Bad Dürkheim RHEINPFALZ Plus Artikel Klinik Sonnenwende: Familie stellt Strafanzeige

Abgemagert und mit vielen Hämatomen am Körper kehrte ein 81-Jähriger nach Angaben seiner Tochter von einem Aufenthalt in der Kli
Abgemagert und mit vielen Hämatomen am Körper kehrte ein 81-Jähriger nach Angaben seiner Tochter von einem Aufenthalt in der Klinik Sonnenwende zurück.

Die psychiatrische Klinik Sonnenwende steht erneut im Fokus: Eine Friedelsheimer Familie hat Strafanzeige wegen der Misshandlung Schutzbefohlener erstattet.

Der Vater der Friedelsheimer Unternehmerin Anne-Sophie Wagner leidet seit etwa drei Jahren an Demenz. Im Februar 2024 hat ihn seine Familie im Caritas-Altenzentrum in Deidesheim untergebracht. Seit einiger Zeit ist bei Jürgen Wagner ein wiederkehrendes Räuspern zu beobachten, das auch mit einem Auswurf verbunden ist. Auf Anraten des Hausarztes wurde der 81-Jährige in der Gerontopsychiatrie der Median-Klinik Sonnenwende in Bad Dürkheim vorgestellt, um die Ursache herauszufinden. „Wir haben meinen Vater am 29. Oktober dort hingebracht und gingen davon aus, dass er in guten Händen ist“, berichtet Anne-Sophie Wagner.

Aufenthalt wird zum Albtraum

Der Aufenthalt sollte sich für die gesamte Familie zu einem Albtraum entwickeln. „Es ging schon damit los, dass wir den Papa in den ersten zehn Tagen nicht besuchen konnten. Dies sei zum Schutz der Patienten vor einer Corona-Infektion nicht möglich, hieß es seitens der Klinik“, berichtet die Friedelsheimerin. Sie ergänzt, dass in diesem Zeitraum auch kein telefonischer Kontakt zu dem medizinischen Klinikpersonal hergestellt werden konnte. „Ich konnte den Papa zusammen mit meiner Mutter erst am 8. November wieder sehen, und uns bot sich ein Bild des Grauens. Wir haben ihn kaum wiedererkannt“, erklärt Wagner mit bewegter Stimme.

Jürgen Wagner bestand nach ihrer Aussage nur noch aus Haut und Knochen, war voller Hämatome, roch nach Urin und Kot, konnte sich kaum auf den Beinen halten und sei nur schwer ansprechbar gewesen. Fotos, die der RHEINPFALZ vorliegen, bestätigen die Berichte der Familie über den schlechten körperlichen Zustand des Seniors. Bei seiner Einlieferung sei Wagner noch mobil gewesen und hatte der Ärztin gesagt, dass er gar nicht in die Klinik wolle. In den zehn Tagen hat es bei ihm nach den Aussagen seiner Familie eine totale Wesensveränderung gegeben. „Wir haben ihn dann über das Wochenende so gut es ging mit Nahrung und Getränken versorgt und den Wunsch geäußert, ihn wieder nach Deidesheim bringen zu wollen“, erinnert sich Anne-Sophie Wagner. Nachdem die behandelnde Ärztin mitgeteilt hatte, dass das Ende der Therapie erreicht sei, wurde Wagner am 13. November aus der Klinik entlassen und zunächst zurück nach Deidesheim gebracht. Nach Aussage einer Pflegerin in dem Altenheim habe der Mann „total verschlossen und verängstigt“ gewirkt.

Die Familie hat einen Anwalt eingeschaltet

Aufgrund der zahlreichen und auffälligen Hämatome, die vermuten ließen, dass Brüche oder andere schwere Verletzungen nicht auszuschließen seien, wurde der 81-Jährige noch am Tag der Entlassung zur Untersuchung in das Hetzelstift nach Neustadt gefahren. Dort konnten allerdings keine Brüche festgestellt werden. „Die Ursache für die Hämatome kann leider nicht geklärt werden“, erzählt Anne-Sophie Wagner.

Nachdem die Versuche, Jürgen Wagner, der stark dehydriert war, wieder aufzupäppeln, scheiterten, wurde er zur Versorgung in das städtische Klinikum Ludwigshafen gebracht. Zurzeit befindet sich der Patient wieder in Deidesheim, und es geht ihm den Umständen entsprechend gut. „Er hat in Ludwigshafen vier Tage Infusionen bekommen. Nun spricht und läuft er wieder und alles ist wieder einigermaßen in Ordnung“, erklärt die sichtlich erleichterte Tochter.

Dennoch hat Wagners Aufenthalt ein Nachspiel: Die Familie hat am 14. November bei der Polizei Bad Dürkheim Strafanzeige gegen die Klinik gestellt. Der Vorwurf: Misshandlung von Schutzbefohlenen. Die Wagners lassen sich in der Sache mittlerweile durch einen Anwalt vertreten. Die Polizei hat Ermittlungen aufgenommen. Nach deren Abschluss werde der Vorgang an die Staatsanwaltschaft in Frankenthal übergeben. Weitere Auskünfte will die Dienststelle mit Hinweis auf die laufenden Ermittlungen nicht erteilen.

Doch wie reagiert die Klinik? Die Pressestelle der Median-Kliniken in Berlin kann auf RHEINPFALZ-Anfrage den Patienten nicht klar zuordnen – obwohl explizit Alter, Station, Dauer des Aufenthaltes und Krankheitsbild genannt wurden. Zudem verweist man auf den strengen Datenschutz und die ärztliche Schweigepflicht, die Antworten unmöglich machten. Somit bleiben Zweifel an der Herkunft der Hämatome, ebenso ist unklar, ob der Senior fixiert wurde. Auch, ob bei dem 81-Jährigen Eigen- oder Fremdgefährdung vorlag, wird nicht beantwortet. Inwieweit Untersuchungen erfolgten, um das „Räuspern mit Auswurf“ abzuklären, bleibt ebenfalls im Dunkeln. Die Frage nach den aktuell gültigen Corona-Besuchsregeln wurde bis Montag nicht von der Pressestelle beantwortet.

Kommission prüft regelmäßig

Erst im Juni war die Klinik in die Schlagzeilen geraten, weil ein dementer Senior das Krankenhaus unbegleitet verlassen konnte. Er wurde nach drei Tagen hilflos aus einem Hang gerettet. Doch wer prüft eigentlich, ob die Patientenrechte in einer Einrichtung gewahrt sind? Schließlich hatten auch zwei ehemalige Beschäftigte im RHEINPFALZ-Gespräch schon Missstände in der Klinik angeprangert. Einer der Vorwürfe: Bei der Sonnenwende werde zu stark auf Profit und zu wenig auf die Patienten geachtet. Auch Hygiene- und Sicherheitsmängel hatten die Ex-Mitarbeitenden angeführt. Die Vorwürfe hatte die Klinik zurückgewiesen.

Letztlich erfolgt die Kontrolle durch das Landesamt für Jugend, Soziales und Versorgung (LSJV), also durch das Land. Der Kreistag bestimmt nach Angaben des Mainzer Gesundheitsministeriums eine Besuchskommission, der unter anderem ein Facharzt oder eine Fachärztin, ein Angehörigenvertreter und ein Psychotherapeut angehören. Diese Kommission kann die Klinik sowohl unangemeldet als auch angemeldet besuchen. Ihre Aufgabe ist es, zu prüfen, ob die Rechte der nach dem entsprechenden Gesetz untergebrachten Personen gewahrt werden. Dabei müssen die Einrichtungen die Besuchskommissionen bei ihrer Tätigkeit unterstützen und ihnen die gewünschten Auskünfte erteilen, so ein Sprecher des Mainzer Gesundheitsministeriums auf Anfrage.

Dieser Bericht werde dem Kreistag vorgelegt, der ihn an den örtlichen Beirat für psychische Gesundheit weiterleitet. Die Klinik und das LSJV erhalten eine Durchschrift. Die Landesbehörde prüfe den Bericht und könne mutmaßlichen Missständen nachgehen, etwa durch unangekündigte Begehungen vor Ort, so der Ministeriumssprecher. In diesem Jahr habe der Besuch der Kommission bei der Sonnenwende bereits stattgefunden, der Bericht liege aber noch nicht beim Land vor.

Anne-Sophie Wagner jedenfalls ist immer noch zutiefst erschüttert darüber, was ihrem Vater widerfahren ist. Die Erlebnisse lassen der Friedelsheimerin keine Ruhe. Sie könne sich vorstellen, sagt die Unternehmerin, dass dies kein Einzelfall ist: „Wer etwas Ähnliches erfahren hat, kann gern mit mir in Kontakt treten.“

x