Tourismus
Reiselust sucht sich neue Ziele
So schnell kann es gehen. Noch Anfang März zur weltgrößten Tourismusmesse ITB in Berlin steuerte die Reisebranche auf ein weiteres Rekordjahr zu. Trotz schon flauer Konjunktur, Jobängsten und höherer Preise zeigten Umfragen, dass sich die meisten Bundesbürger ihre Urlaubslust nicht vermiesen lassen wollen und bereits drei Viertel der Deutschen auch dieses Jahr sicher verreisen wollen. Doch mit der Eskalation in Nahost hat sich die Stimmung deutlich eingetrübt.
In vielen Reisebüros gingen Umsatz und Buchungen zuletzt erheblich zurück. Nach der robusten Entwicklung in der noch laufenden Wintersaison sank die Anzahl der gebuchten Urlaube im März um 15 Prozent, und der Buchungsumsatz der Agenturen lag fast 12 Prozent unter dem Vorjahresmonat, wie eine Datenanalyse des IT-Dienstleisters Ziel zeigt. „Das belegt eine deutliche Verunsicherung der Urlauber“, heißt es in der Studie.
Eskalation in Nahost
Besonders stark werden demnach Ziele gemieden, die entweder über den Nahen Osten angeflogen werden oder direkt von der Eskalation betroffen sind. So verloren die Vereinigten Arabischen Emirate, die von Raketen aus dem Iran bedroht werden, im März 93 Prozent der Buchungsumsätze, die Türkei büßte 44 Prozent ein und Ägypten 43 Prozent. Auch die USA werden von Reisenden seit den Angriffen auf den Iran verstärkt gemieden, die Reisebüros verzeichnen einen Umsatzeinbruch von 46 Prozent.
Aber auch die Kanaren ( minus 19 Prozent) und die Balearen (minus 17 Prozent) haben zuletzt deutlich verloren, wozu auch die Streiks im Luftverkehr beigetragen haben könnten. So disponieren Reisende lieber um, wovon heimische Ziele offenbar profitieren. Im Reisebüro gebuchte Inlandsreisen legten im März um 62 Prozent beim Umsatz zu. Auch Kreuzfahrten und Flussreisen bleiben weiter nachgefragt, trotz teils deutlich steigender Preise.
Beim Deutschen Reiseverband hofft man, dass die Nachfrage wieder anzieht, sobald sich die Lage beruhigt. „Unsicherheiten durch die geopolitischen Entwicklungen führen zu einer spürbaren Buchungszurückhaltung, ohne die Nachfrage grundsätzlich zu schwächen“, betont Präsident Albin Loidl. Statt zu verzichten, wichen Reisende auf alternative Ziele aus. Vieles spreche für „ein temporäres Innehalten“. Die Reiselust bleibe hoch, und große Teile der Sommernachfrage seien bereits frühzeitig gebucht worden.
Reisen wird teurer
Die Branche, die sich Ende der Woche zur DRV-Jahrestagung auf den Azoren versammelt, hat lange Erfahrung mit Krisenherden, die meist nur für kurze Zeit zu Buchungseinbrüchen führen. „Viele potenzielle Reisende verschieben ihre Entscheidungen, wägen Risiken stärker ab und halten sich Optionen länger offen“, sagt Loidl. Die Nachfrage verschwinde jedoch nicht, sondern komme später: „Insofern handelt es sich eher um eine temporäre Buchungszurückhaltung als um einen strukturellen Nachfragerückgang.“ Eine völlige Trendumkehr sei nicht erkennbar.
Die massiv gedrückte Stimmung zeigt allerdings auch der Branchenindikator für Reisebüros und Veranstalter des Ifo-Instituts. Von minus14,8 Punkten im Februar rutscht der Index auf minus 41,7 Punkte. Vor allem die explodierenden Energiepreise verschärfen die Krise, denn das treibt die Kosten für Airlines, Reedereien und Busunternehmen. Die Folgen: Pauschalreisen, Flüge, Hotels und Transfers könnten noch deutlich teurer werden, wenn keine Entlastungen greifen.
„Die gestiegenen Kerosinpreise sowie Flugumleitungen infolge von Luftraumsperrungen erhöhen den operativen Druck auf die Airlines“, räumt auch Verbandschef Albin Loidl ein. Das könne mittelfristig zu steigenden Flugpreisen führen. Gleichzeitig wirkten jedoch Faktoren wie langfristige Absicherungen beim Treibstoff, vorhandene Kapazitäten und intensiver Wettbewerb preisdämpfend.
Hoher Zusatzaufwand für Branche
Bei Pauschalreisen seien kurzfristige Preissprünge „ohnehin nur sehr eingeschränkt möglich“ und können sich „eher punktuell und zeitverzögert zeigen“. Stärker nachgefragte Ziele könnten teurer werden, schwächer nachgefragte Regionen günstiger.
Für die Branche bedeutet der Nahost-Konflikt viel Zusatzaufwand. „Umbuchungen, alternative Flugrouten und die Anpassung von Angeboten prägen derzeit das Tagesgeschäft“, berichtet Loidl. Die weitere Entwicklung hänge stark vom Verlauf des Konflikts ab, insbesondere wegen der Bedeutung der Golfregion als globales Luftverkehrsdrehkreuz. Falls sich die Lage aber nicht weiter zuspitze, sei „eher mit einer Stabilisierung und Nachholeffekten bei Buchungen zu rechnen als mit einer nachhaltigen Abschwächung der Reisetätigkeit“.
Der DRV rechnete bisher seiner Jahresprognose für 2026 mit einem Gesamtumsatz von rund 86 Milliarden Euro (plus 3 Prozent) und nahezu stabiler Gästezahl von etwa 138 Millionen.