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Jahrelange Erschöpfung: Womöglich ein Virus
Heute ist ein guter Tag. Heute hat Andrea Weber die Nacht ohne Schmerzen durchgeschlafen, mittags zwei Stunden die Augen zugemacht und am Morgen mit Fernseh-Serien den Akku aufgeladen. Danach konnte sie es riskieren, sich langsam ans Tagwerk zu machen – ein krankes Kind aufmuntern, sich mit einem Journalisten unterhalten. Immer mit dem Gedanken: Wenn ich meine Energie zu schnell verbrate, werde ich bitter dafür büßen.
Seit über zwei Jahren kennt die Münchnerin auch die schlechten Tage, an denen ihre Batterien sie im Stich lassen. An denen sie gerädert, mit durchgeschwitztem Nachthemd aufwacht. An denen sie den Fön kaum halten kann – und nach der Morgentoilette eine Stunde Pause braucht.
Begonnen hat ihr Leben auf Sparflamme vor zwei Jahren. Damals war die heute 33-Jährige mit üblen Halsschmerzen und dicken Mandeln aufgewacht. In der Arztpraxis sackte sie mit über 41 Grad Fieber zusammen. Pfeiffersches Drüsenfieber lautete die Diagnose, in ihrem Alter nichts Ungewöhnliches. Insgesamt erkranken in Deutschland jedes Jahr geschätzte 40.000 Menschen an der Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus – EBV, wie ihn die Fachleute kurz nennen.
Drei Jahre daheim
Drei Monate dauert es im Schnitt, bevor man wieder zur Arbeit gehen kann, haben niederländische Forscher gemessen. Nach einem Jahr ist ein Fünftel immer noch krankgeschrieben. Und bei bis zu 3 Prozent findet die Krankheit kein Ende. Auch Andrea Weber war nach einem Jahr zu schwach und zu kaputt, um zur Arbeit zu gehen, Freunde zu treffen, zu leben – sie war in ein chronisches Müdigkeitssyndrom abgeglitten.
Wie schafft ein Virus das und wie kann man es verhindern? Das versuchen Forscher weltweit herauszufinden. Denn ein Chronisches Müdigkeitssyndrom, in der Fachsprache CFS, ist nicht das einzige Leiden, das man den Viren anlastet.
Schon in den 1960er Jahren wunderten sich die Wissenschaftler Anthony Epstein und Denis Burkitt über einen Lymphdrüsen-Krebs, der eng begrenzt war, wie eine Infektion. So stießen sie auf den Erreger. Inzwischen wurde das Epstein-Barr-Virus noch in vielen anderen Tumoren entdeckt. Rund 2 Prozent aller bösartigen Geschwüre werden ihm zugeschrieben. Darunter sind seltenere Leiden wie das Hodgkin-Lymphom oder der Nasenrachenkrebs, aber auch 10 Prozent der Magenkarzinome.
95 Prozent haben den Erreger im Körper
Außerdem steht das Virus in Verdacht, viele Autoimmunkrankheiten anzuschieben. Ein überstandenes Pfeiffersches Drüsenfieber macht etwa eine Multiple Sklerose 30-mal wahrscheinlicher – so stark wirkt sich nicht einmal Rauchen auf das Lungenkrebsrisiko aus. Auch bei Rheuma und der Autoimmunkrankheit Lupus erythematodes gibt es merkwürdige Zusammenhänge. Was besonders unbehaglich ist: 95 Prozent aller Deutschen haben sich angesteckt und tragen den Erreger im Körper.
In den 1970er Jahren versuchten deutsche Wissenschaftler erstmals, das mit einer Impfung zu verhindern. Sie scheiterten genauso wie drei Jahrzehnte später das Pharmaunternehmen GlaxoSmithKline. Einer der Gründe: Das Virus ist sehr wandelbar und mit einem einzigen Impfstoff kaum zu erwischen. „EBV durchläuft in seinem Lebenszyklus verschiedene Phasen und verwandelt sich dabei ständig“, erklärt Henri-Jacques Delecluse vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, der dem Virus auf der Spur ist.
Wenn der Erreger den Körper entert, beginnt er sich wie wild zu vermehren. Das Immunsystem reagiert geradezu hysterisch. Die typischen Symptome des Pfeifferschen Drüsenfiebers – dicke Lymphknoten, Fieber, Müdigkeit – hat der Kranke nicht dem Virus selbst, sondern den aufgeregten Abwehrzellen und ihren Entzündungsbotenstoffen zu verdanken, mit denen die versuchen, den Eindringling unter Kontrolle zu bekommen.
Eine Tarnkappe macht das Virus unsichtbar
Ist die Infektion bekämpft, setzt der Erreger eine Art Tarnkappe auf und verschwindet in den B-Lymphozyten. In diesen Immunzellen des Körpers bleibt er für den Rest unseres Lebens. Er schleicht sich dort in die Signalwege ein und beginnt, die Zellen umzuprogrammieren. Nach nur drei Tagen hören die Lymphozyten nicht mehr auf, sich zu teilen und mit ihren Tochterzellen Viruskopien herzustellen und zu verbreiten.
Ungebremste Vermehrung, das kennt man sonst nur von Krebszellen – und tatsächlich: von der Umwandlung in ein aggressives Lymphom trennen die mit EBV infizierten Lymphozyten nur noch wenige Mutationen. Solche Babytumoren trägt mehr oder weniger jeder in sich. „Der einzige Grund dafür, dass wir nicht alle an EBV sterben, ist unser Immunsystem, das diese Krebsvorstufen regelmäßig aus dem Weg räumt“, erklärt Delecluse. Dass damit im Körper eine Art Zeitbombe tickt, zeigt sich bei Organ-Transplantierten und HIV-Infizierten. In ihrem geschwächten Abwehrsystem entsteht aus den Babytumoren immer wieder Krebs. Auch die Immunabwehr von Senioren stößt bei der Überwachung des Virus regelmäßig an seine Grenzen.
Diese Tarnkappen-Erreger, glaubt Delecluse, muss man mit einer Impfung ebenfalls erwischen. Er arbeitet mit einem künstliche Virus aus dem Labor, das kein eigenes Erbgut hat und so keine Immunzellen anstecken kann. Erste Versuche waren erfolgversprechend: Zumindest Labormäuse schien die Spritze vier Wochen lang zu schützen. Das kann sich sehen lassen. Aber erst frühestens in fünf Jahren wird sich zeigen, ob das Ganze auch beim Menschen funktioniert.
Impfen wird schwierig
Doch selbst wenn der Forscher erfolgreich sein sollte, wird sich die Frage stellen: Wem soll man die Spritze geben? Babys? Die Wahrscheinlichkeit, einen EBV-Tumor zu bekommen, ist insgesamt gering. An der Multiplen Sklerose erkranken pro Jahr etwa 6500 Deutsche. Ein Ermüdungssyndrom ist nicht viel häufiger. Zudem kommen gerade Kinder mit dem Erreger erstaunlich gut zurecht. Es sind vor allem Erwachsene und Jugendliche, bei denen die Ansteckung mit EBV zum Drüsenfieber führt. Jüngere haben oft nur normale Erkältungssymptome. Von einer frühen Impfung würden Kinder also wahrscheinlich nicht profitieren.
Die Alternative wäre, nur die zu immunisieren, die bis zum Jugendalter keine EBV-Infektion bekommen. Das wäre rund die Hälfte der Deutschen. Der Vorteil: Man würde vielen von ihnen das Pfeiffersche Drüsenfieber ersparen und damit die späte, heftige Erstansteckung, die das Risiko von gefährlichen Langzeiteffekten erhöht.
Allein das, glaubt Uta Behrends, wäre schon ein großer Fortschritt. Im Auftrag des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung untersucht die Kinderärztin gerade, wann und unter welchen Umständen beim Drüsenfieber Komplikationen wie ein Müdigkeitssyndrom entstehen.
Studie: Sich nicht zu früh belasten
Ein Zwischenergebnis: „Schwere Verläufe sind deutlich häufiger als allgemein angenommen“, sagt die Wissenschaftlerin von der Technischen Universität und dem Helmholtz Zentrum in München. 200 Pfeifferkranke hat sie bisher in ihre Studie aufgenommen. Schon bei diesen wenigen Patienten traten mehrfach Komplikationen wie zugeschwollene Luftwege, Milzrisse, Gehirnentzündungen oder das Müdigkeitssyndrom auf; es gab sogar einen Todesfall.
Besonders riskant scheint es zu sein, wenn sich Drüsenfieberkranke zu früh wieder belasten. Nicht jeder möchte warten, bis er ganz auskuriert ist. Und spielt mit dem Feuer. Denn wenn zum Beispiel eine entsprechende genetische Veranlagung dazukommt, lassen Stress und Anstrengung die aufgeregten Abwehrzellen gar nicht mehr zur Ruhe kommen. Was, glauben die Forscher, der Grund dafür ist, dass das Drüsenfieber manchmal chronisch wird und in ein Müdigkeitssyndrom mündet.
Tatsächlich hat man beobachtet, dass gerade Leistungssportler, Spitzenschüler und andere besonders ehrgeizige Menschen nach einer Infektion oft in eine dauerhafte Erschöpfung rutschen.
Doch selbst wenn ein Drüsenfieber ausgestanden ist, hält das Virus die Immunabwehr weiter auf Trab. Einzelne Erreger, die in den B-Lymphozyten wohnen, ziehen dort immer wieder ihre Tarnkappe ab. Weil sie sich dann vermehren, bleibt ein Infizierter ein Leben lang ansteckend.
Das Virus hält die Immunabwehr fit
Das kann man auch positiv sehen: Das Epstein-Barr-Virus wird so für die aufgescheuchten Abwehrzellen zum Sparringspartner, der sie ständig trainiert, sodass das Immunsystem auch gegen andere Viren aggressiv bleibt und den Körper gut in Schuss hält. Diese Theorie vertritt Christian Münz vom Institut für Experimentelle Immunologie der Universität Zürich.
Allerdings hat der ständige Kampf wahrscheinlich genauso Nebenwirkungen: Bei Menschen, deren Abwehrzellen überempfindlich reagieren, wendet sich das Immunsystem plötzlich gegen den eigenen Körper. Autoimmunkrankheiten, sagt Münz, können eine der Folgen sein.
Bei der Multiplen Sklerose kommt hinzu, dass der Erreger Merkmale auf der Oberfläche trägt, die denen auf den Nervenhüllen zum Verwechseln ähnlich sehen. Statt den Epstein-Barr-Virus beginnen die Abwehrzellen dann die Markscheiden anzugreifen, deren Zerstörung die Multiple Sklerose auslöst. Auch so etwas scheint ein heftiges Drüsenfieber zu begünstigen, wie manche Forschungsergebnisse nahelegen.
Cortison macht dem Erreger den Weg frei
Im Moment gibt es kaum gute Behandlungsmethoden. Die Medikamente, die die Vermehrung des Erregers bremsen sollen, haben ihre Wirkung noch nicht bewiesen. Mit Mitteln, die das übererregte Immunsystem dämpfen wie Cortison, riskiert man, dass das Virus erst recht den Weg freigeräumt bekommt. „Richtig viel haben wir den Patienten noch nicht zu bieten“, meint Uta Behrends. Schonung, weniger Stress, Haushalten mit den eigenen Kräften – das ist vorerst alles, was Drüsenfieber- und Ermüdungssyndrom-Patienten wieder auf die Beine helfen kann.
Andrea Weber jedenfalls wird es morgen vorsichtig angehen lassen. Nach einem Jahr steht der erste Arbeitstag der Kinderkrankenschwester an – zwei Stunden, leichter Dienst im Schlaflabor, sonst droht ihr ein Leben als Hartz-IV-Empfängerin. Dass sie ganz nervös ist vor dem Neustart, wie sie sagt, liegt auch daran, dass ein ähnlicher Versuch schon einmal gescheitert ist. Drei Stunden Klinik am Tag überforderten ihre Reserven.
Und sie hat sich noch mehr vorgenommen: Zusammen mit Uta Behrends will sie in München eine Selbsthilfegruppe für erschöpfte Kinder und Jugendliche gründen. „Das Drüsenfieber hat mir meine Persönlichkeit geraubt“, sagt sie. „Dann hätte der ganze Mist am Ende wenigsten noch etwas Positives bewirkt.“