Ende einer Ära RHEINPFALZ Plus Artikel Aus bei Michelin Homburg: Ausgerechnet der allererste Reifen brannte

Günter Straßer mit einem Souvenir aus seiner Michelin-Zeit.
Günter Straßer mit einem Souvenir aus seiner Michelin-Zeit.

An Silvester ist Feierabend: Dann stellt das französische Weltunternehmen Michelin die Produktion von Lastwagen-Reifen im saarpfälzischen Homburg ein. Im Kreis Kusel wohnt ein Mann, der dabei war, als alles begann: Günter Straßer fertigte 1971 den allerersten Lkw-Reifen „made in Homburg“. Und dabei passierte etwas Einmaliges.

130.000 Menschen beschäftigt Michelin weltweit, ein Prozent davon bisher in Homburg. Doch bis Jahresende fallen 850 der 1300 Stellen weg. Nach 53 Jahren beenden die Franzosen die Fertigung von Lkw-Reifen in Homburg und die Produktion von Vorprodukten – Gummi und Stahldraht – gleich mit.

Der Lastwagen-Reifen hatte das Homburger Werk groß gemacht. Insider schätzen, dass in Homburg in einem halben Jahrhundert mindestens 50 Millionen Stück entstanden. Michelin begründet das Ende in der Saarpfalz so: „Eine rentable Produktion ist nicht mehr möglich.“ Am Markt würden verstärkt Billigreifen nachgefragt. Auch eine Folge des knallharten Wettbewerbs zwischen Speditionen in Europa.

„Es lag nicht an der Leistung der Belegschaft“, teilte Michelin mit. Und in der Tat: Das Werk Homburg war immer Vorzeige-Betriebsstätte. Hier wurden Innovationen in Produkte umgesetzt, hier waren die modernsten Maschinen im Einsatz.

Grubenunglück führt Straßer zu Michelin

Das war von Anfang an so. Der Mann der ersten Stunde heißt Günter Straßer. Der Pfälzer aus Breitenbach im Kreis Kusel hatte auf der Grube Frankenholz (bei Bexbach) Bergmann gelernt. Das schwere Grubenunglück von Völklingen-Luisenthal 1962, bei dem 299 Bergleute unter Tage starben, schockierte Straßer. „Da wollte ich nicht mehr Bergmann sein“, sagt er. Er wurde erst einmal Fernfahrer. Dann meldete er sich auf eine Anzeige von Michelin, die Firma suchte Mitarbeiter für ihr geplantes neues Werk in Homburg.

Der 20. Oktober 1969 war Straßers erster Arbeitstag. In Homburg werkelten sie noch am Rohbau, ihn schickten sie erst einmal für 17 Monate ins Werk Tours nach Frankreich, um zu lernen, wie das geht: Reifen machen. Da er als Einziger der abgeordneten Deutschen Französisch sprach, lernte er seine Landsleute bald praktisch an und übersetzte Arbeitshandbücher.

500 Francs aus der Hosentasche

Die Deutschen waren in einem Michelin-Wohnheim untergebracht. Straßer vergisst nicht, dass eines Tages der Direktor des Werks vorbeischaute, um sich zu erkundigen, wie es den Arbeitern von der Saar ergeht. Weil es in dem vierstöckigen Gebäude ziemlich warm war und deshalb Lebensmittel schlecht zu lagern waren, sagte Straßer zum Direktor, alles sei gut, nur ein Kühlschrank fehle. „Da griff der Direktor in seine Hosentasche, holte 500 Francs raus und sagte, ich solle einen kaufen“, erzählt Straßer und sagt: „Michelin war ein guter Arbeitgeber. Sehr sozial eingestellt. Ich bin immer gerne arbeiten gegangen.“ Einmal sogar mit gebrochenem Arm. „Da hat meine Frau gesagt: ,Du denkst, es geht nicht ohne Dich’“, berichtet der heute 85-Jährige und grinst, als hätte seine Frau damals ein kleines bisschen recht gehabt.

Im April 1971 ging’s in Homburg endlich los. Straßers Aufgabe: den ersten Reifen herzustellen. Das blieb auch so. Wenn aus der Michelin-Zentrale in Clermont-Ferrand der Auftrag an Homburg erging, ein neues Modell zu fertigen, dann war es immer Straßer, der den ersten Reifen baute. Dieser Erstling ging dann eine Abteilung weiter zu den Prüfern. Die zerschnitten den Reifen in über hundert Stücke und vermaßen alles, um die Einhaltung der Toleranzen zu kontrollieren. Bei grünem Licht fertigte Straßer weitere fünf, davon wurde wieder einer zerschnitten. Erst wenn dieser Prozess abgeschlossen war, startete die Produktion des neuen Modells.

Das falsche Putzmittel: Das Prachtstück verkokelt

Beim allerersten Erstling passierte etwas, über das Straßer heute lachen kann, was damals aber gar nicht lustig war: Die Maschine war vorbereitet, das Rohmaterial für den Erstling montiert, am nächsten Tag sollte Straßer das gute erste Stück fertigen. Abends wischte ein Reinigungstrupp durch die Halle. Und der musste mit einer brennbaren Flüssigkeit geputzt haben. Jedenfalls wurde am nächsten Morgen noch etwas geschweißt, Funken fielen auf den Boden – und die Stichflamme erwischte auch die Maschine mit dem Erstling, der noch gar nicht fertig war.

An der Maschine entstand kein großer Schaden. Aber das, was der erste Homburger Lkw-Reifen hätte werden sollen, war angekokelt und nicht mehr zu verwenden. Also alles noch mal auf Anfang.

„Aber schreiben Sie das besser nicht“, sagt Straßer. Wieso? Gab es im Werk denn öfter Feuer? „Nein, nie. Das war das einzige Mal“, antwortet Straßer, der ehrenamtlich 21 Jahre lang Wehrführer in seiner Heimatgemeinde war – und natürlich die ersten Großübungen der Betriebsfeuerwehr im Michelin-Werk organisiert hatte.

„Wir waren wie eine Familie“

Dass „sein Werk“ nun die Reifenproduktion komplett einstellt, „das trifft mich hart. Wenn ich da am Werk vorbeifahre und bald einen leeren Parkplatz sehe, das geht mir sehr nahe“, so Straßer. Die Hälfte der Belegschaft Lothringer, ein Viertel Saarländer, ein Viertel Pfälzer, schätzt Straßer: „Der Zusammenhalt war bombig. Wir waren wie ein Familie. Da hat einer für den anderen eingestanden.“

Derzeit wird ein Sozialplan ausgehandelt. Frühestens Ende Juni könnte es ein Ergebnis geben. Und der letzte Lkw-Reifen? Der wird, so schätzen Mitarbeiter, irgendwann kurz vor Weihnachten produziert.

In der Endkontrolle im Werk wird ein fertiger Lkw-Reifen geprüft.
In der Endkontrolle im Werk wird ein fertiger Lkw-Reifen geprüft.
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