Rheinpfalz Säg mir, wo die Mädchen sind
Fünf Mädels im Wald und die Motoren röhren. Kettensägen sind eine Männerdomäne – von wegen. Heute zeigen die Ladys, was sie draufhaben. Beim Einsteigerkurs „Women only“. Von patenten Frauen und abgesoffenen Maschinen.
Da stehe ich nun im Wald bei Gommersheim. In einer riesigen gepolsterten Schnittschutzhose und einer XXL-Arbeitsjacke, in denen ich mir vorkomme wie ein Michelin-Männchen, mit Sicherheitsschuhen so groß wie Elbkähne. Man merkt es schon, dieses Metier ist eher Männern vorbehalten. Egal. Helm auf, Gehörschutz angedockt, Visier runter, Motorsäge in den Händen und rrrrööön, rrrrööön, das Kettensägen-Massaker kann losgehen. Nee, natürlich nicht, das wäre zu einfach. Es ist eher ein Abmühen eines schwachen Ärmchens an einem widerborstigen Startseil. „Zieh! Mit Kraft!“, ruft mir unsere Motorsägenausbilderin Lisa-Katharina Röck entgegen. Ich zieh und zieh und zieh noch mal und merke immer wieder: Nein, das ist nicht schnell genug. Was für eine Luftpumpen-Nummer. Ich resigniere und Lisa – im Wald duzt man sich – nimmt die Sache in die Hand. Vorhin im Theorie-Ausbildungsraum stand sie im T-Shirt da und ich konnte ihre kraftstrotzende Statur sehen. Gelernte Garten- und Landschaftsbauerin, beim THW und Berufsfeuerwehrfrau. Das ist schon eine andere Liga als jemand, der körperlich fordernde Betätigungen nur aus Erzählungen kennt und dessen handwerkliches Geschick sich darauf beschränkt, Nägel schief in die Wand klopfen zu können. Kurzum, ich bin hier reingestolpert. So ähnlich wie Tina Reinhardt, meine gleichaltrige Team-Kumpanin, die wie ich noch nie eine Kettensäge in der Hand hatte. „Meine Klappe war größer als mein Verstand“, wirft mir die gestylte Lady mit der blonden Mähne morgens am Kaffeetisch als Begründung zu. Sie ist Hauptdarstellerin des Werbe-Videos für die Firma Motorsägenausbildungen Rieger, die unseren „Nur-für-Frauen-Kurs“ veranstaltet. In dem Filmchen jagt eine Horde Zombies die 32-Jährige durch den Wald, bis, zack, ein Baum fällt und alle Untoten platt sind. Die Botschaft: Das Rieger-Motorsägenteam rettet die Welt. Klar, dass Tina nach diesem Film-Abenteuer auch mal den Sägen-Selbstversuch wagen und in die hohe Kunst des Waldmopedfahrens eingeführt werden will. Und das geht beim Grundkurs „Women only“, wie der Name schon sagt, ganz unter Frauen. Mitleidige Blicke oder selbstgefällige Kommentare von mitmachenden Heimwerker-Kings bleiben den Damen erspart. „Motorsägen sind eine der letzten Männerbastionen“, sagt Heike Gonschior. Die zierliche 51-Jährige mit dem pinkfarbenen Haarband und den klimpernden Ohrringen hat es drauf, das sehe ich im Wald schnell. Sie ist die Erste, die die Säge mit einem Stechschnitt vertikal im Stamm versenkt. Sie ist die Erste, die mit der Säge nahe dem Waldboden arbeitet. Lauter so kompliziertes Zeug. Und ihre Säge gleitet durch die harte Robinie wie ein Messer durch zimmerwarme Butter. Bei mir sieht das nicht ganz so elegant aus. Aber Heike hat ja auch schon Erfahrung. „Motorsägen sind für Frauen schon eine Herausforderung. Ich mache das gerne, aber ich kenne auch viele, die Angst davor haben.“ Ich bekomme es auch mit der Angst zu tun, und zwar, als uns Ausbilderin Lisa im vormittäglichen Theorie-Teil des Kurses erklärt, wie man eine Motorsäge in Gang setzt. Schalter an und los geht’s – denkste. Es bedarf einer nicht zu unterschätzenden Kombination aus Knöpfcheneinstellungen, Kraft und Gespür für die Maschine. Gashebel und Hebelsperre drücken und Kaltstart-Einstellung einlegen, dann das Anwerfseil ziehen – zuerst leicht bis zum Widerstand, dann mehrmals mit Schmackes, bis der Motor sich kurz bemerkbar macht. Jetzt in die Halbgasstellung wechseln und erneut am Seil ziehen, bis der Motor schnurrt. Dann kurz und mit Gefühl Gas geben, sodass der Kombihebel in die Leerlaufstellung springt. Jetzt Kettenbremse öffnen und es kann losgehen. Pfff… „Ich versteh nur Bahnhof“, steht in meinen Augen. „Das ist wie beim Auto, alles easy“, beruhigt uns Lisa. Und dann stehe ich zwei Stunden später im Wald neben einem Berg Polterholz, der darauf wartet, zerhackstückelt zu werden, und bin die einzige der Damenrunde, die diese widerspenstige Säge nicht zum Laufen kriegt. Diese Motor-Zicken aber auch. Seminar-Gefährtin Claudia Risch-Brengel hat mehr Power in den Armen. Bei ihr springt die Stihl an. Auch wenn sie keine Erfahrung mit Handwerker-Sachen hat, wie sie mir vorher berichtet. Sie sei eben schon immer gerne draußen unterwegs, jetzt sei sie daheim und habe Zeit, so die 51-Jährige, die von ihrem Mann noch einen besorgten Spruch mit auf den Weg bekam: „Pass schön auf, das ist gefährlich.“ Wenige Stunden später legt sie schon die Kettensäge an einen schwer zu bearbeitenden Stamm an, den wir Mädels in einen Spannungssimulator gehievt haben. Merke: Bäume sind schwerer als sie aussehen. In den Metalllöchern an beiden Enden der Vorrichtung verkeilen wir den Stamm und verbiegen ihn mit einer hydraulischen Pumpe. Eigentlich wäre ich jetzt an der Reihe am Spannungssimulator. Aber der Baum verdreht sich diesmal seitlich statt gerade zu bleiben, sodass man jetzt so eine wahnsinnig kompliziert klingende Schnittfolge einhalten muss – ich klinke mich aus: „Nee, ich mach dann die Blümchen-Variante beim nächsten Spannen.“ Claudia packt die Sache an. Kurzes Ansägen vorne, dann von unten, dann von oben und zum Schluss die Kettensäge drehen und von der anderen Seite des Stammes zu sich sägen. Herrje. Hat sie top gemacht und bekommt Applaus von uns. Nach drei Stunden im Wald haben wir es mittlerweile geschafft, so ziemlich jede der mitgebrachten Sägen zum Abwürgen zu bringen. Kollektives „Yeah!“, wenn sie kurz schnurrt, kollektives „Oooch …“, wenn sie dann doch absäuft. „Ist das nur bei Frauen so?“, frage ich Lisa, die unermüdlich an den Startseilen zieht. „Nein, das passiert auch bei den Männern. Aber so oft wie heute, das hatte ich auch noch nie.“ Eine kriegen wir noch zum Laufen. Das Maschinchen in meinen Händen, der Motor heult auf, die Späne fliegen durch die Luft. Ich ackere ich mich durch den spannungsgeladenen Baum, schneide einen Stamm mit einem fast professionell aussehenden V-Schnitt auseinander und übe mich im Treppenschnitt. Na ja, das Stück Holz sieht eher nach moderner Kunst aus als nach akkurater Treppenstruktur, aber sagen wir einfach: das soll so. Wir haben das „Kettensägen-Massaker“ übrigens alle unblutig überlebt. Wer vorsichtig vorgeht, dürfte nicht von der Kette mitgerissen werden. Wenn allerdings doch, wird’s ungemütlich. Mit 15 bis 30 Metern pro Sekunde hobelt sich die Kettensäge durch alles, was ihr in den Weg kommt. „Man muss immer bei der Sache sein und darf sich nicht zu sicher fühlen. Die meisten Unfälle passieren Profis“, weiß Lisa zu berichten. „Erst waren alle noch in bisschen verhalten und zögerlich, aber dann ist es doch ganz gut gelaufen“, resümieren wir gemeinsam und erheben stolz die Plastikbecher. Der Chef hat netterweise für uns Mädels noch eine Flasche Sekt in den Geländewagen gepackt – natürlich alkoholfrei. Na dann: Prösterchen auf uns Frauen an den heulenden Maschinen!