Pfalzgeschichte(N)
BASF-Explosion 1921: Eine Katastrophe von ungekanntem Ausmaß
Der 21. September 1921 ist ein Mittwoch. In Ludwigshafen und dem angrenzenden Dorf Oppau beginnt ein normaler Arbeitstag. Um 7.32 Uhr erschüttern zwei Explosionen das Chemiewerk. Augenzeugen berichteten, dass zunächst eine schwächere und kurz darauf eine stärkere Explosion stattfand. „Ein greller Blitz durchleuchtete den tauigen Herbstmorgen, der Boden erzitterte wie bei einem Erdbeben, ein rollender Donner folgte, dann abermals ein gewaltiger Blitz mit nachfolgenden unerhörten Explosionen. Häuser wankten, Mauern barsten und stürzten ein, Fensterscheiben klirrten“, beschreibt der Oppauer Lehrer und Ortschronist Karl Otto Braun die Katastrophe. Eine riesige grauschwarze Wolke steigt auf, die sich nach allen Seiten verbreitet.
Das Düngemittelsilo im Stickstoffwerk ist explodiert. Wo der Bau stand, klafft ein riesiger Krater in der Erde: 96 Meter breit, 165 Meter lang und 18,5 Meter tief. Das Oppauer Werk ist zerstört. Gebäude sind eingestürzt. Überall liegen Trümmerhaufen, unter denen Arbeiter begraben sind. Betonfundamente und Eisenträger ragen umgewendet, verbogen und zerrissen aus dem Erdreich. Verwundete schreien. Es herrscht das blanke Chaos. Die Druckwelle ist so stark, dass selbst in Heidelberg, Worms, Darmstadt und sogar im über 80 Kilometer entfernten Frankfurt Glasscheiben zersprungen sind. Die Erschütterungen der Explosion werden noch in der über 300 Kilometer entfernten Erdbebenwarte München registriert.
Oppau schwer getroffen
Das angrenzende Oppau, damals eine selbstständige Gemeinde mit rund 6500 Einwohnern, ist außerhalb des Werks am schwersten getroffen. Etwa 80 Prozent aller Gebäude des Orts sind zerstört. Der Rest beschädigt. Auch in Edigheim und Ludwigshafen, Frankenthal und Mannheim gibt es schwere Schäden. Anwohner aus Oppau und der Umgebung des Werks stürzen in Panik, zum Teil verletzt und nur notdürftig bekleidet aus ihren Häusern.
Das Unglück fordert 561 Leben – darunter 177 Werksangehörige, die größere Zahl von Opfern gibt es unter den Anwohnern. Rund 2000 Menschen werden zum Teil schwer verletzt. Aus dem ganzen Werk eilen Arbeiter herbei, um Verwundete und Tote zu bergen. Teils werden sie auf Leitern zum Hauptverbandsplatz getragen. Rettungskräfte aus der ganzen Region sowie französische Besatzungssoldaten eilen herbei.
In Oppau stehen die Menschen unter Schock. Ein Familienvater, der zu Arbeit ins Werk unterwegs war, liegt unter den Trümmern einer Bäckerei begraben, wo ihn seine Verwandten ausgraben. Ein Vater sucht nach seinem 16-jährigen Sohn Willi, der ebenfalls zu Fuß ins nahegelegene Werk unterwegs war.
Er findet ihn und dessen Freund und Kollegen Paul am Ortsrand. Beide sind tot. Ihre Leichen sind übersät mit Wunden. Die Druckwelle hat Trümmer und Splitter weit geschleudert. Für Willi und Paul kommt jede Rettung zu spät. In dem zerstörten Dorf heulen Hunde, das Vieh brüllt ängstlich, die Menschen weinen.
Leichenhallen in Schulen
Es sind apokalyptische Bilder, die an Krieg erinnern und sich den Überlebenden einbrennen. „Wie mit tausend Fäusten hat der Luftdruck in das unglückliche Dorf Oppau hineingegriffen und kein Haus verschont. Das Dorf steht da, als hätte ein Erdbeben den Boden unter ihm emporgehoben. Aus den geborstenen Häusern hängen die Möbelstücke wie Eingeweide heraus“, schreibt der Sonderberichterstatter einer Zeitung. Die Einwohner stehen in den Trümmern und weinen, anderen hat der Schock die Sprache verschlagen. Provisorische Lazarette und Leichenhallen sind in Schulen eingerichtet worden. „Hier liegen die Toten wie hingemäht. Männer, Frauen und Kinder jeglichen Alters mit furchtbaren Verletzungen. Still und erschüttert verlassen wir das Haus.“
Vier Tage nach der Explosion findet in Ludwigshafen eine zentrale Trauerfeier statt. Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD) ist vor Ort gekommen und spricht in seiner Rede von der fürchterlichsten Katastrophe in der Geschichte der deutschen Industrie. In der Arbeiterschaft herrscht neben Trauer auch Wut. Während BASF-Chef Carl Bosch von „Kampf der Menschen mit den Naturkräften“ spricht, kritisieren Gewerkschaftler die Arbeitsbedingungen und die Sicherheit im Werk. Die Oppauer Gemeinderäte sind am Unglückstag so erbost, dass sie fordern, das „Privatvermögen sämtlicher Direktoren und Aktionäre der BASF“ zu beschlagnahmen – was die Beschuldigten ignorieren.
Sprengung als Auslöser
Die Unglücksursache galt lange Zeit als nicht vollends geklärt. Fest steht: In dem mit 4500 Tonnen Ammonsulfatsalpeter (einem Düngemittel) gefüllten Silo fand eine Lockerungssprengung statt, was vorher schon tausendfach folgenlos geblieben war. „Man hat das gemacht, weil der Dünger im Silo sonst steinhart geworden wäre“, erläutert Stadtarchivar Stefan Mörz. 1921 sei dann damit begonnen worden, den Dünger über Düsen in das Silo zu blasen. Was niemand bemerkte: Das Sprühtrocknungsverfahren führte zu veränderten physikalischen Eigenschaften des Ammonsulfatsalpeters, die es möglich machten, dass das Produkt entgegen vorherigen Annahmen eben doch explodieren konnte, erläutert die BASF. „Bei der Lockerungssprengung flog dann alles in die Luft“, sagt Mörz. Nach dem Unglück wurde mit der Hacke gelockert, Sprengungen wurden verboten.
Die Produktion im Oppauer Werk lag nach dem Unglück elf Wochen still. Dann wurde die Ammoniakproduktion wieder in Betrieb genommen. Über 10.000 Bauarbeiter aus ganz Deutschland waren am Wiederaufbau beteiligt, so der Konzern. Die Schäden für die BASF wurden auf 570 Millionen Mark beziffert. Im Werk erinnert heute noch die „Trichterstraße“ an das Unglück. Sie endet dort, wo der riesige Explosionskrater begann. Das Loch wurde verfüllt. Neue Gebäude und Anlagen wurden errichtet. An die Toten erinnern Ehrenmale auf den Friedhöfen der Stadt und auch in anderen Gemeinden der Pfalz. Zum 100. Jahrestag wird es in Ludwigshafen Gedenkveranstaltungen geben.
Zur Sache: Wie Oppau wieder aufgebaut wurde
Nach dem Unglück gab es eine Welle der Hilfsbereitschaft und viele Spenden. Fünf Tage nach der Katastrophe wurde zur Koordination des Wiederaufbaus das „Hilfswerk Oppau“ ins Leben gerufen. Die Pfalz gehörte damals noch zu Bayern. Die bayerische Staatsregierung berief den Speyerer Karl Stützel (49) zum Staatskommissar des Hilfswerks.
Zunächst galt es, rund 7500 Obdachlose unterzubringen und zu versorgen. Verwaiste Kinder fanden in Kinderheimen oder bei Pflegefamilien Unterkunft, wie es in der Stadtgeschichte heißt. Wer nicht bei Verwandten oder Freunden unterkam, landete in Notquartieren. Große Holzbaracken wurden errichtet. Auch die Schadensregulierung und die Spendensammlung für die Opfer oblag dem Hilfswerk.
BASF-Vorstand weint
Der Beitrag von Karl Stützel zur Bewältigung der Katastrophe war enorm. Zwar hatte BASF-Vorstandschef Carl Bosch noch am Unglückstag auf einer Sondersitzung des Oppauer Gemeinderats unter Tränen erklärt, „die Anilinfabrik kommt für alles auf“. Doch es folgten zähe Verhandlungen über die finanzielle Hilfe zum Wiederaufbau – sehr zur Verbitterung der Betroffenen. Von den Gebäudeschäden war nur ein geringerer Teil durch Versicherungen gedeckt.
Es sollte bis Januar 1922 dauern, bis eine Vereinbarung zustande kam. Die BASF lehnte ein Schuldbekenntnis und damit die rechtliche Verpflichtung zur Wiedergutmachung der Schäden ab, war aber bereit, aus freien Stücken in den Fonds des Hilfswerks Oppau einzuzahlen. Die Geschädigten mussten im Gegenzug auf alle Ansprüche gegen die BASF verzichten. Schäden am Mobiliar sowie „Personenschäden“ waren von der Vereinbarung ausgenommen, schreibt die Historikerin Lisa Sanner in ihrem Buch über das Unglück.
Heftige Konflikte
„Die BASF hat sich arg bitten lassen, um für die Schäden aufzukommen. Letztlich wurde das Meiste bezahlt, aber es gab heftige Auseinandersetzungen. Stützel hat nicht locker gelassen und die Zahlungen durchgesetzt“, sagt der Stadtarchivleiter Stefan Mörz. Der zügige Wiederaufbau sei auch darauf zurückzuführen, dass Architekten Musterpläne für die neuen Häuser entworfen hatten, was dazu führte, dass sich das neue Oppauer Ortsbild recht einheitlich präsentierte. „Es war eine große Wiederaufbauleistung, gut koordiniert und ziemlich schnell“, sagt Mörz.
Als das Hilfswerk Oppau 1924 seine Tätigkeit einstellte, waren in Oppau und Edigheim 2647 Gebäude wiederaufgebaut oder neu errichtet worden. Darüber hinaus waren in Ludwigshafen einschließlich der Vororte 4376 Bauschadensfälle erledigt worden, in Frankenthal 1928 und in 58 weiteren pfälzischen Gemeinden rund 3000 Fälle, bilanziert Historikerin Sanner.
Allein die Kosten für die Behebung der Gebäudeschäden in Oppau wurden von der Staatsregierung Ende 1921 auf 127 Millionen Reichsmark geschätzt. Die Bauleitung beim Wiederaufbau hatte das Hilfswerk mit Karl Stützel an der Spitze. Das hat im Volksmund Spuren hinterlassen. In Oppau sprach man von „gestützelten“ Häusern, Möbeln oder Kleidern.
Inflation entwertet Entschädigungen
Neben der Bewältigung der materiellen Schäden ging es auch um Entschädigungen. Doch in Zeiten einer galoppierenden Hyperinflation durch die Kriegsschulden hatten die Begünstigten nicht viel von dem Geld. Stützel gelang es, die BASF Ende 1924 dazu zu bewegen, den Betroffenen „ohne Anerkennung einer Rechtsverpflichtung“ eine Rente oder eine Abfindung zukommen zu lassen.
Aufgrund seiner Verdienste um den Wiederaufbau wurde Karl Stützel 1924 zum Oppauer Ehrenbürger ernannt. Im Ort erinnert bis heute eine Straße an ihn.


