Saarland RHEINPFALZ Plus Artikel An der Saar tobt ein Kampf um Arbeitsplätze

Das stillgelegte Kohlekraftwerk Ensdorf liegt direkt an der Saar. Der US-Halbleiter-Hersteller Wolfspeed plant den Bau eines Wer
Das stillgelegte Kohlekraftwerk Ensdorf liegt direkt an der Saar. Der US-Halbleiter-Hersteller Wolfspeed plant den Bau eines Werks mit 1000 Mitarbeitern in etwa auf der grauen Fläche links vom Kraftwerksturm bis an die Saar-Wiesen. Das Kraftwerk soll demnächst abgerissen werden. Im Hintergrund links ist auf einer Bergehalde das Saar-Polygon zu sehen, das an die Bergbaugeschichte erinnert. Es ist eines der Wahrzeichen des Saarlandes.

„Das Auto der Zukunft“ im Saarland bauen, 14.000 Arbeitsplätze schaffen: Als die Leichtathletin Anke Rehlinger als Regierungschefin antrat, legte sie sich die Latte ganz hoch. Doch so langsam fliegen ihr die Versprechen um die Ohren.

Vor der Landtagswahl 2022 formulierte die Saar-SPD vollmundig ein schönes Wahlprogramm. Sie zeichnete ein Land, das den Wandel schafft: von der Automobil- und Stahlindustrie hin zu Zukunftstechnologien rund um Wasserstoff und E-Mobilität. Und dazu noch: mehr Arbeitsplätze, viel mehr Klimaschutz und bessere Bildung.

Die SPD gewann mit absoluter Mehrheit. Aus dem Wahlprogramm wurde eins zu eins das Regierungsprogramm. Das wird nun zum Problem, denn an der Saar läuft’s nicht gut: In der Automobilindustrie brechen zurzeit Tausende gut bezahlte Arbeitsplätze weg. Und Ersatz kommt viel später als angekündigt, wenn überhaupt.

Ford fort

Vor der Wahl gab’s in Saarlouis ein Ford-Werk mit 6000 Beschäftigten. Ministerpräsidentin Rehlinger hoffte da noch, dass sich der US-Autobauer dafür entscheiden würde, künftig E-Autos in Saarlouis zu bauen, wo bis jetzt Verbrenner vom Band laufen. Und wenn – was damals schon drohte – Ford dem Saarland den Rücken kehren würde, dann sollte halt ein großer chinesischer Autobauer das Werk übernehmen, um im Saarland „das Auto der Zukunft“ zu bauen, wie Rehlinger sich das ausmalte.

Es ist anders gekommen: Ford geht, aus China kommt keiner. 3000 richtig gut vergütete Jobs verschwinden in Saarlouis. Mindestens.

Ford ist nicht das einzige Unternehmen aus der Autoindustrie mit einem großen Werk im Saarland. Der Getriebehersteller ZF in Saarbrücken, dazu Bosch, Scheffler, Thyssen-Krupp-Ger-lach, Michelin in Homburg stellen zusammen mit den Stahlwerken das Gros der Industriearbeitsplätze an der Saar. Doch sie alle stellen zurzeit nicht ein, sondern mühen sich, die bestehenden Stellen zu halten.

Michelin streicht im großen Stil

Der Reifenhersteller Michelin ist kürzlich aus dieser Riege ausgebrochen. Er streicht auf einen Schlag 850 von 1300 Arbeitsplätzen in Homburg. Im Saarbrücker Werk des Getriebeherstellers ZF läuft die Produktion zwar auf vollen Touren, aber jeder weiß hier, dass Autos und Laster mit Elektro- oder Wasserstoff-Antrieb kein Getriebe benötigen. Das Management meidet das Wort Stellenabbau, hinter vorgehaltener Hand aber wird befürchtet, dass 6000 der 9500 Stellen in Saarbrücken mittelfristig gefährdet sind.

Helfen sollte eigentlich die Ansiedlung des Chipherstellers Wolfspeed in Ensdorf bei Saarlouis. Das US-Unternehmen will auf einem alten Kraftwerksgelände direkt an der Saar ein Werk bauen und dort einmal 1000 Leute beschäftigen. 600 von ihnen sollten aus dem ZF-Werk Saarbrücken nach Ensdorf wechseln, denn Wolfspeed und ZF haben vereinbart, die Siliziumkarbid-Halbleiter-Technik gemeinsam weiterzuentwickeln.

Wolfspeed hängt anderthalb Jahre hinterm Zeitplan

Doch der Bau der zwei Milliarden Euro teuren Wolfspeed-Fabrik kommt nicht in die Gänge. Die Amerikaner präsentierten vor einem Jahr Bundeskanzler Olaf Scholz und Wirtschaftsminister Robert Habeck das Vorhaben vor Ort. Bund und Land fördern die Ansiedlung mit einem Zuschuss von 520.000 Euro. Noch im Sommer vergangenen Jahres hätten die Bauarbeiten starten sollen. Doch die Sache verzögert sich. Mittlerweile heißt es, dass es erst Anfang nächsten Jahres wirklich losgeht. Die Amerikaner konzentrierten sich auf das Hochfahren ihrer neuen Chipfabrik im US-Bundesstaat New York. Das mag sein. Es liegt wohl aber auch daran, dass die weltweite Nachfrage nach E-Autos, in denen die Chips verbaut werden, nicht so gestiegen ist wie erwartet. Die Aktionäre jedenfalls sind vorsichtig geworden: Der Kurs der Wolfspeed-Aktie fiel seit dem Scholz-Besuch an der Baustelle um 70 Prozent.

Svolt hinkt sogar fünf Jahre hinterher

Noch langsamer kommt eine andere Ansiedlung voran. Überherrn liegt, von der Pfalz aus gesehen, jenseits der Saar direkt an der Grenze zu Frankreich. Eigentlich sollten dort seit einem halben Jahr 2000 Menschen Batterien für Elektro-Autos herstellen. Doch die Fabrik des chinesischen Unternehmens Svolt steht noch gar nicht. Nicht mal die Bauarbeiten haben begonnen. Das saarländische Wirtschaftsministerium rechnet inzwischen mit dem Produktionsstart spätestens Ende 2028.

Der große zeitliche Verzug bei den im Voraus mit viel Pomp gefeierten Ansiedlungen stellt das Saarland vor ein Riesenproblem: Mehr Arbeitsplätze gehen verloren als geschaffen werden. Und der Abbau tritt so schnell ein, dass er nicht rechtzeitig durch den Aufbau neuer Stellen abgefedert werden kann. Bis zur nächsten Landtagswahl 2027 wollte Anke Rehlinger die Anzahl der Arbeitsplätze mit Sozialversicherung auf 400.000 hochfahren. Wie sie das jetzt noch schaffen will, weiß wohl nur sie allein.

Hier geht’s zu einem Hintergrund zur wirtschaftlichen Situation im Saarland.

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