war allerdings sehr eingeschränkt. Aber seinen Alltag bestritt er immer noch mit viel Lebensfreude, so gut es eben ging.“

Nach dem Umzug in die Nordpfalz aufgeblüht

Angelika und Reinhold Kolle verband nicht nur eine jahrzehntelange Ehe, sondern auch viele gemeinsame Hobbys: Musik, Floh- und Kunsthandwerkermärkte, der kleine Hund Tyson. Ihr Reinhold sei nach ihrem Umzug nach Rockenhausen glücklich gewesen und aufgeblüht – trotz der schweren Krankheit, die nach wie vor sein Leben bestimmte und immer wieder einschränkte. Die Familie dort tat beiden gut, dass die Freunde aus Essen trotz der Entfernung den Kontakt hielten ebenfalls.

Dann kam der Tag, der beiden den Boden unter den Füßen wegzog: Ein Unwohlsein und eine zunächst vermutete Erkältung entpuppte sich als Speiseröhrenkrebs – nicht zu operieren, nur begleitend zu behandeln. „Diese Diagnose hat ihn umgehauen, trotzdem hat er sich auf die Behandlungen eingelassen“, erzählt Angelika Kolle. Aufenthalte in Kliniken in Mainz und in Homburg wurden absolviert und griffen den Körper an, Reinhold konnte das Haus nicht mehr verlassen. Dort wurde die medizinische Versorgung optimiert: SAPV-Team (spezialisierte ambulante Palliativversorgung), der ambulante Hospiz- und Pflegedienst sowie die Einordnung in Pflegestufe 4 waren wichtige Hilfen, und selbst in dieser schweren Zeit gab es die kleinen Freuden. „Sein Kaffee war ihm wichtig, und er liebte Schwarzwälder Kirschtorte.“

Nie mit der Frau über den Tod gesprochen

Der Hausarzt wurde zur großen Stütze, doch als selbst die geliebte Torte nicht mehr ging, war klar: Es geht zu Ende. „Er hatte sich schon im stationären Hospiz angemeldet, doch ich wollte ihn so lange es geht und am liebsten nur zu Hause haben – egal, wie anstrengend die Pflege war. Und das haben wir auch zuhause geschafft“, sagt seine Ehefrau. „Ich wurde vom Palliativ-Team angelernt mit der Sonde umzugehen, ihn entsprechend zu lagern. Wir haben nie darüber gesprochen, dass ich ihn auf den Toilettenstuhl setzen musste. Es war heftig für uns beide, aber nie ein Thema. Ich hab es gemacht. Wir haben nie über den Tod gesprochen, doch mit seinem Arzt hat Reinhold immer länger geredet, immer länger.“

Die Schmerzen wurden zu stark, die Morphiumpumpe wurde angelegt. „Es war schlimm für mich, mit meinem Mann nicht mehr reden zu können, doch er war noch da. Ich habe verdrängt, dass er stirbt.“ Natürlich hatte er es verdient, entsprechend versorgt zu werden, die Schmerzen weggenommen zu bekommen – „ich muss zurückbleiben“, das war die rationale Erkenntnis für Angelika Kolle. Sie habe vor dem Unfassbaren gestanden und nichts tun können, außer aushalten. „Dabei war er es doch, der stirbt und nicht ich“, sagt sie im Gespräch. Doch es wird deutlich, dass der Tod des geliebten Lebenspartners gleichzeitig auch eine Art Tod für sie bedeutete. „Am 21. August 2021, Sonntagmorgen, da war etwas anders. Klar stand er unter Morphium, trotzdem war es nicht wie am Tag zuvor. Ich habe das SAPV-Team angerufen, doch ich konnte es nicht erklären, was anders war. Sie sagten, Reinhold hätte den Sterbeprozess eingeleitet, ich sollte ihm sagen, dass ich ihn gehen lasse. Doch wie macht man das?“, versucht Kolle, ihr damaliges Empfinden in Worte zu fassen.

„Ich liebe dich und deshalb lass’ ich Dich gehen“

Sie sei einige Zeit allein bei ihm geblieben – „was da passierte, begreife ich heute noch nicht. Zu sagen: ,Ich liebe dich und deshalb lass’ ich dich gehen’, das hat er mir eigentlich beigebracht. Dann habe ich die Familie angerufen. Reinhold war gestorben.“ Ganz schlimm wurde es für Angelika Kolle noch einmal, als der Leichenwagen ihren Mann endgültig abholte. Acht gemeinsame schwere Jahre waren zu Ende, aber auch acht Jahre voller Leben und Lachen, fast bis zuletzt – trotz der Tage, an denen die Nerven blank lagen, die Kraft nicht nur bei Reinhold, sondern auch bei Angelika Kolle aufgebraucht schien. „Ich habe seitdem eigentlich nur eines bitter bereut: dass ich seinen Wunsch nach einem Wiesengrab erfüllt habe. Denn mir fehlt der Platz zum Trauern, das hätte ich nie gedacht.“

Doch auch in der Zeit danach, dem sogenannten neuen Lebensabschnitt, denkt Angelika Kolle oft an die Kraft, die ihr das Leben mit Reinhold in aller Fülle gegeben hat. Zwei Jahre nach dem Tod hätten sich Trauer und Schmerz verändert. Auch dabei hat sie Unterstützung angenommen. Viele Gespräche mit den Menschen des ambulanten Hospiz- und Palliativ-Beratungsdienstes sowie des Trauercafés, mit Freunden und Familie hätten sie auch ohne Ehemann wieder ins Leben zurückgeführt. Sie engagiert sich jetzt selbst im Hospiz-Verein, hat sich sogar in den Vorstand wählen lassen, unterstützt das Kirchheimbolandener Tierheim über das Second-Hand-Lädchen, besucht wieder Kunsthandwerkermärkte. „Ich habe viel gehadert, dass ich das jetzt alleine machen muss, doch das Loch ist nicht mehr ganz so groß, die Arbeit hilft. Auch die gemeinsame Musikbegeisterung kann ich wieder ertragen; Purple Schulz und wir hatten und haben eine besondere Beziehung zueinander, und ich gehe mit Freunden und der Familie wieder auf Konzerte, die ich mit Reinhold besuchen wollte.“ Es bleibe so vieles, betont Kolle. Nicht nur die Erinnerung an das Schlimme, sondern auch an das Schöne darin – und überhaupt das Lebenwollen in einer Gegenwart ohne den Lebensmenschen.

Die Serie

Immer mehr Menschen sind in Deutschland von Pflegebedürftigkeit betroffen. Das liegt vor allem daran, dass sich die Lebenserwartung stetig erhöht und das Risiko für Pflegebedürftigkeit im Alter steigt. Laut Statistik waren im Dezember 1999 bundesweit rund zwei Millionen pflegebedürftig, im Dezember 2021 waren es bereits fast fünf Millionen. Im Donnersbergkreis gibt es 4335 Pflegebedürftige. Die meisten Menschen werden zu Hause von ihren Angehörigen oder von einem ambulanten Pflegedienst versorgt. Jeder sechste ist in einem Heim zur vollstationären Pflege untergebracht. In einer Serie wollen wir Aspekte von Pflegebedürftigkeit und Pflege aufgreifen. Wir schauen uns die Formen der Versorgung an, sprechen mit Betroffenen und Angehörigen. Wir klären auf, wo es Rat und Hilfe in Sache Pflege gibt und stellen neue Konzepte vor. In der vergangenen Woche ging es in der Serie um die täglichen Aufgaben im ambulanten Pflegedienst. Wer zu diesem Thema Kontakt mit der Redaktion wünscht, kann uns schreiben unter reddonn@rheinpfalz.de oder per Post in die Schlossstraße 8 in Kirchheimbolanden.

Wie die Tagespflege Angehörige bei der Betreuung älterer Menschen entlasten kann, lesen Sie hier.

Trotz seines schweren Schicksals hat sich Reinhold Kolle nie unterkriegen lassen und seine Lebensfreude bewahrt.
Trotz seines schweren Schicksals hat sich Reinhold Kolle nie unterkriegen lassen und seine Lebensfreude bewahrt.
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