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Invasive Arten: Wehret den Anfängen
Wenn bisher hierzulande unbekannte Wirbeltiere, Insekten, Pflanzen und andere Organismen auf dem Sprung nach Europa sind, fragen Forscher schon längst nach der Gefährlichkeit der Neuankömmlinge für Natur und Artenvielfalt, aber auch für den Menschen und sein Wirtschaften.
Diese Frage wollen Olaf Booy von der Newcastle University in England und seine Kollegen um einen wichtigen Punkt ergänzen: Wie aufwändig und teuer wäre die Bekämpfung einer solchen invasiven Art – und wie sollten wir unsere Mittel überhaupt einsetzen? „Schließlich sind vor allem unsere finanziellen Möglichkeiten begrenzt, und wir müssen auch bei der Abwehr gefährlicher Neuankömmlinge Prioritäten setzen“, kommentiert Ingolf Kühn vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle die Studie seiner Kollegen.
Größe machte Art zur begehrten Zierpflanze
Auf einer solchen Liste bleiben invasiven Arten wie dem Riesen-Bärenklau aus guten Gründen nur die hinteren Plätze. Dabei ist die aus dem Kaukasus stammende Art ein Paradebeispiel für einen Eindringling, der sich rasch ausbreitet und dabei erhebliche Schäden anrichtet. Die beeindruckende Größe von bis zu drei Metern machte die Art zur begehrten Zierpflanze in Parks und Gärten, die 1817 zum ersten Mal in der Samenliste des Botanischen Gartens im Londoner Stadtteil Kew auftauchte.
Elf Jahre später wuchs verwilderter Riesen-Bärenklau dann bereits in der Grafschaft Cambridgeshire. Da die Samen vom Wind weit verweht und von Bächen und Flüssen viele Kilometer mitgeschwemmt werden können, breitet sich die Art rasch aus. So hat der Riesen-Bärenklau inzwischen weite Teile Großbritanniens, die gesamten Benelux-Staaten, Deutschland, Dänemark, Tschechien und die Slowakei erreicht und wächst auch in etlichen Regionen Frankreichs, Österreichs, Polens, Finnlands, Schwedens, Norwegens und sogar in Island.
In den betroffenen Gebieten verursacht dieser Eindringling durchaus Probleme: „In feuchten Wiesentälern überwuchert der Riesen-Bärenklau rasch die einheimischen Arten“, erklärt Ingolf Kühn. Vor allem aber spritzen die Pflanzen bei Berührung Menschen und Tieren eine Flüssigkeit in die Haut, die vom ultravioletten Teil des Sonnenlichts zu einem Gift aktiviert wird, das Entzündungen und in schlimmen Fällen großflächige Verbrennungen auslösen kann. Es gibt also triftige Gründe, den Riesen-Bärenklau wieder loszuwerden.
Methoden zur Bekämpfung stoßen an Grenzen
„Allerdings müsste diese invasive Art in Handarbeit und sehr personalintensiv bekämpft werden“, nennt Ingolf Kühn die entscheidende Hürde für ein solches Vorhaben: So müsste der Riesen-Bärenklau kurz nachdem sich Früchte bilden abgeschnitten und am besten gleich vor Ort verbrannt werden. Da die Pflanze aus ihren Wurzeln rasch oder auch erst in der folgenden Saison nachtreiben kann, muss regelmäßig nachkontrolliert werden. Neue Triebe müssen wieder entfernt oder gleich die ganze Wurzel aufwändig ausgegraben werden. Bei einer invasiven Art, die sich über weite Teile West-, Mittel- und Nordeuropas ausgebreitet hat, stößt diese Methode rasch an ihre Grenzen. „Wir werden uns also mit dem Riesen-Bärenklau arrangieren müssen“, so Ingolf Kühn weiter.
Ähnliches gilt auch für weitere Arten, die sich wie der Japanische Stauden-Knöterich und die Kanadische Goldrute oder der Waschbär und der Marderhund in Europa bereits auf relativ großen Flächen verbreitet haben. Das Team um Olaf Booy hatte also triftige Gründe, solche inzwischen gut etablierten Arten bei ihrer Analyse zu ignorieren. Die Forscher konzentrierten sich stattdessen auf 60 Eindringlinge, die erst in Zukunft nach Europa kommen könnten und 35 weitere Invasoren, die hierzulande bisher nur vereinzelt aufgetreten sind.
Erhebliche Unterschiede zwischen Ökosystemen
Für jede dieser 95 Arten hatten Studien bereits früher ein hohes oder sehr hohes Risiko für Natur und Wirtschaft nahegelegt. „Allerdings sind solche Abschätzungen oft alles andere als einfach“, erklärt Ingolf Kühn. So können sich die Forscher zum Beispiel anschauen, wie sich eine aus Ostasien stammende Art in Nordamerika verhält. Nur gibt es zwischen den Ökosystemen auf beiden Seiten des Atlantiks erhebliche Unterschiede, die solche Vergleiche schwierig machen. „Obendrein kann es auch Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte dauern, bis eine eingedrungene Art sich als schädlich erweist“, nennt Ingolf Kühn eine weitere Hürde bei solchen Risiko-Kalkulationen.
Solche Verzögerungen können zum Beispiel an Änderungen beim Klima liegen. Oder zwischenzeitlich verschwindet eine einheimische Art, und der Eindringling nutzt die frei gewordenen Ressourcen. Kommt die gleiche invasive Art dann nach Europa, kann sie auf ganz andere Verhältnisse stoßen und sich ganz anders verhalten.
Trotzdem lassen sich inzwischen die Risiken grob abschätzen, die verschiedene Eindringlinge mit sich bringen könnten. Wie sich diese Invasoren bekämpfen lassen, wenn sie erst einmal hier sind, das haben sich Olaf Booy und seine Kollegen jetzt angeschaut: Wie schwierig ist es, diese Eindringlinge wieder los zu werden? Wie effektiv klappt das? Und was kostet es? Die Antworten auf diese und andere Fragen haben die Forscher mit den Abschätzungen der Gefahren zu einem Ranking der Prioritäten beim Bekämpfen solcher Invasoren kombiniert.
Mit Fallen lässt sich die Invasion im Keim ersticken
Ganz oben in dieser Liste landeten Arten wie der nordamerikanische Flusskrebs Faxonius rusticus, die einerseits sehr gefährlich sind, sich andererseits aber gut bekämpfen lassen. Auf den hinteren Plätzen des Rankings landen dagegen Arten, die sich nur mit hohem Aufwand und nicht allzu effektiv zurückdrängen lassen.
So hat der rund zehn Zentimeter lange Flusskrebs Faxonius rusticus aus seiner einstigen Heimat, dem Ohio und seinen Nebenflüssen im Osten der USA, etliche weitere Regionen in Nordamerika erobert und dort die angestammten Flusskrebse verdrängt. Im Jahr 2019 ist diese Art auch in Frankreich aufgetaucht und wird in Europa ebenfalls als brandgefährlich eingeschätzt. „Mit Fallen könnte man diese Eindringlinge gut fangen und die drohende Invasion im Keim ersticken“, erklärt Kühn.
Ein ähnliches Vorgehen empfehlen Olaf Booy und seine Kollegen bei weiteren Arten wie bei der auffällig großen Berberkröte, die aus ihrer Heimat im Nordwesten Afrikas über die spanischen Enklaven Ceuta und Melilla auf die iberische Halbinsel gelangte. Auch den Kleinen Beutenkäfer sieht Ingolf Kühn in dieser Gruppe. Diese Parasiten eroberten aus dem südlichen Afrika kommend weite Teile Australiens und Nordamerikas. Ihre Larven fressen außer Honig und Pollen vor allem die Brut der Honigbienen und können so auch ein vorher gesundes Bienenvolk innerhalb weniger Wochen zerstören.
Befallene Stöcke wurden sofort verbrannt
Als die Art im Jahr 2004 in Portugal bei importierten Bienenköniginnen entdeckt wurde, fackelten die Behörden nicht lange und vernichteten die Eindringlinge rasch. Auch die im September 2014 an der Spitze des italienischen Stiefels aufgetauchten Kleinen Beutenkäfer wurden sofort bekämpft, die befallenen Stöcke verbrannt und der Boden der Umgebung, in dem sich der Nachwuchs der Käfer verpuppt, mit Insektiziden behandelt.
Noch besser als diese Strategie eines „Wehret den Anfängen“ ist ein noch früheres Eingreifen: „Vorbeugen ist ja immer besser als heilen“, erklärt UFZ-Forscher Ingolf Kühn. Arten sollten also erst gar nicht nach Europa gelangen. Das gilt ganz besonders für Invasoren, die einmal angekommen voraussichtlich einerseits große Schäden anrichten dürften und andererseits kaum zurückgedrängt werden könnten. Dazu zählen Olaf Booy und seine Kollegen den Gestreiften Korallenwels, der im tropischen Indischen Ozean lebt und über das Rote Meer ins Mittelmeer gelangen könnte. „Auch das Alligatorkraut gehört in diese Gruppe“, sagt er.
Der Feind kommt in Verpackungsholz aus Asien
Diese Pflanzen haben aus ihrer südamerikanischen Heimat bereits die USA, China, Thailand, Australien, Neuseeland und andere Länder erreicht und überwuchern dort andere Sumpf- und Wasserpflanzen. Solche Pflanzen können als Verunreinigung zum Beispiel im Ballastwasser von Handelsschiffen eingeschleppt werden. Um das zu verhindern, dürfen Schiffe dieses Ballastwasser nur noch auf hoher See austauschen.
Andere Arten wie der Asiatische Laubholz-Bockkäfer kommen dagegen auf dem Landweg und stecken im Verpackungsholz aus ihrer chinesischen Heimat. In Europa befallen diese Insekten Eschen, Weiden, Pappeln und andere Gehölze, an denen sie erhebliche Schäden anrichten. Eingeschleppt wurden diese Invasoren bisher in verschiedene Gebiete Europas zwischen Oberösterreich, mehreren Kantonen der Schweiz, verschiedenen Departments in Frankreich und deutschen Städten wie Bonn und Magdeburg sowie in weiteren Landkreisen wie Ebersberg in der Nähe von München.
Käfer werden mit Lockstoffen geködert
In diesen Gebieten ordneten die Behörden jeweils strenge Maßnahmen an und ließen zum Beispiel bedrohte Bäume in einer Befallszone mit einem Radius von 100 Metern rund um die entdeckten Eindringlinge fällen und verbrennen. In einer ein bis zwei Kilometer großen Pufferzone werden eventuell vorhandene weitere Käfer mit Lockstoffen geködert und anfallendes Holz strikt kontrolliert, um weitere befallene Gebiete zu entdecken und zu kontrollieren. Mit diesen Maßnahmen konnte bisher eine invasive Ausbreitung des Asiatischen Laubholz-Bockkäfers verhindert werden.
„Vorbeugen ist aber auch hier natürlich die bessere Option“, erklärt Kühn. Daher muss solches Verpackungsholz inzwischen mit Insektiziden behandelt werden. So wird das Einschleppen der gefährlichen Art bereits in China unterbunden. Derartige Maßnahmen sind allemal preiswerter als die aufwändige Bekämpfung einer bereits laufenden Invasion. Und vor allem versprechen sie einen besseren Erfolg.