Geschichte RHEINPFALZ Plus Artikel In Karlsruhe wird eine große Ausstellung zur Bodensee-Insel Reichenau vorbereitet

Prachtvolles Beispiel aus der Reichenauer Malerschule: Verkündigungsengel aus dem Perikopenbuch von Heinrich II.
Prachtvolles Beispiel aus der Reichenauer Malerschule: Verkündigungsengel aus dem Perikopenbuch von Heinrich II.

Vor 1300 Jahren soll der Wanderbischof Pirmin an den Bodensee gekommen sein und das Kloster Reichenau gegründet haben. Es wurde ein bedeutendes Zentrum der Buchmalerei. Das Badische Landesmuseum in Karlsruhe will Handschriften für eine Ausstellung vor Ort vereinen.

Die Reichenau zählt mit ihren drei romanischen Kirchen, darunter die Oberzeller Georgskirche mit großflächigen Wandmalereien, und den neu gestalteten Klostergärten seit 2000 zum Unesco-Weltkulturerbe. Die mit 440 Hektar größte Insel im Bodensee war im frühen Mittelalter ein bedeutendes europäisches Zentrum für Religion, Kunst, Literatur, Wissenschaft und Buchmalerei.

Die frühromanische Georgskirche in Oberzell.
Die frühromanische Georgskirche in Oberzell.

Vom früheren Glanz zeugen heute neben dem Kloster selbst vor allem die reich ausgestalteten Handschriften aus dem 9., 10. und 11. Jahrhundert, die allerdings über ganz Europa verstreut sind. Vor allem prachtvolle Buchmalerei haben die Mönche im Reichenauer Skriptorium angefertigt, meist Auftragsarbeiten weltlicher und kirchlicher Herrscher als Geschenke für die Mächtigen der Zeit.

70 Handschriften noch erhalten

Die frühromanischen Malereien mit ihrem großflächig aufgetragenen und auf Hochglanz polierten Gold sind Spiegelbilder himmlischen Glanzes. Sie sollten den von Gott verliehenen Herrschaftsanspruch festigen, etwa die Abbildung im Evangeliar Ottos III., die den jugendlichen Kaiser auf einem Löwenthron sitzend zeigt. Noch heute berühren die überlangen Gestalten mit ausdrucksstarken Gesten und Blicken. Die stilisierten Formen sind mit kräftigen Farben aus edlen Pigmenten auf Pergament aufgetragen. Manche der Schriften wurden später in Elfenbeinreliefs gefasst.

 Abbildung aus dem Petershausener Sakramentar, um 980, Cod. Sal. IXb.
Abbildung aus dem Petershausener Sakramentar, um 980, Cod. Sal. IXb.

70 Handschriften aus dem Reichenauer Skriptorium sind noch erhalten. Zehn hat die Unesco 2003 ausgewählt und in ihr Weltdokumentenerbe aufgenommen. Einige der Codices will Eckart Köhne, Direktor des Badischen Landesmuseums in Karlsruhe, dank Leihgaben erstmals seit Jahrzehnten wieder am Bodensee zusammenführen und „in erfahrbarer Nähe zur Insel“ präsentieren – bei der großen Landesausstellung 2024, die Baden-Württemberg dem Reichenau-Jubiläum widmet.

Eine Zusage haben die Karlsruher schon für den Codex Egberti, der in ottonischer Zeit zwischen 980 und 993 im Reichenauer Skriptorium für Erzbischof Egbert von Trier erstellt wurde, sagt der Kurator Olaf Siart. Die 60 Bilder darin sind der älteste noch erhaltene neutestamentliche Zyklus mit Darstellungen aus dem Leben Christi. Und die Aachener Domschatzkammer entleiht das Liuthar-Evangeliar von Otto III., an dessen Restaurierung sich Karlsruhe beteilige. Weitere Handschriften reisen aus Norditalien, Paris und der Schweiz an. Nur München wolle seine Kostbarkeiten nicht herausgeben – etwa das Perikopenbuch Heinrich II. mit dem fantastischen Verkündigungsengel aus der Bayerischen Staatsbibliothek.

Ausstellung verspricht neue Erkenntnisse

Die Karlsruher versprechen überraschende Erkenntnisse etwa zur Urheberschaft, die neue Ansätze in der Handschriftenkunde erbracht hätten. Um die Forschung zur Reichenau auf den neuesten Stand zu bringen, hatten sie Anfang März Wissenschaftler aus Paris, Utrecht, New York, Genf und Hamburg zu einer Tagung auf die Reichenau geladen.

Das Kloster Mittelzell auf der Insel Reichnenau mit der großen Abteikirche St. Maria und Markus, in die Schatzkammer gerade umge
Das Kloster Mittelzell auf der Insel Reichnenau mit der großen Abteikirche St. Maria und Markus, in die Schatzkammer gerade umgestaltet wird.

Warum gerade sein Karlsruher Haus mit der Ausrichtung einer Ausstellung am fernen Bodensee betraut ist, erklärt Köhne: Das Archäologische Landesmuseum Konstanz sei zwar näher dran, habe seine Expertise aber in der Archäologie, das Badische Landesmuseum dagegen in Kunst und Kultur. Eigene Reichenau-Stücke besitzt es – anders als die ebenfalls in Karlsruhe beheimatete Badische Landesbibliothek – nicht in seiner Sammlung im Schloss. Wohl aber zwei gefälschte Dokumente, erzählt Köhne. So auch das, was lange für die Gründungsurkunde des Klosters Reichenau gehalten wurde. Im Mittelalter sei es eine beliebte Praxis gewesen, besondere Daten, die mündlich überliefert waren, nachträglich in Urkunden gewissermaßen festzuschreiben, etwa, um den Besitz von Ländereien zu belegen.

Was hat Pirmin an den Bodensee verschlagen?

Nachgehen will Köhne auch der Frage, was Pirmin, der aus dem benachbarten Frankenreich oder auch aus Irland stammen soll, zum Bodensee gezogen haben mag. Auf der Reichenau beginnt seine Spur im Südwesten Deutschlands. Der später heiliggesprochene Bischof zog als einer der Wandermönche umher, die im fränkischen Reich im Auftrag der Karolinger den christlichen Glauben verkündeten und kirchliches Leben neu organisierten. Denn nach der turbulenten Zeit der Völkerwanderung war das Heidentum weit verbreitet.

Die Abteikirche in Mittelzell, unter der noch Fundamente aus der Klostergründung Pirmins erhaten sind.
Die Abteikirche in Mittelzell, unter der noch Fundamente aus der Klostergründung Pirmins erhaten sind.

Mit 40 Mönchen soll Pirmin im Jahr 724 an den Bodensee gekommen sein. Die hölzernen Fundamente des von ihm gegründeten Klosters Mittelzell wurden unter dem Boden des Münsters entdeckt. Schon nach drei Jahren musste er selbst die Reichenau wegen Konflikten mit den weltlichen Herrschern wieder verlassen – und gründete weitere Klöster im Südwesten Deutschlands und im Elsass, etwa in Weißenburg und 741 das Kloster Hornbach in der Südwestpfalz, wo er 753 starb. Reliquien von ihm werden in Hornbach, Speyer, Pirmasens und Ludwigshafen aufbewahrt.

Äbte als Diplomaten und Erzieher tätig

Ora et labora – bete und arbeite, das ist die Maxime der Mönche nach den Regeln des Heiligen Benedikt von Nursia. Auf der Reichenau wurde in der Tat damals schon Gemüse gehegt. In den ersten Jahrhunderten der karolingischen und ottonischen Zeit sei der Konvent aber auch intensiv in die Herrschaft von Königen und Kaisern einbezogen gewesen. Die Äbte des Klosters wurden direkt vom Papst und nicht vom Bischof in Konstanz ernannt, betont Ausstellungskurator Siart. Sie waren Diplomaten und Erzieher, sie genossen Privilegien wie Immunität, Zollfreiheit und Wahlrecht. Von den Königen Heinrich I., Otto I. und Otto II., die das Kloster auch besuchten, erhielt es Schenkungen. Die Abtei pflegte europaweite Beziehungen. Berühmt als Lehrer war Walahfried Strabo, der mit seiner „Visio Wettini” das christliche Weltbild darlegte. Als Einleitung besitze die Schrift eine schöne Beschreibung der Bodensee-Landschaft, sagt Siart.

Reichenau ist die größte Insel im Bodensee, geprägt damals wie heute durch den Gemüsenanbau.
Reichenau ist die größte Insel im Bodensee, geprägt damals wie heute durch den Gemüsenanbau.

Ein großer Vorteil der geplanten Landesausstellung ist, dass der Originalschauplatz am Bodensee einbezogen werden kann. Museumsleiter Köhne kündigt ein digitales Inselmodell an, das zeigen soll, wie ein solches Kloster im frühen Mittelalter aussah. Man dürfe sich keine kompakte Anlage vorstellen, sondern verstreute Holzhäuser, ergänzt Siart. Die Reichenau habe damals immerhin schon wie das Kloster St. Gallen schon über ein Badehaus und ein großes medizinisches Zentrum zur Behandlung von Kranken verfügt.

Unser Idealbild von einer Abtei mit Kreuzgang und Dormitorium stammt dennoch vom Bodensee, sagt Siart. Zwischen 819 und 826 zeichneten Mönche im Kloster Reichenau den „St. Galler Klosterplan“, den ältesten überlieferte Bauplan der Welt. Allerdings ist er kein maßstabsgetreues Modell, eher das Ideal einer Klosteranlage mit all ihren Einrichtungen: einer großen Kirche, Wohnstätten, Arbeits- und Sanitärräumen, Speicher, Garten, Friedhof, Hostienbäckerei, Brauerei, Weinkeller und Ställen.

Schatzkammer wird gerade überarbeitet

Einbezogen in das Projekt werden die bestehenden Dauerpräsentationen vor Ort. Die Schatzkammer in der Abteikirche St. Maria und Markus werde gerade durch das Bistum überarbeitet, sagt Museumschef Köhne. In Mittelzell sei die Ausstellung bereits auf den neuesten Stand gebracht. Selbst die spirituelle Aura der Insel wollen die Karlsruher wieder spürbar machen, etwa mit Stationen zum Stundengebet auf einem Rundweg.

Pfahl aus der Zeit um 900, entdeckt am Bodensee.
Pfahl aus der Zeit um 900, entdeckt am Bodensee.

Neue Ergebnisse hat gerade erst die Unterwasserarchäologie beigetragen. So wurde im Flachwasser um die Insel eine 600 Meter lange Pfahlreihe entdeckt, die durch die Untersuchung der Jahresringe auf etwa 910 nach Christus datiert wurde, also in die Blütezeit des Klosters. 1300 Pfähle wurden bislang entdeckt. Doch die Forscher vermuten insgesamt 2500 Eichenstämme im Wasser, alle um vier Meter lang. Sie sollen zum Teil aus dem Wasser geschaut und zur Lenkung des Schiffsverkehrs am Nordufer der Reichenau gedient haben.

Unterwasserarchäologie ist noch eine recht jungen Disziplin in Deutschland.
Unterwasserarchäologie ist noch eine recht jungen Disziplin in Deutschland.

Schon im 12. Jahrhundert hatte das Kloster mit seinem berühmten Skriptorium seine Bedeutung eingebüßt. Das Ende kam aber erst 1757, die letzten Brüder verließen die Reichenau 1803. Inzwischen leben aber wieder Benediktinermönche auf der Insel.

Termin

Große baden-württembergische Landesausstellung „Klosterinsel Reichenau“ vom 20. April bis 20. Oktober 2024.

Münster St. Maria und Markus in Mittelzell
Münster St. Maria und Markus in Mittelzell
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