Wissen RHEINPFALZ Plus Artikel Statt Hammer und Meißel: Der Dosenöffner wird 150 Jahre

Der moderne mechanische Dosenöffner funktioniert mit einer relativ großen Flügelschraube. Aus hygienischen Gründen kommen die Te
Der moderne mechanische Dosenöffner funktioniert mit einer relativ großen Flügelschraube. Aus hygienischen Gründen kommen die Teile nicht mit dem Inhalt der Dose in Berührung.

Wer sich Anfang des 19. Jahrhunderts eine Konservendose aufmachen wollte, stand vor einem Problem: Der Dosenöffner war nämlich noch nicht erfunden. Die Gebrauchsanweisung riet in solch einem Fall: „Hammer und Meißel benutzen“. Zum Glück änderte sich das. Vor 150 Jahren, am 12. Juli 1870, wurde der Dosenöffner zum Patent angemeldet.

Wer zuvor weder Hammer noch Meißel zur Hand gehabt hatte und wem der Hunger unerträglich wurde, griff einfach zur Axt. Ein kurzer Hieb – und die Sauerei war perfekt. Die berühmte Kochbuchautorin Henriette Davidis riet ihren Lesern noch in der 1849er-Ausgabe ihres „Praktischen Kochbuchs“: „Das Aufmachen geschieht entweder durch Einschlagen des Deckels mittels eines Beiles oder mit einem alten Messer und einem glühenden Eisen.“ Für diejenigen, die damit etwas überfordert schienen, hatte die Meisterköchin aber auch noch einen Plan B parat: „Wem das Öffnen der Büchsen beschwerlich fällt, lasse sie von einem Klempner vorsichtig öffnen.“Soldaten griffen ohnehin lieber zu ihrem Bajonett. Zwei Kreuzschnitte mit roher Gewalt in den Deckel geschlitzt, die Ecken nach oben gebogen: Schon stand den kulinarischen Verlockungen der Konserve nichts mehr im Weg. Dennoch bestand unbestritten Verbesserungsbedarf.

Die Blechstärke der Dosen wurde dünner

Der kam mit einem speziellen Gerät zum Öffnen von Konservendosen, das sich erstmals der Engländer Robert Yeates 1858 patentieren ließ. Yeates Erfindung profitierte davon, dass das verwendete Blech der Dosen mit der Zeit immer dünner wurde. Bald waren die Blechstärken so dünn, dass man auch ohne Hammer und Meißel, nur mit einer relativ kleinen Messerklinge, bis ins Doseninnere vordringen konnte. Die große Stunde der Dosenöffner war gekommen. Unzählige Techniken und noch mehr unterschiedliche Modelle überschwemmten den Markt. Doch eines hatten sie alle gemeinsam: Immer musste eine kleine Klinge mit relativ großem Kraftaufwand zuerst in das Deckelblech getrieben werden. Dann wurde diese mit mehr oder weniger Geschick Stück für Stück durch das Blech gehebelt. Der Erfolg war oftmals gering, ganz im Gegensatz zum Verletzungsrisiko übrigens.

Sogenannte Blechdosenscheren hatten eine etwas bessere Erfolgsbilanz. Das waren kleine, aber sehr stabile Scheren mit gebogenen Schneiden. Damit schnitt man sich den Weg ins Innere der Dose frei. Doch wirklich einfach und zumindest einigermaßen hygienisch war das alles nach wie vor noch nicht. Eine bessere Lösung musste also her. Die kam am 12. Juli des Jahres 1870.

Das Schneidrad war wegweisend

William Lyman aus Connecticut, USA, hatte sich mit dem Patent Nr. 105,346 die Mutter aller modernen Dosenöffner patentieren lassen. Seine Neuerung: ein Schneidrad anstelle von starren oder gebogenen Klingen. Lymans Dosenöffner hatte an einem Ende einen Metalldorn, den man in die Mitte des Dosendeckels stieß, wo er verblieb, während man den Dosenöffner absenkte. Das Schneidrad berührte dann den Dosendeckel kurz vor dem Rand und konnte so, mit Druck im Kreis geführt, den Deckel aufschneiden. Die Idee mit dem Schneidrad war zwar gut, aber man musste ständig einen relativ großen Druck ausüben, damit das Klingenrad beim Schneiden auch im Dosenblech verblieb und nicht den viel einfacheren Weg des geringeren Widerstandes in die Finger des Anwenders fand. Lymans Dosenöffner mit Schneidrad war zwar noch nicht wirklich ausgereift, dafür aber wegweisend für alles, was noch kommen sollte.

1920 ließ sich Edwin Anderson einen Dosenöffner patentieren, der im Gegensatz zu Lymans Erfindung an der Seite der Dose angesetzt werden konnte und den Dosenrand zwischen zwei Rädern einklemmte. Das zweite Rad war ein wenig geriffelt, um nicht an der glatten Dose abzurutschen und zudem mit einer großen Kurbel für den Weitertransport der Büchse versehen.

Dieser Büchsenöffner sah heutigen Modellen schon recht ähnlich, funktionierte allerdings eher mittelprächtig, da der Dosenrand trotz Riffelrad gerne einmal durchrutschte.

Das Prinzip: Ein geriffeltes Klemmrad

1931 bekam die Bunker Clancey Company of Kansas City, Missouri, dann ein Patent auf einen Öffner, der beide Räder, Klemm- und Schneidrad, über eine einfache Zahnradkonstruktion miteinander koppelte. Als Antrieb gab es nun keine Kurbel mehr, sondern eine übergroße Flügelschraube, mit der beide Räder durch die Zahnradkonstruktion in eine gegenläufige Drehung versetzt werden konnten. Da das Klemmrad auch noch stärker geriffelt war als bei Andersons Konstruktion, hatte die Dose nun keine Chance mehr durchzurutschen. Theoretisch zumindest. Dennoch: An diesem Prinzip hat sich quasi bis heute nichts geändert.

Einen Nachteil haben aber all diese Dosenöffner auch heutzutage noch: Man kann sich an den Schneidrändern von Deckel und Dose überraschend stark blutende Wunden zuziehen. Dazu ist es noch nicht einmal notwendig, ein arger Grobmotoriker zu sein. Mit ein bisschen Pech und ein wenig Unaufmerksamkeit wird der Deckel auch komplett abgetrennt und fällt dann in die Konservennahrung hinein, was ebenfalls unschön ist. Aber auch für diese beiden letzten großen Probleme der Dosenöffner gibt es inzwischen eine Lösung.

Schon in den 1980er-Jahren wurden Modelle entwickelt, die den Dosenrand an der Seite außen am Falz auftrennen. So kann der Deckel anschließend sogar wieder auf die Dose aufgesetzt werden und auch die Verletzungsgefahr ist deutlich reduziert. Diese sogenannten Sicherheitsdosenöffner haben aber noch einen weiteren Vorteil: Keines ihrer Teile kommt mit dem Doseninhalt in Berührung, was natürlich hygienischer ist. Wer wünscht sich da schon noch ein Beil zum Dosenöffnen zurück?

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