Wissen RHEINPFALZ Plus Artikel Schmetterlinge: Für die Rettung braucht es Begeisterung

Josef Reichholf brachten Begegnungen mit Insekten in seiner Kindheit zur Biologie. Er sieht bei der Bildung des Bewusstseins für
Josef Reichholf brachten Begegnungen mit Insekten in seiner Kindheit zur Biologie. Er sieht bei der Bildung des Bewusstseins für Naturschutz auch die Schulen in der Pflicht.

Seit im Herbst 2017 Ergebnisse der „Krefeld-Studie“ veröffentlicht wurden, ist das Insektensterben einer breiten Öffentlichkeit ein Begriff. Die Abnahme der Fluginsekten um ungefähr 80 Prozent seit Mitte der 1990er-Jahre hat vor allem in Bezug auf Wildbienen für Aufsehen gesorgt. Mit eigenen Forschungen bestätigt der Ökologe Josef Reichholf den Rückgang der Schmetterlinge in dieser Größenordnung.

Der 74-jährige Honorar-Professor, der unter anderem an der Technischen Universität München gelehrt hat, ist überzeugt, dass uns der Schwund der Falter ebenso angeht wie der Rückgang der Bienen – und er weiß, was sie noch retten könnte. Darüber hätte er auch im April in einem Vortrag in Speyer informiert, doch der wurde jetzt wegen der Corona-Epidemie abgesagt.

Auch wenn von den ungefähr 560 Wildbienenarten in Deutschland keine Honig herstellt, sind sie Sympathieträger. Das mag an ihrer pelzigen Erscheinung liegen oder an ihrem Fleiß, mit dem sie Nektar und Pollen sammeln. Es könnte bei vielen aber auch das Wissen um die Bestäubung zahlreicher Wild- und Kulturpflanzen wie Apfelbäume und Beerensträucher durch die wilden Verwandten der weltweit bloß neun Honigbienenarten sein, dass sie sich um deren Wohlergehen sorgen. Unsere Ernährung und damit unser Überleben erscheint eng mit dem Schicksal der Bienen verbunden.

Erlebnisse mit Wildtieren

Es sind persönliche Erlebnisse mit Wildtieren, die Glücksgefühle auslösen und eine lebenslange Beziehung zu ihnen begründen können, wie Reichholf in seinem 2018 erschienenen Buch „Schmetterlinge: Warum sie verschwinden und was das für uns bedeutet“ beschreibt. Als Jugendlicher hat der Niederbayer die Puppe eines Totenkopfschwärmers in einem Glas auf Torfmull gesetzt, diesen immer wieder leicht befeuchtet und dann den bald geschlüpften Schmetterling bewundert, den er auf seinen Zeigefinger kriechen ließ.

Gelegentlich Hummeln streicheln

Doch was „endgültig den Biologen in mir weckte“, schreibt Reichholf, war die Begegnung der Hauskatze mit dem farbenprächtigen Schwärmer. Als sich die Katze dem Falter näherte und ihn mit einem Schnurrhaar berührte, „schnellte dieser den gelb-schwarz geringelten Hinterleib zwischen den Flügeln hervor und piepste schrill. Vor Schreck wich die Katze zurück, fiel übers Sofa herunter und zog sich darunter zurück“. Der promovierte Biologe ist sich sicher: „Kein Buch, keine Schilderung so eines Vorgangs hätte eindrucksvoller vermitteln können, was eine ,Schrecktracht’ bedeutet und wie sie wirkt.“ Noch Jahre später, wenn Reichholf „gelegentlich einmal eine Hummel streichelte und damit zu einem leisen Surren anregte“, habe er daran zurückgedacht. „Der Totenkopfschwärmer […] hatte mich berührt.“

Methode tötet Insekten nicht

Als Biologie-Student begann Reichholf in seiner Heimat am unteren Inn damit, Nachtfalter mit UV-Licht anzulocken und zu fangen, um am nächsten Morgen die Individuen- und Arten-Anzahl zu bestimmen. „Diese Methode tötet die Insekten nicht, das ist der Unterschied zur Krefeld-Studie. Aus Sicht des Artenschutzes ist dieses Vorgehen völlig in Ordnung“, sagt der frühere langjährige Leiter der Sektion Ornithologie der Zoologischen Staatssammlung München im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Ebenfalls in den 1970er-Jahren führte Reichholf bereits Zählungen von Tagfaltern durch: an Wald- und Feldwegen sowie an Dämmen. Über seine Ergebnisse unterrichtete er in den 80er-Jahren an der Uni in München.

Zehnmal mehr Nacht- als Tagfalter

„Der generelle Trend ist ein Rückgang der Häufigkeit der Nachtschmetterlinge seit den 70er-Jahren in Feld und Flur um ungefähr 80 Prozent“, teilt Reichholf über seine Forschungen vor allem in Ostbayern mit. Im Allgemeinen gebe es von den nachtaktiven Falterarten ungefähr zehnmal mehr als von den tagaktiven und ihre Individuenanzahl sei um das Dreißig- bis Fünfzigfache größer, weiß er. Auch das Schwinden der Tagfalter bewege sich um die 80 Prozent. Im Auwald am unteren Inn sei die Abnahme der Schmetterlinge mit ungefähr einem Drittel deutlich geringer ausgefallen, aber doch noch immer erheblich, differenziert der Ökologe.

Gülle ein Problem

„Der Hauptgrund für die Rückgänge liegt in der Überdüngung, nicht in erster Linie in der Vergiftung auf den Fluren. Aufgrund der hohen Düngegaben können nur vergleichsweise wenige Pflanzenarten, die sehr konkurrenzstark sind, draußen überleben“, sagt Reichholf. Nur Raupen- oder Larvenstadien von Faltern, die sich von solchen stickstoffliebenden Pflanzen, etwa der Brennnessel, ernährten, „kommen durchaus in ganz guten Häufigkeiten immer noch vor“, informiert er.

Zu diesen Arten zählt der Experte Pfauenaugen, Kleine Füchse und Admirale. Insbesondere zu viel Gülle aus der Tierhaltung sei ein großes Problem; nicht nur für die Äcker und Felder sowie das Grundwasser, aufgrund der Ausgasung von Stickstoffverbindungen auch für das Umland. Eine weitere Ursache für den Schmetterlingsschwund sieht Reichholf in zu häufig und zu ungünstigen Zeiten durchgeführten Pflegemaßnahmen von Wiesen und Grünflächen. „Die Situation im Bereich der Auwälder am Rhein ist ähnlich wie die am unteren Inn. Mäharbeiten werden meist an Lohnunternehmer vergeben, die diese ausführen, wenn sie gerade Zeit haben. Zudem wird pro Quadratmeter gezahlt, weshalb oft alles auf einmal gemäht wird“, so der Ökologe.

Durch dieses Verfahren kämen viele Wildblumen nicht mehr zum Blühen, womit Nahrung für Schmetterlinge und Bienen fehle. Wo es aber blühende Wildblumen und Stauden gebe, etwa in Gärten und auf gut gepflegten Wiesen, dort seien die „Rettungsinseln“ zahlreicher Schmetterlingsarten zu finden. Von dort aus sei eine Ausbreitung auf weitere ökologisch wertvolle Flächen möglich.

Falter unverzichtbare Bestäuber

Um Kinder und Jugendliche für die Natur zu begeistern – eine Voraussetzung für die Motivation zum Naturschutz –, fordert Reichholf neben der Pflege von Schulgärten eine Änderung des Artenschutzgesetzes. Denn dieses erlaube Fachlehrern an Schulen bisher nur mit Ausnahmegenehmigung, beispielsweise die Raupenentwicklung zum Schmetterling vorzuführen. Dabei seien Falter nicht nur als Bestäuber zahlreicher Wildpflanzen unverzichtbar. Ihre Schönheit sei als Wert an sich, der allein schon ihre Existenz rechtfertige, anzuerkennen. Erfahren könne man diese aber nur in der unmittelbaren Begegnung mit den Lebewesen.

Lesezeichen

Josef Reichholf: „Schmetterlinge: Warum sie verschwinden und was das für uns bedeutet“, September 2018, Carl Hanser Verlag, 228 Seiten, ISBN 978-3446260337, gebundene Ausgabe 24 Euro, E-Book bei Amazon oder Google Books 17,99 Euro.

Nicht nur schön anzuschauen, sondern auch in wichtiger Funktion unterwegs: ein Zitronenfalter auf einer Karthäusernelke.
Nicht nur schön anzuschauen, sondern auch in wichtiger Funktion unterwegs: ein Zitronenfalter auf einer Karthäusernelke.
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