Meinung
Ein Monat 9-Euro-Ticket: Was überrascht und was nicht
Der erste von drei Monaten, in denen der öffentliche Nahverkehr samt der Regionalzüge in ganz Deutschland für nur 9 Euro im Monat genutzt werden kann, ist vorbei. Die Erfahrungen sind sehr gemischt. Wie nicht anders zu erwarten war, gab (und gibt) es an vielen Stellen massive Probleme wegen überfüllter Züge. In einigen Extremfällen haben Berufspendler keine Chance mehr, zur Arbeit zu kommen, weil ihre Züge durch 9-Euro-Ticket-Reisende so voll sind, dass sie nicht einsteigen können. Auch Menschen mit Behinderung beklagen, dass sie in manche Züge nicht mehr hineinkommen. Wohl noch größer ist der Kreis von Stammkunden, die ihre gewohnten Züge meiden, weil ihnen die Fahrt zu strapaziös ist. In solchen Fällen können die Verkehrsunternehmen nur darauf hoffen, dass die Kunden zurückkehren, wenn sich die Situation voraussichtlich ab September wieder einigermaßen normalisiert.
Die Deutsche Bahn (DB), bei der sich der Personalmangel vor allem wegen steigender Krankmeldungen verschärft, versucht, die Probleme herunterzuspielen – vor allem indem sie darauf verweist, dass von den Schwierigkeiten nur ein sehr kleiner Anteil von Zügen betroffen ist. Da es sich allerdings hier gerade um besonders stark frequentierte Züge handelt, sind von den Problemen viel mehr Reisende betroffen als der geringe Anteil der Züge vermuten lässt. Eine offene Kommunikation der Probleme kann sich die DB schon alleine deshalb nicht erlauben, weil für das bundeseigene Unternehmen Kritik an der Bundesregierung tabu ist – selbst, wenn die Kritik noch so berechtigt wäre.
Trotz Schattenseiten hohe Kundenzufriedenheit
Trotz aller Schattenseiten ist allerdings die Zufriedenheit der Nutzer mit dem 9-Euro-Ticket überraschend groß. Laut einer Umfrage gaben 89 Prozent derjenigen, die mit dem Ticket Busse und Bahnen genutzt haben, ein positives Urteil ab. In diesen Zahlen schlägt sich wohl nieder, dass die massiven Probleme durch das Ticket zwar gravierender sind als von der DB eingeräumt, aber eben doch eher punktuell als flächendeckend auftreten.
Wer es schafft, die besonders problematischen Strecken zu meiden, kann mit dem 9-Euro-Ticket schöne Touren unternehmen. Dabei sind bei vielen Fahrgästen angesichts des extrem niedrigen Preises die Komfortansprüche offenbar nicht sehr hoch. Ärger ist eher bei Reisenden zu erwarten, die schon vor Monaten ein reguläres Sparpreis-Ticket gebucht haben und nun in einen durch Fahrgäste mit 9-Euro-Ticket überfüllten Zug geraten.
Anstoß für Verbesserung des Nahverkehrs
Immerhin ist durch das 9-Euro-Ticket der öffentliche Nahverkehr jetzt stärker als je zuvor in aller Munde, wenn auch – gelinde gesagt – nicht immer nur positiv. Die nun deutlich zu Tage getretenen Mängel und Defizite könnten Anstoß sein, endlich mehr für die Verbesserung des Nahverkehrs zu tun. Dafür sprechen auch die positiven Effekte auf Staus im Straßennetz, die der Verkehrsdatenspezialist Tomtom in seiner jüngsten Analyse identifiziert hat.
Dabei ergibt sich der kuriose Effekt, dass FDP-Politiker wie Bundesverkehrsminister Volker Wissing und sein Schienenverkehrsbeauftragter Michael Theurer das 9-Euro-Ticket einerseits als großen Erfolg bejubeln, aber andererseits jetzt schon auf der Suche nach Ausreden sind, warum man nicht die eigentlich nahe liegende Konsequenz ziehen will, nämlich auch nach Auslaufen des Angebots attraktivere Tarife zu bieten. Besonders bemerkenswert ist das Argument von Bundesfinanzminister Christian Lindner, es bestünde die Gefahr, dass Kapazitäten im Nahverkehr „unnötig und übermäßig“ genutzt würden. Sorgen, dass vom Staat durch den Tankrabatt gedrückte Spritpreise zu unnötigem und übermäßigem Autofahren führen könnten, hatte Lindner offenbar nicht.

