WISSEN Der Wald der Zukunft: Samenernte in 40 Metern Höhe

Der Forstwirt Marvin Eichelmann steht zur Samenernte in den Wipfeln einer Weißtanne und erntet die reifen Zapfen (Luftaufnahme m
Der Forstwirt Marvin Eichelmann steht zur Samenernte in den Wipfeln einer Weißtanne und erntet die reifen Zapfen (Luftaufnahme mit einer Drohne).

Für den Wald der Zukunft, der durch eine genetische Vielfalt widerstandsfähiger sein soll, klettern Samenpflücker bis in die Wipfel.

Wer an den Samen der Tanne herankommen will, der muss in die Baumwipfel bis ganz nach oben steigen – wie Alexander Wieners und Marvin Eichelmann. Die jungen Forstwirte sind als Zapfenpflücker im Eggegebirge im Einsatz, ganz im Osten von Nordrhein-Westfalen. Bei ihrer Tätigkeit geht es darum, die Grundlage für den Wald der Zukunft zu ernten. Während die ungeöffneten Tannenzapfen in diesem Waldstück mühsam in schwindelerregender Höhe eingesackt werden müssen, ist es andernorts leichter, Samen zu sammeln – etwa im Spessart in Bayern, wo das Eichelsammeln eine lange Tradition hat.

Das Zapfenpflücken ist eine Wissenschaft für sich. Alexander Wieners steht am Fuß einer Tanne. Erst einmal muss ein Kletterseil hoch im Baum festgemacht werden. Mit einer Art XXL-Katapult peilt Wieners die Krone des mächtigen Baumes direkt vor ihm an. Sein Ziel ist ein Ast, der sein Gewicht tragen kann. „Der muss grün sein, der muss fix sein, dem muss man vertrauen“, sagt er.

Im besten Fall schießt Wieners zunächst eine dünne Schnur über mehrere Äste nah am Stamm. Wenn das klappt und das Gewicht an der Schnur wieder am Boden landet, wird daran ein dickes rotes Kletterseil nachgezogen und unten festgemacht. Es kann eine Stunde dauern, bis alles passt. Auch der erste Schuss kann ausreichen. Bei diesem Baum aber nicht.

Proviant und Wasser dabei

An der Tanne nebenan macht sich sein Teampartner Eichelmann unterdessen für den Aufstieg fertig. Sein Bauchgurt ist stark beladen. Um eine ringförmige Halterung stülpt er den Erntesack, damit er die Zapfen leicht einwerfen kann. Proviant und Wasser müssen mit. Wenn die Tannen eng genug stehen, kann er mit einem Wurfhaken an einem zweiten Seil direkt von einer Krone zur nächsten wechseln. Mit dem selbst geschnitzten langen Pflückstab, der am Ende einen Haken aufweist, zieht der 24-Jährige Äste mit den Zapfen an sich heran.

Steigeisen gehören nicht zur Ausrüstung, denn sie könnten den schönen Baum beschädigen. Das Aufstiegsgerät, Steigklemmen und Sicherungen am Seil, macht es möglich, dass die Zapfenpflücker im Stil von Bergsteigern wie bei einem Treppenaufstieg an Höhe gewinnen. Eichelmann ist schnell oben. Als er sich durch die unteren toten Äste vorarbeitet, rieseln alte braune Nadeln wie Schnee herab. Dann verschwindet er in der Krone. Es geht weiter bis zur Spitze – dort stehen die begehrten Zapfen senkrecht auf den Ästen.

„Das ist nichts für schwache Nerven. Die Bäume sind 35 bis 40 Meter hoch“, betont Forstamtsleiter Roland Schockemöhle vom Regionalforstamt Hochstift. Und in der schwankenden Krone müssten die Leute stehen und die Zapfen herunterpflücken. „Ich habe riesengroßen Respekt vor unseren Kollegen, die das hier unerschrocken mit ganz viel Ruhe und Gelassenheit einfach machen“, lobt er. Drei Zapfenpflücker und ein Mann als „Bodenpersonal“ bilden an diesem Tag das Team. Im Notfall kann eine Leitstelle per Knopfdruck informiert werden. Vor der Aktion wird geprüft, ob sich der Aufwand dort überhaupt lohnt.

Es dauert nicht lange nach dem Aufstieg und der erste gefüllte Sack mit den ersten Hunderten Tannenzapfen rauscht nach einer Vorwarnung zu Boden. Marius Zimmermann, Sachgebietsleiter Forstgenetik des Zentrums für Wald und Holzwirtschaft, schätzt das Potenzial der Samenernte in diesem Waldstück auf fünf bis sechs Millionen neuer Tannenbäumchen.

Viele Bäume stellen eine hohe genetische Vielfalt sicher. Die Zapfenernte muss nachreifen, wird getrocknet, aufgearbeitet, bis das Samenkorn am Ende bereitsteht für Forstbaumschulen, Waldbesitzer und den Einsatz im Landesbetrieb Wald und Holz.

Die Weißtannen in diesem Waldstück sind rund 130 Jahre alt. „Wie die hierhergekommen sind, wissen wir nicht. Vermutlich hat einer der Vorgänger im Schwarzwald Urlaub gemacht und ein paar Tannenzapfen mitgebracht“, meint Schockemöhle.

Die Samenernte hier und anderswo sei ein weiterer Schritt auf dem Weg zum Wald der Zukunft. „Jetzt machen wir uns dran, die Wälder von morgen zu begründen und zu gestalten, und da ist die Weißtanne eben einer – nicht der – der Bausteine“, erklärt er. Die Tanne könne mit mächtigen Wurzeln Stürmen und Trockenheit besser trotzen als die Fichte.

Richtige Mischung macht’s

In den buchengeprägten Mischwäldern der Region war vor 2018 im Schnitt jeder vierte Baum eine Fichte. Jetzt sind es nur noch wenige Prozent. So liegt auch zwischen den Tannen, in denen gerade die Zapfenpflücker arbeiten, eine tote Fichte, an der sich Pilze ansiedeln.

„Wir werden künftig noch stärker auf Mischen setzen, Laubholz mit Nadelholz, heimische Bäume mit Bäumen aus anderen Regionen“, sagt Schockemöhle. Mal Bäume, die aus herabfallendem Samen entstanden sind, mal Pflanzungen, mal Baumnachwuchs, der gesät wurde. „Wir mischen so gut es geht, um das Risiko zu streuen“, berichtet er.

Waldbau-Professor Sebastian Hein von der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg in Baden-Württemberg wirbt für Vielfalt in mehrfacher Hinsicht. „Wer streut, der rutscht nicht. Wer Vielfalt hat, wird ein geringeres Risiko haben“, verdeutlicht er. Der Aufbau großer Fichten- und Kiefernwälder habe bereits im 19. Jahrhundert mit der Industrialisierung begonnen. Solche Nadelwälder seien anfälliger als Mischwälder für Stürme, Schädlinge, Krankheiten und die Folgen des Klimawandels.

Deshalb geht es dem Experten zufolge um einen schrittweisen Umbau. Ziel sei eine Vielfalt bei den Baumarten, bei der Dimension der Bäume und bei den Bewirtschaftungskonzepten. Neben dichten kühlen Waldflächen könnten lichte warme Wälder Habitate für manche wärmeliebenden Insekten wie Schmetterlinge sein. Angesichts längerer Trockenphasen kämen neben einheimischen Bäume potenziell auch etwa Eichenarten aus dem Mittelmeerraum für den Wald der Zukunft in Deutschland in Betracht. „Es wird auch in Zukunft Wälder geben, aber es werden andere Wälder sein“, prognostiziert Hein.

Ein besonderes Naturerlebnis bieten seinen Worten nach dieses Jahr die Eichen, die in einer Reihe von Bundesländern viele Früchte trügen. So ein Maximum komme im Schnitt nur alle fünf bis sechs Jahre vor. „Wenn die Eicheln Anfang bis Mitte November fallen und dabei auf die Blätter darunter klatschen, ist das ein richtiges Konzert“, berichtet der Waldbau-Fachmann. Sebastian Hein verweist auf die Tradition des Eichelsammelns beispielsweise im Spessart in Bayern. An der Wiederbewaldung wirken so viele Familien in der Region mit. dpa

Ein Förster hält zur Samenernte der Weißtanne einen aufgeschnittenen Weißtannenzapfen in der Hand.
Ein Förster hält zur Samenernte der Weißtanne einen aufgeschnittenen Weißtannenzapfen in der Hand.
Auf einer Fläche im Eggegebirge ist eine aufgeforstete Lichtung zu sehen, in der viele neue Baum- und Tannenarten neben bereits
Auf einer Fläche im Eggegebirge ist eine aufgeforstete Lichtung zu sehen, in der viele neue Baum- und Tannenarten neben bereits abgestorbenen Fichten angepflanzt wurden.
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