Bad Dürkheim RHEINPFALZ Plus Artikel Klinik Sonnenwende: Frühere Beschäftigte erheben schwere Vorwürfe

Im Juni hatte ein dementer Senior allein die Klinik Sonnenwende verlassen. Der Mann wurde drei Tage später aus einem Steilhang g
Im Juni hatte ein dementer Senior allein die Klinik Sonnenwende verlassen. Der Mann wurde drei Tage später aus einem Steilhang gerettet.

Überbelegung, Therapieausfall, mangelnde Sicherheit : Zwei ehemalige Pflegekräfte berichten von Missständen in der psychiatrischen Fachklinik Sonnenwende.

Im Juni war ein dementer Senior aus der Sonnenwend-Klinik geflohen. Der Mann wurde erst nach drei Tagen in hilfloser Lage aus einem Steilhang in der Nähe der Klinik gerettet. Dieser Fall hat viele Menschen bewegt. Drei Frauen aus der Region, deren Ehemänner zeitweise Patienten in der Fachklinik für Psychiatrie und Psychotherapie mit Pflichtversorgung für den Landkreis Bad Dürkheim und die Stadt Neustadt waren, kritisierten gegenüber der RHEINPFALZ die Zustände in der Klinik und den Umgang mit den Patienten (wir berichteten). Zwei frühere Pflegekräfte bestätigen die Kritik – und erheben weiter Vorwürfe.

Sie gewähren einen Einblick in ihren früheren Berufsalltag in der Klinik mit 111 Betten und mehr als 60 Angestellten. Die Namen der beiden Mitarbeitenden, die um Anonymität gebeten haben, sind der Redaktion bekannt. Kritisch sehen sie vor allem die Bereiche Hygiene, Belegung, Sicherheit der Patienten und Angestellten, das Arbeitsklima und den Umgang mit den Angestellten.

Zum Gespräch mit der RHEINPFALZ kommen sie erstmals seit Monaten wieder in die Kurstadt. Noch immer haben sie ein mulmiges Gefühl beim Anblick des Sonnenwende-Gebäudes. Zu belastend seien die Erinnerungen. „Es geht nicht um das Patientenwohl, es wird hauptsächlich auf das Finanzielle geachtet“, meint eine der beiden Pflegekräfte. Vieles werde aufgeschoben: Zum Beispiel sei die Frauentoilette auf einer Station wochenlang gesperrt gewesen: „Wenn Frauen auf die Männertoilette müssen, ist das nicht gerade hygienisch.“ Die Pressesprecherin des Median-Verbundes, zu dem die Sonnenwend-Klinik gehört, dementiert das auf RHEINPFALZ-Anfrage: „Die Toilette wurde aufgrund eines technischen Problems für die Nutzung gesperrt und nach zügig erfolgter Reparatur wieder geöffnet.“

„Da ist es schwer, zur Ruhe zu kommen“

Doch die defekte Toilette ist nur der Auftakt einer Reihe von Missständen, die die beiden früheren Mitarbeitenden nennen. Nicht selten seien Stationen überbelegt, zum Teil lägen Patienten übergangsweise auf dem Gang, lautet ein weiterer Vorwurf. „Die Belegung war immer dann in Ordnung, wenn sich die Besuchskommission angemeldet hat“, schildert die Pflegekraft, die der Pflege aus Überzeugung treu geblieben ist und inzwischen in einer anderen Einrichtung in der Region arbeitet.

Problematisch sei generell, dass in dem psychiatrischen Krankenhaus Patienten mit ganz unterschiedlichen Krankheitsbildern zusammen untergebracht seien, etwa Personen mit (manischen) Depressionen, schizophrenen Psychosen, Persönlichkeitsstörungen, Ess- und Angststörungen, aber auch Alkoholabhängige mit suizidalen Krisen: „Da ist es schwer, zur Ruhe zu kommen und zu genesen.“

Zumal aufgrund von Personalmangel Pflegekräfte und Ärzte fehlten und Therapieangebote wie Psychologengespräche häufig ausfielen. „Nicht selten war in der Nacht oder am Wochenende nur ein Arzt in der ganzen Klinik für alle Stationen anwesend“, berichtet eine Pflegefachkraft.

Zum Teil hätten die Pflegekräfte dann über ihren Verantwortungsbereich hinaus entschieden, dem Rettungsdienst Unterschriften gegeben oder bestimmte Medikationen empfohlen, wenn der Arzt nicht greifbar war, nur unzureichend Deutsch sprach oder nur über mangelnde Erfahrung mit hochaggressiven Patienten verfügte. „Nachts ticken die Uhren in der Psychiatrie anders“, sagen beide unisono, die ihren Job eigentlich gerne ausübten, aber von den Umständen zermürbt worden seien.

Den Vorwurf, dass Ärzte nicht ausreichend mit den Patienten kommunizieren könnten, weist die Pressestelle zurück: „Damit wir nicht-muttersprachliche Fachkräfte schnell integrieren können und ihre Sprachkenntnisse auf- und ausbauen, beschäftigen wir zwei festangestellte Deutschlehrer.“ Eine Integrationsbeauftragte leiste zudem einen Beitrag, damit sich internationale Fachkräfte schnell in den Teams, den Klinikalltag, die Kultur und die Region aufgenommen fühlten. Derzeit seien 20 internationale Pflegekräfte in Anerkennung in der Klinik beschäftigt.

Personalschlüssel wird laut Median erfüllt

Zum Ausfall von Therapieangeboten äußerst sich die Pressestelle nicht explizit. Zur Medikation schreibt die Pressesprecherin: „Die Abgabe von Medikamenten erfolgt auf Grundlage der gesetzlichen Vorschriften nach einem strikten Protokoll, das die Sicherheit und das Wohl der Patienten, die Transparenz und Nachvollziehbarkeit der Medikation sicherstellt.“ Sie werde ausschließlich durch den Arzt oder die Ärztin in der elektronischen Patientenakte verordnet, jede Medikamentengabe werde vom jeweiligen Mitarbeitenden der Pflege in der Akte abgezeichnet und die Einnahme dokumentiert. 24 Stunden am Tag sei eine Ärztin oder ein Arzt im Dienst, womit der vorgegebene Personalschlüssel voll erfüllt werde.

„Auf dem Papier waren wir gut besetzt. Aber in der Praxis sah das anders aus, zudem wurden die Patienten in den Jahren nach Corona gefühlt aggressiver. Piepser, um Hilfe zu holen, funktionierten nicht, das Notfallsystem war veraltet“, widersprechen beide Ex-Beschäftigte. Nachts und am Wochenende hätten sich beide oft nicht sicher gefühlt, schildern beide Pflegekräfte mulmige Situationen.

Die Klinik-Sprecherin betont dagegen: „Wir lassen unsere Kolleginnen und Kollegen nicht alleine auf Stationen zurück. Die Sicherheit unserer Patienten und Mitarbeitenden hat für uns höchste Priorität. An sieben Tagen der Woche, 24 Stunden ist ein Sicherheitsdienst im Haus. Die Mitarbeitenden sind mit Pagern ausgestattet, mit denen in einer Konflikt- oder Notsituation ein fünfköpfiges Personensicherheitsteam zum Ort des Geschehens gerufen werden kann.“ Die Pager würden regelmäßig auf Funktionsfähigkeit geprüft, zudem gebe es die Möglichkeit zur Teilnahme an Deeskalationstrainings für alle Mitarbeitenden, um zusätzliche Fähigkeiten und Techniken zum Umgang mit Konfliktsituationen zu erlernen.

Doch auch für Patienten sei der Aufenthalt in der Sonnenwende nicht immer sicher, sagen die beiden Ex-Beschäftigten: „Der Zahlencode für die Tür an einer der geschlossenen Stationen war lange gleich, den wussten manche Patienten. Zudem schließen die Türen langsam, da können Patienten durchwitschen.“

Eine der früheren Mitarbeitenden sagt klar: Die Kündigung sei auch erfolgt, „weil die Zustände mit meinem Gewissen nicht mehr vereinbar waren“. Der Versuch, das durch persönlichen Einsatz zu kompensieren, habe zu einer großen Menge an Überstunden geführt. „Aber das Verantwortungsgefühl Einzelner gegenüber den Patienten wird von der Klinikleitung ausgenutzt.“

Beiden Pflegekräften sind die strukturellen Probleme bewusst: Fachkräftemangel, gehäufte psychische Erkrankungen nach der Pandemie, Obdachlose, die das System geradezu ausnutzten: „Wer sagt, ich bin suizidal, muss aufgenommen werden. Manchmal bleiben Patienten nur so lange, bis sie wieder über Geld verfügen.“

Nicht nur strukturelle Probleme

Was dennoch bleibe, sei die Kritik speziell an der Klinik Sonnenwende. „Es gibt schon einen großen Unterschied, ob man in einer privaten Einrichtung angestellt ist oder in einer in öffentlicher Trägerschaft. Median will mit den Rehakliniken vor allem Geld verdienen, das merkt man nicht zuletzt am unterdurchschnittlichen Gehalt, der hohen Fluktuation und vergleichsweise geringen Investitionen“, so der Vorwurf. Ähnliche Diskussionen seien immer wieder zu beobachten, entgegnet die Median-Sprecherin. Untersuchungen würden die Aussagen der Ex-Beschäftigten regelmäßig widerlegen – private Krankenhäuser und Kliniken seien anders als viele Häuser in öffentlicher Trägerschaft in der Lage, nötige Investitionen auch zu tätigen.

Doch wie bewertet die Patientenfürsprecherin die Situation in der Klinik? Sie werde immer wieder von Patienten oder deren Angehörigen mit verschiedenen Anliegen angesprochen. Selbstverständlich nehme sie diese ernst und versuche im Rahmen ihrer Möglichkeiten, Klärungen herbeizuführen, Probleme zu lösen und Verbesserungen in den jeweiligen konkreten Fällen zu erwirken. Das geschehe im direkten Kontakt zu den Personen oder hausinternen Ebenen, die in den jeweiligen Fall involviert seien. Sie erlebe dabei stets eine große Offenheit und den Willen, die angemessene und bestmögliche Lösung zu finden, schreibt sie auf RHEINPFALZ-Nachfrage.

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