Saar-Wirtschaft RHEINPFALZ Plus Artikel Im Land der Scheinzwerge: Warum sich das Saarland kleiner macht, als es ist

Die Hütte in Völklingen soll das erste Stahlwerk in Europa sein, das komplett CO2-neutral Stahl produziert. Grüner Wasserstoff s
Die Hütte in Völklingen soll das erste Stahlwerk in Europa sein, das komplett CO2-neutral Stahl produziert. Grüner Wasserstoff soll die Energie liefern. Saarlands Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (links) führte im März Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier durch die Stahlschmiede.

In dem Kinderbuch „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ fasziniert der Scheinriese „Tur Tur“, der viel größer wirkt, als er tatsächlich ist. In Deutschland hingegen gibt es ein Bundesland, mit dem es sich umgekehrt verhält: Es wirkt und macht sich kleiner, als es in Wahrheit ist. Das Saarland. Dort sind die Herausforderungen zwar gewaltig, aber man geht sie an.

Wenn der Pfälzer seinen Großeinkauf erledigt, dann kauft er nicht selten beim Saarländer ein: beim Globus nämlich, der auch in der Pfalz Groß- und Baumärkte betreibt. Aus einem 1828 eröffneten Kolonialwarenladen in St. Wendel ist ein Unternehmen geworden, das fast 50.000 Mitarbeiter nährt.

Wenn der Pfälzer ein Automobil besitzt, dann fährt sein Wagen mit hoher Wahrscheinlichkeit mit einem Getriebe „made in Saarbrücken“, der aus der „Zahnradfabrik Friedrichshafen“ hervorgegangenen ZF AG. Gut möglich, dass in dem Auto zudem Teile aus dem Homburger Bosch-Werk und der dortigen Schaeffler-Fabrik stecken. Falls Michelin-Reifen montiert sind, kommt das Gummi ebenfalls aus Homburg. Und wer je einen Ford Focus, Fiesta, Capri, Escort oder C-Max fuhr, der steuerte ein Auto, das im Saarland vom Band lief.

Stahl kochen, ohne Kohlendioxid auszustoßen

Kohle und Stahl haben das Saargebiet früh und 250 Jahre lang geprägt. Bis vor elf Jahren. Da fuhr letztmals ein Bergmann unter Tage, um Kohle aus der Tiefe zu holen. Die Stahlindustrie hingegen hat die Zeitenwende überlebt. Die Saarstahl AG erwirtschaftet als zweitgrößtes Unternehmen des Landes mit 6400 Mitarbeitern einen Umsatz von 2,2 Milliarden Euro. Einst hatten die Stahlwerke das Saarland verrußt. Das lag an der verfeuerten Kohle, die den enormen Energiebedarf stillte. Jetzt will die Saarstahl AG grün werden. Das ehrgeizige Ziel: Die Hütte in Völklingen soll das erste Stahlwerk in Europa sein, das komplett CO2-neutral Stahl produziert. „Grüner Wasserstoff“ soll die Energie fürs Stahlkochen liefern.

Überhaupt Wasserstoff. Wenn es nach Ministerpräsidentin Anke Rehlinger geht, die vor einem Jahr das Ruder an der Regierungsspitze übernahm, dann wird das Saarland Vorreiter bei diesem Energieträger der Zukunft sein.

ZF und Bosch versuchen die Kurve hin zu Wasserstoff zu bekommen

Die Zeit des Verbrennermotors ist vorbei. Das erkennt Rehlinger unweinerlich an, auch wenn das der Industrie an der Saar enorm zusetzt. Die großen Arbeitgeber des Landes – ZF, Ford, Bosch, Schaeffler, Krupp-Gerlach – haben alle gut vom Verbrenner gelebt. Noch ist die Nachfrage nach Komponenten für Verbrennungsmotoren enorm. Doch diese Zeit geht absehbar zu Ende. Ford schließt sein Werk in Saarlouis komplett und baut künftig Elektroautos in Valencia. Das kostet 6000 Arbeitsplätze an der Saar.

Die Automobilzulieferer ZF und Bosch versuchen, die Kurve hin zum Wasserstoff zu bekommen. Ob und wie weit das gelingt, steht in den Sternen. Erst einmal droht ein enormer Abbau von Arbeitsplätzen. Allein bei ZF könnten, so die Befürchtung der Arbeiterschaft, 6000 der 9500 der Arbeitsplätze auf der Kippe stehen.

US-Chiphersteller nach Europa und an die Saar geholt

Ministerpräsidentin Rehlinger versucht die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass die Industrie nicht abbaut, sondern umbaut. ZF hat sich mit der US-Aktiengesellschaft Wolfspeed zusammengetan und baut jetzt auf dem Gelände des stillgelegten Kohlekraftwerks Ensdorf eine Chipfabrik und ein Entwicklungszentrum.

Wer in den vergangenen drei Jahren ewig lang auf die Auslieferung eines bestellten Autos oder anderer Tech-Produkte warten musste, der weiß: Chips sind auf dem Weltmarkt Mangelware. Genau hier setzt Wolfspeed an: Das Unternehmen will ab 2027 im Saarland hocheffiziente Siliziumkarbid-Halbleiter herstellen, die die steigende Nachfrage befriedigen und zudem die Reichweite von Elektro-Autos erheblich erhöhen sollen.

Alles wartet auf grünes Licht aus Brüssel

Die Ansiedlung wird seit Jahren vorbereitet. Schon der damalige Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier und der damalige Saar-Ministerpräsident Tobias Hans bereiteten den Boden für den Erfolg, den jetzt Rehlinger einfährt: tausend zukunftsfeste Arbeitsplätze sollen entstehen. Bundeskanzler Olaf Scholz und Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck reisten im März nach Ensdorf, um den Erfolg zu feiern, der nur gelang, weil Bund und Land die Ansiedlung stark bezuschussen wollen. Die Genehmigung der EU dafür, die inzwischen eigentlich vorliegen sollte, ist aber noch nicht eingetroffen, wie am Freitag in Saarbrücken zu hören war.

Die zweite größere Ansiedlung verzögert sich deutlich. Das chinesische Unternehmen Svolt will zwölf Kilometer südwestlich von der künftigen Wolfspeed-Fabrik mit 400 Mitarbeitern Batterien für E-Autos bauen. Eigentlich sollte schon im laufenden Jahr produziert werden. Nun vertrösten die Chinesen auf 2027.

Wird das „Auto der Zukunft“ im Saarland gebaut oder gar kein Auto mehr?

Nach dem Aus für das Ford-Werk ein weiterer Rückschlag für die Landesregierung unter Anke Rehlinger. Diese hatte in ihrer Regierungserklärung vor einem Jahr kühn erklärt, „das Auto der Zukunft“ werde im Saarland gebaut. Nun wird nach 2025 im Saarland erst einmal gar kein Auto mehr gebaut werden. Für das riesige Ford-Gelände bei Saarlouis gibt es noch keine Anschlussnutzung. Zwar wird viel geraunt, auch über Autohersteller aus China oder Vietnam, aber fix ist nichts. Auf dem Spiel steht viel bei der Investorensuche: Wenn auf dem Ford-Gelände gar nichts gelingt, droht aus dem Scheinzwerg Saarland ein echter Zwerg zu werden.

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