Bad Dürkheim / Neustadt
Geretteter Senior: Ehefrau erhebt Vorwürfe gegen Klinik
Vor gut einer Woche hatte eine aufwendige Rettungsaktion mit Hubschraubern, Wärmebildkameras, Hundestaffeln, Polizei, Feuerwehr, Notdiensten und unzähligen ehrenamtlichen Helfern Bad Dürkheim und das Umland aufgewühlt. Ein dementer Senior aus Lachen-Speyerdorf war bereits am Donnerstagabend, 20. Juni, aus der Klinik Sonnenwende in Bad Dürkheim weggelaufen. In ersten Meldungen war von Freitagabend die Rede. Bei der Ehefrau des Vermissten, Eva-Marie Simon, die eine geplante Handoperation im Neustadter Hetzelstift auskurierte, lagen über Tage die Nerven blank. Sie ging davon aus, dass ihr Mann versuchen würde, zu ihr zu kommen und zu Fuß nach Speyerdorf zu laufen. Körperlich fit ist er: „Im Frankreichurlaub vor wenigen Wochen sind wir bis zu 20 Kilometer täglich gelaufen“, sagt Simon.
Von Rettungshund in Steilhang entdeckt
Nach drei Tagen wurde der verunglückte Senior im Steilhang nahe der Klinik von Hunden entdeckt und mit einem Hubschrauber gerettet. Sein Zustand beim Eintreffen in der Unfallklinik war stabil, allerdings war er dehydriert und sein Körper von Schürfwunden übersät.
Im Nachgang zur Berichterstattung hat sich die Gattin des Seniors bei der RHEINPFALZ gemeldet: Sie dankt ausdrücklich allen beteiligten Helfern, die unermüdlich weitersuchten. Allerdings erhebt sie schwere Vorwürfe gegen die Klinik in der Sonnenwendstraße. „Das hätte nicht passieren müssen. Wenn er nicht weggelaufen wäre, ginge es ihm jetzt nicht so schlecht“, kritisiert die 68-Jährige, die über eine Vollmacht für ihren Gatten verfügt. Aktuell liegt der an Alzheimer erkrankte Senior mit Pflegestufe 4 mit einer Lungenentzündung im Evangelischen Krankenhaus in Bad Dürkheim und wird intensivmedizinisch versorgt, ist desorientiert und „ganz benommen“. „Er ist überm Berg, ganz, ganz langsam geht es ihm besser. Aber die ganzen Erlebnisse haben ihn noch mehr geschädigt“, berichtet Simon.
Polizei brachte Senior in Klinik
Zum Verhängnis geworden ist dem 80-Jährigen wohl, dass er kurzzeitig von seiner Frau getrennt werden sollte. Simon hatte ihren Mann als Begleitperson mitgenommen, als sie am Montag vor zwei Wochen zu dem Eingriff ins Hetzelstift musste. Vor der Operation verabschiedete sich das Paar noch mit „Küsschen“ und guten Wünschen für die nächsten paar Stunden. Doch als die 68-Jährige aus dem OP zurückkommt, ist ihr Mann weg. Er hatte zu ihr gewollt und war renitent geworden, weshalb das Krankenhaus die Polizei alarmierte. Die brachte ihn nach einem richterlichen Beschluss vorübergehend in die Klinik Sonnenwende. Von dort erhält Simon am gleichen Abend, selbst noch benommen von den Narkosemedikamenten, einen Anruf des diensthabenden Arztes der Station ihres Mannes: Sie solle sich keine Sorgen machen und auf ihre eigene Genesung konzentrieren – ihr Mann sei gut versorgt, er werde medikamentös eingestellt. Simon geht davon aus, dass ihr Mann auf einer geschlossenen Station untergebracht ist.
Dies ist laut Daniel Hoffmann, Direktor des involvierten Amtsgerichts in Bad Dürkheim, im Gesetz auch so vorgesehen: Personen, die mit richterlichem Beschluss untergebracht werden, kämen immer auf die geschlossene Station.
Klinikverbund will sich nicht zu Fragen äußern
Am frühen Freitagmorgen um 1.09 Uhr steht ein Polizeibeamter an Simons Bett im Krankenhaus: Ihr Mann ist aus der Klinik Sonnenwende entkommen, es wird nach ihm gesucht. „Wie konnte er bloß von der geschlossenen Station entkommen?“, fragt sie sich seitdem – und die RHEINPFALZ die Klinik. Am Freitagnachmittag reagiert Franziska Riethmüller, Pressesprecherin der Median Kliniken, zu dessen Verbund die Klinik Sonnenwende gehört, mit einer allgemeinem Erklärung: Die Median-Kliniken mit Sitz in Berlin wollen nicht intransparent erscheinen, aufgrund des „besonders strengen Schutzes von Patienten- und Gesundheitsdaten“ könne der Klinikverbund aber auf diese und weitere Fragen keine Antwort geben.
Unklar bleibt daher auch, warum die Klinik beim Amtsgericht Bad Dürkheim die Fixierung des Patienten beantragt hatte, die Erlaubnis der Klinik laut Simon ab Mittwoch vorlag und der Mann dennoch entkommen konnte; welche Medikamente zur Beruhigung gespritzt wurden, ob diese nicht ausreichend wirkten und auf welcher Station der Senior vor seinem Verschwinden letztlich untergebracht war. Simon erinnert sich daran, dass man ihr gegenüber telefonisch die Geriatrie erwähnte. Sie geht davon aus, dass ihr Mann erst nach seinem kurzen Aufenthalt in der Unfallklinik, wo er Infusionen aufgrund des dehydrierten Zustands bekam, auf die geschlossene Station kam – erneut in der Klinik Sonnenwende.
Ehefrau: Keine Rückkehr in Klinik Sonnenwende
Von dort musste er vergangene Woche mehrfach in das Evangelische Krankenhaus in Bad Dürkheim verlegt werden, zuletzt wegen einer Lungenentzündung. Simon besucht ihn seit ihrer Entlassung aus dem Hetzelstift vergangene Woche so oft sie kann. Und bereitet sich auf seine Rückkehr vor: „In die Klinik Sonnenwende kommt er jedenfalls nicht mehr.“ Für die Zeit zu Hause hat sich Simon zusätzliche Hilfe organisiert. „Ich stehe parat: Er ist eigentlich topfit, nur im Kopf seit vier Jahren nicht mehr“, sagt Simon, die auch mit schwierigen Phasen des Dementen umgehen kann. „Wenn er renitent wird, weiß ich, was er braucht. Ich habe das im Griff“, sagt die aktive Simon, die mit ihrem Gatten bis zu den dramatischen Tagen der vergangenen Wochen noch regelmäßig Fahrrad fuhr, spazieren ging, puzzelte und im Garten werkelte.
Jetzt hofft sie darauf, dass er zu Hause zur Ruhe kommt und sich auch sein geistiger Zustand wieder etwas verbessert. „Wir sind seit 29 Jahren verheiratet und waren bis zu dieser Geschichte nicht einen Tag getrennt. Mir vertraut er, wenn er mich sieht, wird er ruhig“, sagt sie überzeugt und voller Hoffnung.