Leitartikel RHEINPFALZ Plus Artikel Kommentar: Lebensmittelkontrolle ist bitter nötig

Listerien können töten – zuletzt wurden sie in Wurstwaren gefunden.
Listerien können töten – zuletzt wurden sie in Wurstwaren gefunden. Foto: Manfred Rohde/Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung

Die Lebensmittelüberwachung in Deutschland ist engmaschig und sollte das auch bleiben. Wie notwendig sie ist, zeigt die Menge der Beanstandungen: Jede achte im vergangenen Jahr genommene Probe war nicht einwandfrei.

Es kann einem der Appetit vergehen: Binnen dreier Tage im November machte das Portal lebensmittelwarnung.de der Länder und des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) auf gleich mehrere Fälle keimverseuchter Fleisch- und Wurstwaren aufmerksam. Sie stammten aus Betrieben in Niedersachsen, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Salmonellen waren darin gefunden worden und Listerien – jene Bakterien, die ursächlich für den Tod von drei Menschen sein sollen. Sie hatten die verunreinigte Wurst aus einem inzwischen geschlossenen Betrieb in Nordhessen gegessen. Der jüngste Fall: Am Dienstag rief ein Discounter mit Listerien verseuchten Gorgonzola-Käse zurück. Und am Abend wurde bekannt, dass Eier aus Bayern wegen Bakterienbefalls zurückgerufen werden.

Was folgt aus all dem? Erstens: Es ist keineswegs selten, dass keimverseuchte Lebensmittel in den Markt gelangen. Zweitens: Die Information an die Bevölkerung erfolgt meist prompt – mit Ausnahmen, siehe Hessen. Und drittens: Die Lebensmittelüberwachung erfüllt ihren Zweck. Lückenlos sind die Kontrollen aber nicht. Schon deswegen sollten es nicht weniger werden – anders als es ein unveröffentlichter Referentenentwurf des Bundesernährungsministeriums zur Lebensmittelkontrolle vorsieht. Betriebe der höchsten Risikoklasse würden nicht mehr arbeitstäglich, sondern nur noch zwei Mal die Woche geprüft.

Gerade Fleischproduktion riskobehaftet

Der Referentenentwurf erfindet die Kontrollsystematik nicht neu: Betriebe mit höherem Risiko wurden bereits in der Vergangenheit öfter getestet, wie es nun ebenfalls geplant ist. Das ist grundsätzlich in Ordnung, birgt aber die Gefahr, dass mancherorts Schlamperei einzieht, wo bisher alles in Ordnung war. Die Fleisch- und Wurstproduktion ist besonders risikobehaftet. Denn im Verdauungstrakt von Tieren befinden sich jene Keime, vor denen die Verbraucher geschützt werden müssen. Deswegen ist das Einhalten der Hygienevorschriften schon in den Schlachtbetrieben zwingende Voraussetzung für die Produktion einwandfreier Ware. Tägliche Kontrollen sind hier dringend geboten.

Bei der Hygiene mangelt es in der Nahrungsmittelbranche vielerorts. Laut BVL machten 2018 mehr als 70 Prozent aller Verstöße Mängel bei der Betriebshygiene und Versäumnisse beim Hygienemanagement aus. Mehr als zwei Drittel der Beanstandungen entfielen auf Gastronomie und Kantinen, gut ein Fünftel auf den Einzelhandel. Jede achte Probe war nicht einwandfrei.

20.000 Proben pro Jahr in Rheinland-Pfalz

Die Überwachung vor Ort obliegt in Rheinland-Pfalz den Städten und Landkreisen, die Fachaufsicht dem Landesuntersuchungsamt in Koblenz, das auch die Pläne für die Betriebsbesuche und die Probennahme erstellt. Pro 1000 Einwohner müssen landesweit mindestens fünf Proben jährlich genommen werden, bei vier Millionen Rheinland-Pfälzern mindestens 20.000 Proben im Jahr. Rund 120 Lebensmittelkontrolleure und 50 Tierärzte sind damit befasst. An Unterforderung leiden sie garantiert nicht. Seit 2014 unterstützt sie eine interdisziplinäre Einheit mit angekündigten Betriebskontrollen. Ziel: bessere Abläufe, mehr Fachwissen.

Hintergrund dessen ist auch die wachsende Konzentration der Lebensmittelwirtschaft. Kleine Handwerksbetriebe gibt es immer weniger, die Industrialisierung der Branche ist weit fortgeschritten und stellt die kommunale Überwachung mitunter vor Kapazitätsprobleme. Die Kontrolle vor Ort leisten zudem Behörden jener Gebietskörperschaften, die die Gewerbesteuerempfänger der kontrollierten Betriebe sind. Das hat einen denkbar schlechten Beigeschmack.

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