Wissen RHEINPFALZ Plus Artikel Antarktis: Auf der Suche nach Ernest Shackletons Schiff

 Die Endurance wurde vom Eis eingeschlossen. Die Hunde mussten ihr Leben lassen, um die Besatzung vor dem Hungertod zu bewahren.
Die Endurance wurde vom Eis eingeschlossen. Die Hunde mussten ihr Leben lassen, um die Besatzung vor dem Hungertod zu bewahren.

Zu den großen Träumen der Menschheit zählen schon immer Expeditionen zu den Polen. Viele von ihnen scheiterten. So auch die beiden Versuche des irisch-britischen Seefahrers Ernest Shackleton. Sein Schiff sank. Aber Wissenschaftler geben nicht so leicht auf. Und so macht sich bald erneut ein Schiff auf, um das Wrack zu finden. Es ist nicht nur die Hoffnung auf das Schiff selbst, das die Forscher antreibt.

Das Schiff des Polarforschers Ernest Shackleton sank 1915 im Weddellmeer, nachdem es zehn Monate lang im Eis feststeckte. Eine Expedition, die das Wrack der „Endurance“ aufspüren wollte, scheiterte 2019. Nun will derselbe Forscher einen erneuten Anlauf wagen. Sollten die Antarktisforscher die letzte Ruhestätte von Ernest Shackletons Schiff finden, wäre es eine historische Sensation.

Der irisch-britische Shackleton hat selbst auch Geschichte geschrieben, wobei ihm der ultimative Erfolg allerdings verwehrt blieb: Den Südpol hat er nicht erreicht. Er kam ihm 1909 zwar so nah wie sonst nie jemand zuvor, doch 180 Kilometer davor mussten er und seine drei Begleiter schließlich doch noch umkehren. Zwei Jahre später machte der norwegische Forscher Roald Amundsen Shackletons Träume, als erster den Südpol zu erreichen, mit seiner Ankunft dann vollends zunichte.

Im Eis eingeschlossen und langsam zerquetscht

Auch Shackletons nächster Versuch, die Antarktis auf dem Landweg zu überqueren, war nicht von Erfolg gekrönt: Sein Schiff „Endurance“ wurde im Eis eingeschlossen und letztlich nach etwa zehn Monaten zerquetscht. Noch bevor es sank, konnte sich die Mannschaft auf Eisschollen retten.

Im April 1916, nach dem endgültigen Verlust des Segelschiffes, machten sich die Männer in drei kleinen Booten auf nach Elephant Island, von wo sie nach dem insgesamt zwei Jahre dauernden Martyrium gerettet wurden. Um zu überleben, hatten sich die Männer von Pinguinen ernährt und sogar die Hunde der Expedition verspeist. Letztendlich kehrten aber – wie durch ein Wunder – alle 28 Besatzungsmitglieder lebend nach Hause zurück.

Auch erste Expedition endete mit Rückschlag

Die gesunkene „Endurance“ nach all der Zeit zu erreichen, geschweige denn ihren genauen Aufenthaltsort aufzuspüren, ist keine einfache Aufgabe: Ein Großteil des Weddellmeeres kann mit bis zu drei Meter dickem Meereis bedeckt sein, das selbst für die stärksten Eisbrecher unpassierbar ist. Wie unberechenbar Meereis generell sein kann, wurde nicht zuletzt in den Jahren 2013 und 2014 deutlich, als eine Expedition, die den Spuren des Polarforschers Sir Douglas Mawson folgte, im Eis der Antarktis steckenblieb und in einer großangelegten, globalen Aktion gerettet werden musste.

Wie schnell das Eis Hoffnungen zerstören kann, hat auch der britische Archäologe Mensun Bound schon am eigenen Leib erlebt. Bei seinem letzten Versuch, die „Endurance“ zu finden, blieb ein autonomes Unterwasserfahrzeug (AUV) im Eis stecken. Die Expedition endete ohne Erfolg. Trotzdem plant Bound nun einen erneuten Anlauf, das historisch bedeutende Schiff zu finden, wie gerade erst bekannt wurde.

Zum 100. Todestag von Ernest Shackleton

Die neuerliche Reise wird etwas einfacher sein, da das durch den Klimawandel schmelzende Eis leichter zu passieren ist. „In mir schwirrt eine Vielzahl von Emotionen herum: Einerseits ist die Aufregung groß, andererseits musste ich in den vergangenen drei Jahren mit dieser anhaltenden Traurigkeit umgehen, dass wir sie beim letzten Mal nicht gefunden haben“, wie er in einem Interview erklärte. Das sei stets in seinen Gedanken. „Dieses Schiff regt meine Fantasie immer an.“ Nach einer zweijährigen Vorbereitungszeit wird das Team Anfang 2022 in See stechen.

Die erneute Suche findet damit fast genau 100 Jahre nach dem Tod von Ernest Shackleton statt, der am 5. Januar 1922 in Grytviken in Südgeorgien gestorben ist. Organisiert wird die erneute Expedition vom Falklands Maritime Heritage Trust, der 2019 bereits die erfolgreiche Suche nach dem Flaggschiff der 1914 in der Schlacht um die Falkland-Inseln versenkten deutschen Flotte organisiert hat. Die Forscher werden an Bord des Forschungsschiffes SA Agulhas II im Februar 2022 von Kapstadt in Südafrika aus starten.

Die „Endurance“ wird in einer Tiefe von mehr als 3000 Metern vermutet. Über den Zustand des Wracks kann nur spekuliert werden. Die Experten vermuten, dass das Schiff – obwohl es vom Eis zerquetscht wurde – zumindest in Teilen gut erhalten sein sollte, da der Südliche Ozean so extrem kalt ist und wenig Licht und Sauerstoff vorhanden sind. Zudem war das Schiff stark gebaut. Neben hölzernen Überresten des Schiffes hoffen die Forscher auch auf Inventar – Dinge des täglichen Lebens. Und auf Glasplatten, die der Fotograf Frank Hurley zurückgelassen hat, sowie Proben aus dem Labor des Biologen Robert Clark.

Unterwasserfahrzeug autonom und ferngesteuert

Sollte die erneute Expedition das Wrack lokalisieren, soll es nicht geborgen, sondern rein vermessen und gefilmt werden. Um das Wrack aufzuspüren, arbeitet das Team mit Hybrid-Unterwassersuchfahrzeugen. Diese kombinieren die Eigenschaften eines autonomen Unterwasserfahrzeugs, das einem vorprogrammierten Kurs folgen kann, mit ferngesteuerten Fahrzeugen, die in Echtzeit digitale Signale über ein Glasfaserkabel an die Oberfläche senden.

Diese „Sabertooths“ werden mit Sensoren, Lichtern und hochauflösenden Kameras ausgestattet. Lange Zeit habe man es für „unmöglich“ gehalten, das Wrack der „Endurance“ zu finden, wird Mensun Bound in einer Presseerklärung zitiert. Und angesichts der rauen antarktischen Umgebung gebe es auch dieses Mal keine Erfolgsgarantie. „Aber wir bleiben von den großen Antarktis-Entdeckern inspiriert“, sagte er. Das Team starte „mit großen Hoffnungen“.

Ernest Shackletons Traum, den Südpol zu erreichen, ging auch beim zweiten Anlauf nicht in Erfüllung.
Ernest Shackletons Traum, den Südpol zu erreichen, ging auch beim zweiten Anlauf nicht in Erfüllung.
Mehr zum Thema
x