Radsport RHEINPFALZ Plus Artikel Pfälzerin Alessa-Catriona Pröpster nach ihrem heftigen Bahnrad-Crash: „War wie ferngesteuert“

Alessa-Catriona Pröpster (mit den Armen in Schwarz-Rot-Gold) in einem anderen Rennen beim Finale der Champions League in London
Alessa-Catriona Pröpster (mit den Armen in Schwarz-Rot-Gold) in einem anderen Rennen beim Finale der Champions League in London am Nikolaustag.

Bei Höchstgeschwindigkeit ist Alessa-Catriona Pröpster mit einem Salto über die Bande der Radrennbahn in London katapultiert worden. Nun äußert sich die 23-Jährige in der RHEINPFALZ und spricht über den Sturz.

Locker 20 Mal habe sie sich den Unfall im Video angeschaut. „Ich will genau wissen, was passiert ist, dann fällt es mir leichter, das Ganze abzuhaken“, sagt Alessa-Catriona Pröpster mit fester Stimme. Beim Finalabend der Champions League war sie zusammen mit der Britin Katy Marchant spektakulär über die Bande geflogen, stand aber nach wenigen Minuten wieder auf den Beinen.

Ihr Nacken schmerzt, Prellungen erschweren ihr das Gehen. „Mein Körper“, gesteht sie, „fühlt sich an, als wäre er von einem Lkw überfahren worden“. Aber sie kann wieder lachen. Am Montag arbeitete die Athletin des Bahnradteams Rheinland-Pfalz ein wenig im Kraftraum in Kaiserslautern und am Dienstag will sie vielleicht aufs Straßenrad steigen.

Keine schlimmen Gedanken zulassen

Eigentlich unglaublich, wenn man sich diesen Horror-Crash im Lee Valley Velopark in London ansieht. Das weiß auch die 23-Jährige Bundespolizistin aus Kaiserslautern. „Mir und uns allen ist bewusst, dass dieser Sturz auch das Karriereende oder das Ende eines normalen Lebens hätte sein können, aber so weit will ich nicht denken. Denn wenn man diese Gedanken zulässt, wird die Aufarbeitung eher noch schlimmer“, bekennt sie sehr nachdenklich. Sie habe ihrem Trainer Frank Ziegler schon am Telefon gesagt, sie wolle sofort wieder einsteigen, wenn es ihr wieder gut gehe.

Alessa-Catriona Pröpster ist ein fröhlicher Mensch – und hart im Nehmen. Sie kennt Stürze, aber der Crash von London war ein and
Alessa-Catriona Pröpster ist ein fröhlicher Mensch – und hart im Nehmen. Sie kennt Stürze, aber der Crash von London war ein anderes Kaliber. Die Situation war komplett unkontrollierbar – und das ist das Erschreckende", sagt sie.

Geplant ist, am Donnerstag mit ihren WG-Kollegen Luca Spiegel und Henric Hackmann nach Grenchen in der Schweiz zu fahren, um dort am Freitag und Samstag Wettkämpfe zu bestreiten. „Mir ist sehr wichtig, so schnell wie möglich auf die Bahn zu gehen und wenn ich im Keirin Letzter werde, egal“, sagt sie. Man kennt es von Skispringern, die vom Himmel fallen oder von Stabhochspringern, denen der Stab bricht: Sie sollten möglichst gleich weiter machen, um nicht ins Grübeln zu kommen.

Video klärt nicht alles auf

Pröpster ist hart im Nehmen. Einmal steckte nach einem Sturz ein Stück der Holzbahn wie ein großer Splitter in ihrem Bein, einmal zog sie sich beim Dahinrutschen auf rauem Beton die ganze Haut ab. Doch dieser kapitale Sturz ist von anderem Kaliber. „Es ist mental ein ganz anderes Ding, wenn man merkt, wie unkontrollierbar Bahnradrennen sein können“, sagt sie: „Man denkt, man könne Fahrradfahren. Aber ich fühlte mich wie ferngesteuert. Die Situation war komplett unkontrollierbar – und das ist das Erschreckende.“

Eine Dreiviertelrunde vor Schluss des Keirinvorlaufs reagierte sie auf eine Welle von unten, musste nach oben lenken, wo Katy Marchant am Überholen war – bei 65 Kilometern pro Stunde. Ob sie sich mit dem Lenker verhakten oder ob sie in Marchants Vorderradgabel einhakte, wisse sie nicht, auch das Video gebe keinen Aufschluss. „Ich realisierte sehr schnell, dass ich das nicht abgefangen bekomme und dachte, okay, jetzt werden wir an der Bande stürzen und die Kurve entlang rutschen. Dass wir so abheben, und in die Zuschauer fliegen, war keine Option für mich“, sagt sie.

Sicherheitsdiskussion wird kommen

Aber es kam so. Mit dem Kopf voraus flog sie in die Zuschauerränge, kam im Zwischenraum zwischen Bande und den Sitzen zum Liegen, ihr Vater Klaus war fast als Erster bei ihr. Der Helm kaputt, der Fahrradrahmen gebrochen. Ein Wunder, dass ihre Wirbelsäule nichts abbekam. Das Schlimmste für sie: „Ich machte mir direkt Vorwürfe, weil ich weglaufen konnte, Katy aber da lag. Ihr zweijähriger Sohn war ja im Innenraum, das war unerträglich für mich.“ Die britische Olympiasiegerin hatte sich nur den Unterarm gebrochen, die betroffenen Zuschauer kamen mit dem Schrecken davon. Beim Frühstück am nächsten Morgen trafen sich Pröpster und Marchant kurz: „Aber wir haben uns nicht so ausgetauscht, wie wir es gerne gemacht hätten, sie hatte ihren Sohn an der Hand.“

Der Radsportweltverband UCI wird den Unfall analysieren. Die 1,60 Meter hohe Plexiglasbande war erst installiert worden, ihr wurde ein hoher Sicherheitsstandard zugeschrieben, jede Radrennbahn mit internationalen Wettkämpfen sollte sie erhalten. „Das Ding ist halt“, sagt Pröpster, „wir beide, die wir mit den Rädern 150 Kilogramm wiegen, haben die Bande wie ein Sprungbrett benutzt. Sicher ist das nicht.“ Klar scheint: Es dürfte Überlegungen und Diskussionen geben.

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