Meinung
Was folgt auf das 9-Euro-Ticket?
Die Hälfte der drei Monate, in denen es ein deutschlandweit gültiges 9-Euro-Ticket gibt, ist nun vorbei. Dabei gehen die Bewertungen weit auseinander. Michael Theurer (FDP), parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium und Schienenverkehrsbeauftragter der Bundesregierung, sagte der „Schwäbischen Zeitung“: „Zunächst einmal ist das 9-Euro-Ticket ein großer Erfolg. Die Unkenrufe, die da am Anfang gekommen sind, waren ja offensichtlich gegenstandslos.“ Das sehen allerdings die beiden Eisenbahnergewerkschaften EVG und GDL völlig anders. Die EVG beklagt, wie stark Bahn-Mitarbeiter und Zugmaterial durch den Fahrgastansturm strapaziert werden – gerade in einer Zeit, wo bei der Deutschen Bahn das Personal vor allem wegen steigender Corona-Infektionszahlen knapp ist. GDL-Chef Claus Weselsky macht es nicht unter dem „absoluten Super-Gau“.
Bahnsystem wird teilweise überstrapaziert
Richtig daran ist, dass das ohnehin teilweise überlastete deutsche Bahnsystem durch das kurzfristig eingeführte 9-Euro-Ticket an einigen Stellen weit über die Grenzen des Zumutbaren hinaus strapaziert wird. Allerdings zeigen Umfragen, dass bisher dennoch bei den Bahnkunden positive Bewertungen klar überwiegen. Das Interesse an der Weiterführung des Angebots oder an einer Nachfolgeregelung ist groß.
Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP), der bei der politischen Entscheidung für das Sonderangebot offenbar eine Schlüsselrolle gespielt hat, wertet das 9-Euro-Ticket als „fulminanten Erfolg“. Die Einführung des Tickets zum 1. Juni nannte Wissing die „beste Idee für den Bahnverkehr seit ganz langer Zeit“, er selbst sei von eigenen Erfahrungen „begeistert“: „Wir haben spürbar weniger Verkehr auf den Straßen, deutlich weniger Staus. Offenbar sind viele vom Auto in Busse und Bahnen umgestiegen.“
9-Euro-Ticket dämpft Straßenverkehr
Tatsächlich deuten sowohl Analysen des Verkehrsdatenspezialisten Tomtom als auch eine Auswertung von Mobilfunkdaten durch das Statistische Bundesamt darauf hin, dass es nicht nur teilweise enorme Fahrgastzuwächse in den Zügen gibt, sondern auch einen damit zusammenhängenden Rückgang im Straßenverkehr – auch wenn das nichts daran ändert, dass mit dem 9-Euro-Ticket sicherlich viele Touren nur wegen des günstigen Preises unternommen werden.
Wissing versucht sich nun an einem schwierigen Spagat. Einerseits bejubelt er den Erfolg des Tickets, andererseits schließt er eine Weiterführung aus, weil die zu teuer sei. Dabei schießt er sich besonders auf die komplizierten Nahverkehrstarife ein. Diese grundlegend zu verändern ist aber eine Herkulesaufgabe, die sich nicht so einfach auf die Schnelle erledigen lässt. Ein Kompromiss könnte das vom Branchenverband VDV vorgeschlagene Ticket für 69 Euro sein. Auch dafür wären allerdings erhebliche Bundesmittel erforderlich.
Höhere Regionalisierungsmittel nötig
Hier liegt das eigentliche Problem. So schön das 9-Euro-Ticket für viele Nutzer sein mag – die dafür aufgewendeten (mindestens) 2,5 Milliarden Euro werden eigentlich dringender für anderes gebraucht. Schon die Aufrechterhaltung des bestehenden Zugangebots ist mit steigenden Kosten verbunden. Wenn die Klimaschutzziele erreicht werden sollen, muss das Angebot aber noch stark verbessert werden. Dafür ist eine deutliche Erhöhung der Regionalisierungsmittel nötig, die die Länder vom Bund für den regionalen Schienenverkehr bekommen. Diese Erhöhung ist im Ampel-Koalitionsvertrag auch vorgesehen, aber bisher lässt eine Konkretisierung dieses Vorhabens auf sich warten. Am besten wäre die Kombination von besserem Angebot und attraktiveren Tarifen – aber ein Billigticket zu Lasten der Angebotsqualität wäre überhaupt keine gute Idee.

