Donnersbergkreis „Im Tourismus wird oft zu klein gedacht“
«Kirchheimbolanden.» Seit 2013 ist Alexander Wurster, der Chef des Parkhotels Schillerhain in Kirchheimbolanden, Kreisvorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) und Martin Braun, der Inhaber des Braun-ART Hotels in der Kleinen Residenz, dessen Stellvertreter. Wenn die beiden über das Hotel- und Gaststättengewerbe im Donnersbergkreis sprechen, dann fällt die Bewertung unterschiedlich aus. Einerseits ist da eine Hotellerie, bei der die Stimmung gut ist, andererseits sterben immer mehr Gaststätten. Eine klare Forderung gibt es im Gespräch mit der RHEINPFALZ zudem: Der Donnersbergkreis braucht einen touristischen Leuchtturm.
Die Idee gab es schon vor unserer Zeit als Dehoga-Kreisvorsitzende. Wir haben sie wieder ins Leben gerufen, finden das eine schöne Sache. Wir sind eine starke Branche. Wir haben hier einen tollen Zusammenhalt im Donnersbergkreis. So etwas gibt es nicht überall. Deswegen haben wir gesagt, wir wollen alle zwei Jahre eine gemeinsame Veranstaltung. Wichtig war es uns, die Mitarbeiter zusammenzubringen. Wir, die Inhaber oder Geschäftsführer, sitzen öfter mal zusammen, treffen uns einmal im Monat beim Frühstück, wo wir teilweise auch Gesprächspartner einladen, Themen diskutieren, die uns bewegen. Wir haben einen super Austausch, aber die Mitarbeiter haben diesen nicht. 140 Leute waren da. Es war eine schöne Veranstaltung, zu der auch Gereon Haumann, der Präsident des Dehoga-Landesverbandes, kam. Wie ist denn die Stimmung im Donnersberger Gastgewerbe? Wurster: Das muss man unterschiedlich betrachten. In der Hotellerie ist sie extrem gut. Wir haben hier top Häuser, wenig Investitionsstau im Donnersbergkreis. Wir haben viele Betriebe, die schon längst übergeben sind an die Nachfolge-Generation. Braun: Da steht der Kreis wirklich hervorragend da. In der Hotellerie ist die Nachfolge gesichert. Das sieht nicht überall so aus. Wurster: Stimmt. In Rheinland-Pfalz schätzt man, dass bis Mitte 2020 fast 4000 Betriebe geschlossen werden, oft weil kein Nachfolger da ist. Gute Stimmung in der Hotellerie. Wenn man durch die Dörfer fährt, sieht man allerdings auch immer mehr geschlossene Gaststätten ... Wurster: Ja, das meinte ich mit unterschiedlich betrachten. In der Gastronomie sieht es schwieriger aus. Da haben wir jahrelang die Branche verpennt, versäumt die Wertschöpfung zu generieren, die Wertigkeit darzustellen. Das ist nicht nur hier im Kreis so, sondern deutschlandweit. Im Gastgewerbe ist die Marge so gering geworden, dazu sind es viele kleine Betriebe. Braun: Dafür steht dann die eigene Arbeitsleistung stark im Vordergrund – gerade, wenn man ein kleiner Betrieb ist. Man macht schon nicht so viel Umsatz, hat einen kleinen Betrieb, den muss ich selbst führen. Da wird es schwierig. Die Generation jetzt macht es noch. Aber die Nachfolger fragen sich, muss ich montags bis sonntags im Laden stehen? Wurster: Das Sicherheitsgefühl, das die Jugend haben möchte, dazu Freizeitmöglichkeiten, das schaffe ich im Kleinen nicht. Ich bin immer wieder gefordert, das selbst zu machen. Dann die Schwankungen, kommen viele oder wenige Gäste? Dazu die Preise. Heißt, bei uns in den Gaststätten werden Getränke und Speisen zu günstig angeboten? Wurster: Die Marge im Gastgewerbe ist zwischen null und drei Prozent. Wenn ich 200.000 Euro Jahresumsatz mache und hab’ drei Prozent Marge. Was bleibt da übrig? Es muss am Schluss lebensfähig sein. Wir müssen Werte produzieren. Dafür müssen andere Preise her, dass das Gastgewerbe überhaupt lebensfähig ist. In Südfrankreich zahle ich für einen kleinen Beilagensalat zehn Euro. Da geht kein Hauptgang unter 35 Euro. Hängt das Gaststättensterben aber nicht auch mit einem veränderten Lebenswandel zusammen? Die klassischen Stammtische in den Dorfkneipen gibt es beispielsweise immer weniger. Wurster: Ja, es hat sich verändert. Man sieht das auch beim Mittagstisch. Die wenigsten bieten noch einen an. Heute will man schnell was essen, weil man nur noch eine halbe Stunde Mittagspause hat. Die Essenssituation hat sich definitiv verändert. Es sind aber auch noch viele bereit, Geld auszugeben für gutes Essen. In Ihrer Branche ist auch die Suche nach Personal immer wieder ein Thema. Findet das Gastgewerbe im Kreis ausreichend Mitarbeiter? Braun: Ein schwieriges Thema. Wir müssen da nicht drumherum reden. Eine der größten Herausforderungen, die wir haben, ist die Suche nach Nachwuchskräften. Wurster: Das Thema haben wir uns auf die Fahne geschrieben. Ich bin fast an jeder Schule, halte Vorträge, bin zwei Mal im Jahr mit „Job aktiv“ unterwegs, besuche von Dehoga jegliche Ausbildungsmessen. An die Gymnasien ranzukommen, ist leider fast unmöglich. Da werden die Schüler zum Studium getrieben. Ich finde das die falsche Herangehensweise. Die Leute sollen ruhig Abitur machen, dann besteht aber die Möglichkeit, bei uns eine verkürzte, zweijährige Ausbildung zu machen. Dann kann man immer noch ein Studium dranhängen. Auch die Suche nach Aushilfen ist ein großes Problem. Viele zieht es hier nach dem Abitur weg. So fehlen Leute, die sich was dazuverdienen wollen. Liegt es auch daran, dass das Berufsfeld nicht den besten Ruf hat? Braun: Sicher. Aber genau diesen Ruf kann ich nicht verstehen. Da kommt dann das Argument der Arbeit am Wochenende. Man stellt dem aber nicht gegenüber, welche Vorteile es gibt, wie flexibel man in diesem Beruf ist. In welchem Job kann ich immer meine Wünsche äußern, wann ich gerne frei haben möchte? In welchem Job brauch’ ich keinen Urlaub nehmen, wenn ich mal zum Arzt muss? Ich kann da mit einem Mitarbeiter tauschen. In der Hotellerie habe ich zudem die Möglichkeit, auch mal im Ausland zu arbeiten. Stichwort Tourismus: Ein für Sie wichtiges Feld. Sind Sie zufrieden mit der Situation im Donnersbergkreis? Braun: Im Deutschlandvergleich liegen wir sehr gut. Man muss aber auch differenzieren zwischen den Geschäftsreisenden und dem Urlaubstourismus. Die Geschäftsreisen sind in Kirchheimbolanden sehr, sehr stark. In anderen Teilen des Kreises sieht das anders aus. Dennoch: Wir merken es zum Beispiel schon deutlich, dass es Potters Ballotini nicht mehr gibt. Und das war nicht die größte Firma in Kibo. Wenn wir das merken, merken das auch die Restaurants. Grundsätzlich muss noch viel mehr getan werden. Wenn ich überlege, was für Flächen im Gewerbegebiet wir noch hätten. Wurster: Was Wirtschaftsförderung betrifft, sind wir im Donnersbergkreis extrem hintendran. Wir haben viele Firmen. Aber in Sachen Wachstum tut sich nichts. Wenn ich sehe, wie woanders die Industriegebiete explodieren. Braun: Auch im Tourismus hat sich in den letzten zehn Jahren nichts getan. Man muss das große Ganze sehen, was schaffen, wovon alle was haben. Was meinen Sie konkret? Braun: Uns zieht es bei unseren Überlegungen Richtung Donnersberg. Der wäre auch als Standort sehr fair. Irgendeine Attraktion. Deutschlands größtes Waldlabyrinth ist da beispielsweise eine Idee. Auch Wasser fehlt uns. Wurster: Wir brauchen etwas, das Leuchtturmcharakter hat. Es wird oftmals auch viel zu klein gedacht im Bereich Tourismus. Das sollte eher auf Pfalzebene gehen. Dafür muss man bei der Pfalztouristik aber auch den Donnersbergkreis anerkennen und nicht nur die Vorderpfalz bewerben. Braun: Wir haben nichts, was jemanden von außerhalb anzieht. Wenn mal jemand hier ist, gefällt es ihm hier auch. Es muss nichts sein, was jemanden zwei Wochen hier hält. Ich wäre mit zwei Übernachtungen schon zufrieden. Wenn man überlegt, wie viele hier an der Autobahn vorbeifahren. Sie fahren alle nach Süden. Wir könnten so viele abholen. Wir brauchen aber ein Highlight, damit sie herkommen. | Interview: Sebastian Stollhof