Lokalsport Südpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Gleitschirmfliegen: Hinauf schwitzen, herunter genießen – Die Südpfälzer „Duddefliecher“

Über den Wolken ... und über dem Rebenmeer, da muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.
Über den Wolken ... und über dem Rebenmeer, da muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.

Duddefliecher! So nennen sie sich im Südpfälzer Gleitschirmflieger-Club. Zwei von ihnen, Thomas Latzel und Jutta Reiser, sind ein Paar und Fluglehrer und haben in Corona-Zeiten Thüringen für sich entdeckt. Manfred Reinart fliegt seit sechs Jahren. Sie erzählen von ihrer Passion, von ihren Fluggeländen, von freien Flügen. Und von Polizeimeldungen in der RHEINPFALZ.

Den größeren, 15 Kilo schweren Gleitschirm nehmen oder den kleinen für den schnellen Ausflug am Feierabend? Drei Stunden reichen Jutta Reiser: einpacken, losfahren, hochlaufen auf den Blättersberg – und fliegen. Die Ausrüstung hievt sie sich auf den Rücken, als wäre sie ein Gebirgsrucksack. Gleitschirm, Sitz mit Gurtzeug, Protektor und Rettungsschirm. Helm auf, Handschuhe an, Sonnenbrille, feste Schuhe, schon kann es losgehen.

Zu was der Protektor gut ist? Er schützt Gesäß- und Rückenbereich, nicht nur bei der Landung, auch schon beim außerplanmäßigen Hinfaller vor dem Start. Thomas Latzel will gleich mal mit „Unfallberichten“ über Gleitschirmflieger in der RHEINPFALZ aufräumen: „Das sind meist keine Abstürze, sondern wir landen gezielt in Bäumen.“ Der 61-Jährige Schwarzwälder, der als freier Journalist, Filmemacher und Fotograf ein Buch über Gleitschirmfliegen geschrieben hat, hat seine vier Jahre alte Flugschule „Gemeinsam-Fliegen“ vor zwei Jahren nach Rhodt verlegt. Die Sportpädagogin Jutta Reiser (51) ist seine Begleiterin und Partnerin. Sie stammt aus Harxheim, seit zehn Jahren sind sie zusammen. Manfred Reinart fliegt noch nicht so lange. Der 56-Jährige aus Germersheim, er arbeitet bei SAP, ist im Vorstand der „Duddefliecher“, des Südpfälzer Gleitschirmflieger-Clubs (SGC). CDU-Politiker Heiner Geißler war 1992 Gründungsmitglied.

Etwa 100 Flugtage pro Jahr in Südpfalz

Die drei schwärmen sogleich vom jüngsten Trip in die Region Friaul, in Meduno am Fuße des Monte Valinis haben sie für Herbst schöne Verhältnisse für Gleitschirmfliegen gehabt. „Hike and Fly“, klettern und fliegen, hieß es nicht nur in Italien, das ist auch das Motto für die Pfälzer Fluggebiete. Während die Piloten sich und ihre Ausrüstung in den Alpen meist per Sessellift auf den Berg bringen können, ist in hiesigen Gefilden Schleppen angesagt. „Hier muss man sich den Flug erschwitzen“, sagt Jutta Reiser und grinst. An etwa 100 Tagen pro Jahr besteht dazu die Möglichkeit. Dafür müssen die Wind- und Witterungsverhältnisse stimmen. Was nicht heißen soll, dass in der Südpfalz nur im Sommer geflogen wird. Die 30, 40 aktiven Mitglieder des SGC heben knapp 3000-mal im Jahr ab, überschlagen die drei. Reinart hatte das Paragleiten schon mal in den 90ern ausprobiert, war dann aber beruflich in Frankreich. Mit 50 Jahren fing er noch mal an.

Unfälle? „Wir haben so was wie einen Gleitwinkel und hoffen auf Aufwind. Wenn wir den nicht finden, müssen wir wieder runter“, erklärt Latzel. Und dabei kann man schon mal im Baum landen. Aber das sei relativ sanft. „In der Pfalz haben wir sehr viele Bäume. Das einzig Lästige ist, dass wir die Höhenrettung rufen müssen, wenn der Baum zu hoch ist und wir nicht selbst herunterkommen“, sagt Latzel. Solche Fälle bringen dann oft eine Notiz in der RHEINPFALZ mit sich. Schirm und Gleiter bleiben in der Regel unbeschadet.

Fluggelände für jede Windrichtung

Gewöhnlich ist eine Baumlandung trotzdem nicht. Ein- bis zweimal im Jahr komme so etwas in ihrem Verein vor, schätzen Latzel und Reinart. Denn wo es einen Startpunkt gibt, gibt es auch einen Landepunkt, erklären die Gleiter. Vom Blättersberg runter bei der Burrweiler Mühle. Start auf dem Hohenberg, Landung bei Queichhambach. Der Verein hat einige Fluggelände, für die er Nutzungsrechte hat. Seit 2006 gehört der Blättersberg dazu, seit 2012 der Hohenberg. Der Föhrlenberg bei Leinsweiler, der Höllenberg bei Hinterweidenthal, der Adelberg über Annweiler und der Orensberg bei Dernbach sind weitere. Und die „Duddefliecher“ dürfen die Windenschleppe auf dem Segelflugplatz Haßloch nutzen.

Die Mitglieder des Vereins, der seinen Sitz in Neustadt hat, wohnen im Umkreis von einer Stunde mit dem Auto. Auf den Bergen sind Wetterstationen, so kann jeder, der Lust auf einen Turn hat, die aktuellen Parameter abrufen. Lohnt es sich, zum Höllenberg zu fahren? Oder ist es dort zu böig? Auf seiner Homepage veröffentlicht der Verein Details über sein Fluggebiet. „Fliegbare Windrichtung: NW bis NNW“, heißt es beispielsweise zum Hohenberg. „Wir brauchen immer Wind von vorne“, sagt Latzel. Um hochzukommen. Seitenwind sei ganz schlecht. Deswegen seien die Fluggelände in unterschiedliche Richtungen ausgelegt. Außerdem sind sie unterschiedlich schwierig. Der Orensberg gehört zu den einfachen. „Flache Wiese in einer Waldschneise“, heißt es über ihn. Aber auch hier ist Vorsicht geboten: „Gefahr durch Baumreihen am unteren Ende des Startplatzes.“

Vereinsmitglied flog 230 Kilometer weit

Im Schnitt 54 Jahre alt sind die Vereinsmitglieder. Der Nachwuchs fehle, meist komme er nur aus den eigenen Reihen, bedauern die drei. Auch der Frauenanteil ist eher kläglich. Drei, vier aktive Pilotinnen seien sie gerade mal im Verein, berichtet Reiser. Ihre Augen leuchten, als sie vom ersten Frauenflugfestival in der Schweiz erzählt, bei dem sie dabei war. Sie wirkt schüchtern, als die Männer sie auffordern, es zuzugeben: Sie war schon Landesmeisterin. Beim Wettkampffliegen muss eine Route abgearbeitet werden. Möglichst schnell steuern die Gleiter Turnpoints, Wendepunkte, an, ehe sie sich das Ziel vornehmen. 30 bis 40 Kilometer lang sei so ein Task, bei internationalen Wettkämpfen auch über 100 Kilometer. „Da alleine zu fliegen, das macht keinen Sinn“, hat Reiser erlebt. Klüger: Schwarmfliegen. Achim Thorn, mehrmals Champion im Streckenfliegen und Starter in der Gleitschirm-Liga, sowie Peter Jung, Deutscher Meister 2009, sind andere Aushängeschilder des Vereins.

Streckenfliegen ist die freie Variante des Sports. Heute gibt es Schirme mit einer Gleitzahl von zehn: Wer zehn Meter hoch fliegt, kann 100 Meter weit gleiten. Wer immer wieder Aufwinde findet, segelt dahin. Bei 560 Kilometern soll der Weltrekord liegen. Den Rekord im Verein hält Martin Laible, Vorstandsvorsitzender der Hambacher Schloß Kellerei, mit 230 Kilometer, wie Latzel berichtet.

3000 bis 5000 Euro für Ausrüstung

In der Pfalz seien Flughöhen bis 3000 Meter erlaubt, sagt der Fluglehrer. Es gebe Einschränkungen im Westen und im Süden, einige Lufträume seien gesperrt, beispielsweise der US-Stützpunkt Ramstein. Geräte zeigen den Fliegern an, wenn sie in „verbotene“ Zonen kommen. Bei Westwind lassen sich die Duddefliecher über den Rhein tragen. Eine Reserve habe immer einer dabei, sagt Reinart amüsiert: ein paar Euro im Geldbeutel für das Nachhauseticket.

Warum ein Gleitschirm fliegt? Latzel erklärt: Der herkömmliche Schirm hat ein Ober- und ein Untersegel und dazwischen Kammern, die sich mit Luft füllen. Die Gesamtfläche erreicht 20 bis 35 Quadratmeter. Es gibt Gleitschirme für Einsteiger, für regelmäßige Flieger und für geübte Piloten. 3000 bis 5000 Euro könne man in die Ausrüstung investieren. Gebrauchtware bekomme man schon für 1500 Euro. Dazu kommen Ausbildungskosten. Die Lizenz sei schon für 1000 Euro und nach drei Wochen zu haben, sagt Latzel. Aber man sollte mehr investieren und Erfahrung – Flugstunden – sammeln, um sicher abheben zu können, so der Fluglehrer. Das sei wie beim Autofahren. Er registriert immer wieder Abbrecher, die sich wohl davor fürchten, auf sich alleine gestellt zu sein.

Die meisten Piloten in Europa

Geflogen wird weltweit. Frankreich, Deutschland und die Schweiz seien die größten Gleitschirmflieger-Nationen. In der Bundesrepublik gebe es rund 35.000 organisierte Piloten. Wegen der Corona-Auflagen mussten die Flugschul-Besitzer, die sonst in der ganzen Welt unterwegs sind, in diesem Jahr improvisieren und haben den deutschen Osten von oben erkundet: „Thüringen, die Entdeckung überhaupt“, schwärmt Latzel.

Die deutsche Lizenz wird laut Latzel weltweit anerkannt. Grundausbildung, B-Lizenz mit Luftrecht, Meteorologie, Navigation, Verhalten in besonderen Fällen, A-Lizenz, Höhenflugausweis – Deutschland verlangt wie immer viel. Wer seit mindestens zwei Jahren die A-Lizenz hat, kann die Ausbildung zum Fluglehrer machen.

„Motorisch ist das Steuern des Gleitschirms, glaube ich, einfacher als Skifahren“, sagt Latzel über seine Profession und Leidenschaft, „aber das Fliegen verlangt mental viel ab.“

Jutta Reiser war schon Landesmeisterin.
Jutta Reiser war schon Landesmeisterin.
Thomas Latzel hat eine eigene Flugschule.
Thomas Latzel hat eine eigene Flugschule.
Manfred Reinart hat erst mit 50 Jahren richtig mit Gleitschirmfliegen begonnen.
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