Interview (1) RHEINPFALZ Plus Artikel BASF-Chef Kamieth: „Viele in der Chemieindustrie beneiden uns“

„Wer in der Chemieindustrie unterwegs ist, kennt Ludwigshafen. Für viele schlägt in Ludwigshafen das Herz der Chemie“, sagt der
»Wer in der Chemieindustrie unterwegs ist, kennt Ludwigshafen. Für viele schlägt in Ludwigshafen das Herz der Chemie«, sagt der BASF-Vorstandsvorsitzende Markus Kamieth.

BASF-Chef Markus Kamieth spricht im Interview über die Politik der Bundesregierung, Trumps Zölle, die Bedeutung des Standorts Ludwigshafen und über Personalabbau.

Sie stehen seit fast 14 Monaten an der Spitze des BASF-Vorstandes. Wenn Sie auf Ihre Erfahrungen als BASF-Chef blicken, was hat Sie am meisten überrascht?
Mich hat positiv überrascht, wie Mitarbeiter und auch Menschen von außerhalb des Unternehmens mich ermutigt haben. Ich hätte mir das schwieriger vorgestellt. Ich empfinde große Dankbarkeit dafür, dass ich so positiv in diesen Job reingekommen bin und mit einem ganz tollen Vorstandsteam zusammenarbeite.

Wie sind Sie denn gestartet? Machen Sie etwas anders als vorher?
In den ersten Monaten habe ich mir viel Zeit für Strategieentwicklung genommen. Was hat bei der BASF gut funktioniert, was weniger gut – und was muss jetzt der Weg nach vorne sein, um das Unternehmen zukunftsfest zu machen? Dann ist diese Zeit auch eine Lernerfahrung. Ich bin zwar 26 Jahre bei BASF, hatte aber vieles noch nicht gesehen. Ich habe viel Zeit damit verbracht, Menschen zuzuhören. Mir ist wichtig, greifbar und sichtbar zu sein.

Einige Wirtschaftsforschungsinstitute haben jüngst ihre Prognosen nach oben korrigiert. Geht es jetzt auch bei der BASF in Deutschland und Europa aufwärts?
Im Moment ist weltweit extrem viel in Bewegung. Mit Prognosen für dieses und kommendes Jahr muss man deshalb vorsichtig sein. Es ist zu früh, jetzt von einer Trendwende zu sprechen. Die etwas optimistischeren Wirtschaftsprognosen sehe ich auch als Reaktion auf das Programm der Bundesregierung. Aber das ist noch kein Anlass, jetzt für die wirtschaftliche Entwicklung sehr enthusiastisch zu sein.

Der „Investitionsbooster“ soll der wirtschaftspolitische Schnellstart der Bundesregierung werden. Wird das die BASF anregen, mehr in Deutschland zu investieren?
Nein. Die Entscheidung, ob wir und wo wir in welche Anlagen investieren, wird nicht in erster Linie durch Abschreibungsmodalitäten oder Steuerquoten bestimmt. Das sind sehr stark strategisch ausgerichtete Investitionen. Wir haben Investitionszyklen von Jahrzehnten und dabei spielen Kostenstrukturen in den Bereichen Personal und Energie, Regulierungen, aber auch Marktentwicklungen eine viel, viel größere Rolle.

Was erwarten Sie denn wirtschaftspolitisch von der Bundesregierung?
Die im Koalitionsvertrag anvisierten Maßnahmen gehen in die richtige Richtung. Da geht es um Standortbedingungen, die Beseitigung regulatorischer Hindernisse ebenso wie um die Energiekosten und um mehr Investitionen in die Infrastruktur. Auch die Bürokratisierung ist als echtes Problem erkannt. Nun müssen diese Vorhaben auch alle in die richtigen Gesetze und Maßnahmen münden.

Wie risikoaffin oder risikoavers muss man als Vorstandsvorsitzender der BASF in diesen turbulenten Zeiten sein?
Im Portfolio unternehmerischer Entscheidungen gibt es leider zu wenige, die vollkommen sicher sind. Es gibt immer einige Entscheidungen, bei denen wollen sie ins Risiko gehen, weil sie sich hohe Gewinne oder Wettbewerbsvorteile versprechen. Die Kunst der Führung eines so großen Unternehmens liegt darin, die richtige Balance zu finden. Und am Ende liegen sie nicht bei allem hundert Prozent richtig, aber sie müssen eben mehr gute als schlechte Entscheidungen treffen.

Was nehmen Sie aus Ihrer Zeit in Asien und Amerika mit? Schauen Sie sich da was ab?
Ja, schon, diesen Mut, Dinge auszuprobieren und jederzeit den Weg wieder zu korrigieren, wenn er sich als falsch herausstellt. Das wünsche ich mir ein bisschen mehr auch für Europa und für die BASF. In den USA und Asien fällt es leichter, schnell voranzukommen.

Die Welt ist aktuell nicht arm an Risiken. Eines davon ist die Handels- politik von US-Präsident Trump. Wie kommt die BASF da durch?
Erst mal profitieren wir im Moment davon, dass die BASF immer schon ihre Anlagen bevorzugt dort gebaut hat, wo ihre Kunden sind. Das gilt sowohl für die USA als auch für Europa und China. Das heißt, wir verschiffen gar nicht so viel an Produkten durch die Welt. Und das schützt uns natürlich vor den direkten Einflüssen der Zollpolitik. Den größten Einfluss auf ein Unternehmen wie BASF hat die Verlangsamung der Industrieproduktion weltweit aufgrund der Unsicherheit, die wir im Moment spüren. Dagegen kann man sich nicht versichern. Die Industrie wartet ab, bei Bestellungen, Innovationen, Investitionen, weil die Rahmenbedingungen so unsicher sind. Das ist Gift für die Weltwirtschaft.

Ein sehr langfristiges Projekt ist der neue Verbundstandort in China. Die Konfrontation zwischen der Volksrepublik und den USA scheint sich zuzuspitzen. Es gibt Säbelrasseln Richtung Taiwan. Welches Risiko bedeutet diese größte Einzelinvestition in der Geschichte der BASF vor diesem Hintergrund?
Zunächst einmal ist die Investition in Zhanjiang eine Investition für den chinesischen Markt. Der chinesische Chemiemarkt macht fast die Hälfte des Weltmarkts aus und wächst überproportional. Und der Markt braucht für die nächsten Dekaden innovative und wettbewerbsfähig hergestellte Produkte auch mit niedrigerem CO 2 -Fußabdruck als es heute in China üblich ist. Deswegen ist die Investition in China für uns sehr wichtig. Über geopolitische Szenarien zu spekulieren, hilft da nicht viel.

Es ist doch erklärtes Staatsziel der Volksrepublik, sich Taiwan einzuverleiben. Was passiert, wenn es da richtig knallt? Dann könnten auch die USA mit Sanktionen gegen Unternehmen reagieren ...
Jetzt fangen Sie richtig an zu spekulieren.

Ein solches Szenario ist denkbar.
Es sind viele Dinge denkbar in dieser Welt, aber das hilft Ihnen im wahren Leben nichts. Natürlich schauen wir uns die Risiken jeder Investition an, was möglicherweise passieren kann in den Märkten, auch geopolitisch. Ich glaube, strategisch ist der neue Standort in einer hervorragenden Position. Er ist wettbewerbsfähig in einem Markt, der weiterhin sehr stark wachsen wird.

Das Stammwerk in Ludwigshafen steckt immer noch tief in den roten Zahlen. Die Kosten sollen um weit mehr als eine Milliarde Euro sinken. Der Standort soll schlanker, aber stärker werden. Wo muss er denn noch schlanker werden und wo ist er denn schon stärker geworden?
Wir haben ja gerade erst angefangen, den Standort schlanker und stärker zu machen. Er ist auch schon immer ein starker Standort gewesen. Viele in der Chemieindustrie beneiden uns um den Verbund hier in Ludwigshafen. Wir haben im vergangenen Jahr sehr detailliert analysiert, auf welche Anlagen wir uns hier verlassen können, weil sie langfristig wettbewerbsfähig sind. Und das sind knapp 80 Prozent unserer Anlagen. Dieses Ergebnis hat uns noch einmal darin bestätigt, dass wir weiter auf Ludwigshafen setzen.

Ludwigshafen ist also bereits stark, muss diese Stärken aber auch in dem sich verändernden Umfeld weiterhin ausspielen können. Das heißt: in einem europäischen Chemiemarkt, der in den vergangenen Jahren deutlich geschrumpft ist. Ein Großteil davon wird nicht wiederkommen. Da ist strukturell etwas verloren gegangen. Viele unserer Kundenindustrien haben ihre Exportfähigkeit aus Europa verloren. China zum Beispiel macht mittlerweile sehr viele der Verbraucherprodukte selbst, die früher aus Europa kamen. Damit ist die Chemienachfrage in Europa rückläufig.

Die Chemieindustrie in Europa steht vor einer Phase der Konsolidierung und der Restrukturierung. Das geht am größten europäischen Chemiestandort nicht vorbei. Wir müssen also Kapazitäten anpassen, nicht wettbewerbsfähige Anlagen entweder verbessern, indem wir die Kosten senken, oder eben in Einzelfällen auch schließen. Darüber hinaus müssen wir sehr viel stärker auf die Produktivität schauen, weil die Wachstumsraten in Europa niedrig bleiben werden. Und die Personalproduktivität insbesondere hier in Ludwigshafen war in den vergangenen Jahren nicht gut genug, um den Standort dauerhaft fit zu halten.

Deshalb geht es auch um den Abbau von Arbeitsplätzen am Standort. In einem ersten Sparprogramm war von netto 1800 Stellen die Rede. Bei einem zweiten Sparpaket, das die Kosten in Ludwigshafen um eine Milliarde Euro senken soll, wurde der Arbeitsplatzabbau nie beziffert. Wie hoch wird er ausfallen? Geht es um eine mittlere vierstellige Anzahl von Stellen?
Wir haben ihn deswegen nicht beziffert, weil wir uns auf die Reduktion der Kosten fokussieren. Und dabei spielen ganz viele Punkte eine Rolle. Ich bin dagegen, hier eine konkrete Personalzahl zu nennen, vor allem für Zeiträume von zwei, drei Jahren. Denn diese Zahl wird dann zu einer Zielgröße, zum Selbstzweck, und das ist sie eben nicht. Deswegen diskutieren wir intern intensiv, wo wir hier über die nächsten Jahre Personal abbauen müssen. Aber diese eine große Zahl für Deutschland oder für Ludwigshafen, nach der Sie fragen, die hat aus meiner Sicht keinen besonderen Wert und kann nur abgeschätzt werden. In den kommenden Jahren wird auch die Marktentwicklung eine Rolle spielen und wie schnell wir mit unseren gesamten Maßnahmen vorankommen.

Welche Rolle spielt denn in diesem Zusammenhang der Einsatz von KI?
Künstliche Intelligenz wird in allen Bereichen eines Unternehmens wie der BASF immer wichtiger. Ich würde sogar sagen, auch in allen Bereichen der Gesellschaft. Die Möglichkeiten, die künstliche Intelligenz bei Innovation bietet, sind faszinierend. KI wird uns helfen, neue Produkte zu entwickeln, noch zielgerichteter, aber auch schneller. Aber künstliche Intelligenz hat auch großes Potenzial in Sachen Produktivität und Effizienz. Da stehen wir noch am Anfang. Ich glaube, ein so vielfältig aufgestelltes Unternehmen wie BASF benötigt dabei einen breiten und dezentralen Ansatz. Wir werden mittelfristig sehr starke Effizienzgewinne sehen. Aber die brauchen ihre Zeit, und die nehmen wir uns. Künstliche Intelligenz kann Produktivitätstreiber und ein Wettbewerbsvorteil für BASF sein, weil wir hier unsere Größe und unsere Skaleneffekte ausspielen können.

Sie haben eben gesagt, man kann den Personalabbau in Ludwigshafen nur abschätzen. 500 Millionen Euro im Sparprogramm sollen wesentlich über Personalkosten eingespart werden. Wenn man das hochrechnet, kommt man auf mehrere tausend Stellen, die dann wegfallen dürften. Kommt diese Größenordnung in etwa hin?
Wie gesagt: Für uns ist das Wichtigste, den Standort Ludwigshafen wieder profitabel zu machen. Natürlich können Sie solche Rechnungen anstellen und Sie werden auch, egal wie Sie es ausrechnen, immer in etwa in einer richtigen Größenordnung landen.

Wo in Europa würde die BASF denn heutzutage ihr Hauptquartier errichten?
Ich finde Ludwigshafen nicht schlecht. Aber das ist eine hypothetische Frage. Die BASF gibt es hier seit 160 Jahren, und sie ist von hier aus Weltmarktführer in der Chemie geworden. So schlecht können die Bedingungen also nicht sein. Es gibt nicht mehr viele deutsche Unternehmen, die sich Weltmarktführer nennen können. Wir sind stolz darauf. Wer in der Chemieindustrie unterwegs ist, kennt Ludwigshafen. Für viele schlägt in Ludwigshafen das Herz der Chemie. Wir fühlen uns hier sehr wohl und teilen eine gemeinsame Geschichte mit der Stadt und dem Umfeld.

Andere finden den Standort sogar so spannend, dass sie Drohnen über das Stammwerk fliegen lassen, um zu schauen, was da alles so passiert. Hat es Sie erschrocken, was da Ende 2024 geschah? Haben Sie mit so etwas gerechnet?
Es kam nicht unerwartet. Wir haben ein gut vorbereitetes Sicherheitsteam, das eng mit den zuständigen Behörden zusammenarbeitet, erprobte Sicherheitskonzepte und fühlen uns gut gerüstet. Mich hat das deshalb nicht über Gebühr nervös gemacht. Aber dies ist für uns auch Ansporn, uns zu fragen, was wir noch verbessern können.

Die BASF in Ludwigshafen verhandelt gerade über eine neue Standortvereinbarung. Der alte Vertrag läuft zum Jahresende aus und enthält einen Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen. Streben Sie das auch in einem neuen Vertrag an? Und was bedeutet eigentlich eine neue Standortvereinbarung angesichts der anstehenden starken Personalreduktion?
Die Standortvereinbarung ist ein bisschen wie ein Koalitionsvertrag. Sie ist eine gute Basis für die mehrjährige Zusammenarbeit von Arbeitnehmervertretern und Unternehmensleitung. Sie muss genug Freiheiten bieten, um als Unternehmen auch auf kurzfristige Entwicklungen reagieren zu können. Und sie muss vor allen Dingen auch ermöglichen, die neue Unternehmensstrategie wirkungsvoll umzusetzen. Das haben die Standortvereinbarungen in der Vergangenheit immer getan, das sollte auch in Zukunft so sein. Ich gehe davon aus, dass Unternehmensleitung und Betriebsrat sich auf einen guten und plausiblen Weg für die BASF SE einigen werden.

Markus Kamieth im Porträt: Mit der Coolness eines Eishockeyspielers

Fortsetzung folgt

Den zweiten Teil des Gesprächs mit dem BASF-Vorstandsvorsitzenden lesen Sie am Montag. Darin geht es unter anderem um die neue Strategie des Konzerns und die Beschäftigung am Standort Ludwigshafen.

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