Wirtschaft
Großkraftwerk Mannheim: Ein Kraftpaket wird ausgeknockt
Was passiert, wenn die Kohlekraftwerke in Deutschland abgeschaltet werden? Die Pfalz wird großteils aus dem Steinkohlekraftwerk in Mannheim mit Strom versorgt. Es heizt zudem die Wohnungen vieler Mieter – etwa in Speyer. In 13 Jahren, so will es die Bundesregierung, soll Schluss sein mit Strom und Wärme aus Steinkohle. Und dann?
Nächstes Jahr hätte es Grund geben können zu feiern. 100 Jahre: So lange kommt der meiste Strom, der die Kurpfalz antreibt – die Haushalte, das Gewerbe, viele Industriebetriebe, auch die Deutsche Bahn – aus dem Mannheimer GKM, dem großen Steinkohlekraftwerk. Es heizt mit Fernwärme auch die Wohnungen Zehntausender Menschen, etwa in Speyer. Das Kraftpaket am Rhein im Süden der Stadt ist ein Dauerläufer. Nur: Zum Feiern ist den Verantwortlichen dort zurzeit nicht zumute. Denn die Steinkohleverstromung steht vor dem Aus, in 13 Jahren ist es so weit. Weil es politisch so gewollt ist. Wegen des Klimaschutzes, heißt es. Dabei dürfen Braunkohlekraftwerke länger laufen. Obwohl sie ein Mehrfaches an schädlichen Abgasen in die Luft blasen. Das Unverständnis in der Branche ist entsprechend groß.
Die Kraftwerksmanager in Mannheim haben alle Hände voll zu tun. Sie sind auf der Suche nach Ideen, damit es in wenigen Jahren nicht dunkel wird und kalt in der Kurpfalz, trotz des geplanten Kohleausstiegsgesetzes der Bundesregierung. Das Ziel: Dass es weiterhin zuverlässig Strom und Wärme gibt für die Menschen und die Wirtschaft in der Region. Auch dann, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht, Fotovoltaik- und Windkraftanlagen nicht produzieren. Was vor allem im Winter der Fall ist.
2019 so viel Wind- und Sonnenstrom wie noch nie
Zwar gibt es immer mehr Solarstrom- und Windkraftanlagen. 40 Prozent der 2019 in Deutschland erzeugten Elektrizität war Ökostrom, so viel wie nie zuvor. Aber der Ausbau der erneuerbaren Energien stockt. Der Starkstromleitungsbau, der Windstrom aus dem Norden in den Süden bringen soll, geht zudem nur langsam voran. Schon murrt vernehmlich laut die Industrie, die BASF in Ludwigshafen beispielsweise, die riesige Ökostrommengen benötigen wird, um ihre bisher gasbefeuerte Energieproduktion zu ersetzen.
Parallel zum Aus für große Kraftwerke steigt hierzulande der Strombedarf – von derzeit 80 Gigawatt in der Spitze auf geschätzt 114 Gigawatt in zehn Jahren. Experten warnen: Es drohe eine riesige Stromlücke. „Wir setzen damit unseren Wohlstand aufs Spiel“, gibt Holger Becker zu bedenken, kaufmännischer Vorstand des GKM. Nicht nur industrielle Großverbraucher sind betroffen, sondern jedermann: elektrische Geräte, die Zündung einer Heizung, E-Bikes und -Autos, alles das funktioniert nicht ohne Strom. Und nicht jeder hat eine eigene Sonnenstromanlage auf einem eigenen Dach. In Zahlen: 74 Prozent des Stromverbrauchs entfielen 2018 auf Industrie, Handel und Gewerbe, 24 Prozent auf Haushalte, 2 Prozent auf den Verkehr.
Handlungsdruck wächst, Zeit wird knapper
Der Handlungsdruck, die Versorgung mit Elektrizität in der Nachkohleära zu sichern, wächst quasi täglich. Die Zeit dafür wird knapper. Umso mehr, als Förderungen für Ersatzinvestitionen in einigen Jahren auslaufen – früher, als man mancherorts alternative Anlagen ans Netz bringen könnte. Ein Dilemma, in dem auch die GKM-Verantwortlichen stecken.
Das gilt etwa für ein etwaiges gasbefeuertes Ersatzkraftwerk. Warum aber überhaupt Erdgas? Weil Gas weniger Emissionen erzeugt als Kohle, weil es Gaskraftwerke in Größenordnungen gibt, die einen älteren Block in Mannheim ersetzen könnten, weil gasbefeuerte Kraftwerke flexibel produzieren können und weil die Investitionssumme, je nach Leistung ein dreistelliger Millionen-Euro-Betrag, bis zum geplanten Ausstieg aus der fossilen Energieerzeugung in Deutschland abgeschrieben wäre.
Pläne für Gaskraftwerk vorhanden
Pläne für ein Gaskraftwerk im GKM gibt es tatsächlich. Jetzt hoffen die GKM-Manager darauf, im laufenden Gesetzgebungsverfahren zusammen mit anderen Branchenvertretern auf bessere Rahmenbedingungen hinwirken zu können. Selbst wenn: „Unsere Aufgabe ist es, unsere Anteilseigner zu überzeugen, dass eine solche Investition sinnvoll ist“, unterstreicht Becker. Das Kraftwerk gehört RWE, EnBW und Mannheimer MVV. Entschieden sei nichts.
2033 wird Block 9 abgeschaltet
Klar ist aber: So, wie es jetzt ist, wird das Mannheimer Kraftwerk nicht fortbestehen. 13 Jahre sind es – Stand jetzt – noch, bis der letzte der GKM-Blöcke abgeschaltet wird. Es wird wohl der jüngste der vier aktiven Blöcke 6 bis 9 sein, der 1,2 Milliarden Euro teure Block 9, der dann 18 Jahre Strom produziert haben wird. Auf 40 Jahre ist die Investition angelegt, eigentlich. Laufen wird der Block Stand jetzt nicht einmal die Hälfte dieser Zeitspanne. Kalte Enteignung – der Begriff fällt derzeit in der Branche häufiger. Denn eine finanzielle Kompensation, wie sie Betreiber von Braunkohlekraftwerke für deren Abschalten erhalten sollen, ist für die Steinkohle so nicht vorgesehen. Für das in Süddeutschland als systemrelevant eingestufte GKM schon gar nicht. „Das ist doch paradox, dass wir in Süddeutschland benachteiligt werden, weil wir gebraucht werden“, findet Becker.
Die Bedeutung als zentraler Energieproduktionsstandort in der Metropolregion Rhein-Neckar wird für das GKM abnehmen, auch wenn das geplante Gesetz im Sinne der Mannheimer nachgebessert wird. Denn die Energieversorgung wird mit wachsendem Ökostromanteil dezentraler. Sicher ist für die beiden Vorstände Holger Becker und Gerard Uytdewilligen aber, dass das GKM über die Kohleära hinaus seinen Beitrag zur Strom- und Wärmeproduktion in der Region leisten wird, betonen sie im Gespräch mit der RHEINPFALZ.
Flusswärme könnte Fernwärmeversorgung unterstützen
Klingt gut. Was bedeutet das konkret? „Das hängt von den Rahmenbedingungen ab“, betont Becker. Dabei wäre ein Gaskraftwerk – sofern es denn in Mannheim dazu kommt – nur ein Baustein von mehreren. Auch die Nutzung von Flusswärme für die Fernwärmeversorgung ist einer. Sie könnte demnächst mit einer Großwärmepumpe im Rahmen eines Forschungsprojektes eines Konsortiums erprobt werden. In trockenen Tüchern ist das Projekt noch nicht. Denkbar wäre auch die Wasserstoffproduktion vor Ort oder die Nutzung von Geothermie. Die eine, große Lösung, die die Kohle ersetzt, wird es jedenfalls nicht geben.
Die Systemrelevanz des GKM für die Stromversorgung in Süddeutschland bringt Vorteile. Etwa aus Sicht der Mitarbeiter: Zwar werden perspektivisch weniger gebraucht – Ende 2019 waren es noch 570. Der natürliche Abgang wird aber wohl ausreichen, um die Belegschaft auf das notwendige Niveau zu verringern. „Das hilft uns zu atmen“, sagt Uytdewilligen. Harte Schnitte werde es nicht geben, ausgebildet werde weiter.
Hoffen auf Änderungen zugunsten der Steinkohle
Ganz ohne Auswirkungen auf die Region werden die Veränderungen aber nicht bleiben. „Wir sind ein großer Steuerzahler“, verweist Becker auf die Bedeutung des Kraftwerks für die Stadt Mannheim. Zudem investiere das GKM Jahr um Jahr eine zweistellige Millionensumme für Dienstleistungen und Fremdmitarbeiter. Auch die Binnenschifffahrt werde die Transformation in der Energieerzeugung zu spüren bekommen: 15 Prozent der Wassertransporte in Deutschland beträfen Steinkohle. „Es geht also nicht nur um Arbeitsplätze in der Braunkohle, die durch den Kohleausstieg verloren gehen“, betont Becker. Die Folgen der Energiewende für die Steinkohlestandorte seien „Nebeneffekte, die untergehen“, ärgert er sich.
Er und sein Kollege hoffen, dass im laufenden Gesetzgebungsverfahren noch Änderungen zugunsten der Steinkohle erfolgen werden. Die Landesregierung in Stuttgart und der grünen baden-württembergischen Umweltminister Franz Untersteller unterstützen die Mannheimer. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hat Entgegenkommen signalisiert. Konkret ist noch nichts.