American Football
NFL in Deutschland: Nein, es war kein Traum
Karlsplatz in München, Sonntagabend, gegen 20 Uhr. Sechs Kumpels stehen auf der Rolltreppe und fahren von der U-Bahn-Station hinauf zum Stachus. Einer von ihnen trägt ein Trikot der Seattle Seahawks, zwei eines der Cincinnati Bengals. Einer hält es mit den Detroit Lions und der letzte hat einen Kapuzenpulli übergestreift, auf dem die Logos aller 32 Teams der National Football League (NFL) zu sehen sind. Es sind solche Momente, die ausdrücken, was das Besondere an diesem Tag ist. Die Menschen sind nicht wegen eines bestimmten Teams gekommen, sondern um den Football zu feiern.
Wenig später im Zug Richtung Mannheim, Endstation Hamburg. Großraumabteil, einer hat ein Trikot der Buffalo Bills an, ein anderer ein Jersey der Green Bay Packers. Den Kopf des anderen Nebenmanns ziert eine Pudelmütze der Dallas Cowboys, bei der Frau gegenüber prangt das NFL-Logo auf dem Oberteil. Sie schauen alle gemeinsam auf ein Handy, es läuft Football. Der Spieltag ist nach dem 21:15-Sieg der Tampa Bay Buccaneers gegen die Seahawks in der Münchener Arena noch lange nicht vorbei – und diese Leute können nicht genug bekommen.
Neuer Rasen für Arena
Damit sind sie nicht allein. In der Spitze haben 2,71 Millionen Menschen das erste offizielle NFL-Saisonspiel auf deutschem Boden im Fernsehen geschaut, wie Pro7 stolz verkündet – ein neuer Rekord. Laut dem Mediendienst DWDL erreichte der Sender während der gesamten Partie konstant einen Marktanteil in der werberelevanten Zielgruppe der Menschen zwischen 14 und 49 Jahren von mehr als 20 Prozent. Der gemessene Höchstwert liegt hier bei 25,3 Prozent im zweiten Quarter. Das bestätigt einen Trend aus dem Februar. Bei einer Erhebung der AGF Videoforschung erreichte American Football bei der Frage nach den beliebtesten Sportarten 33,8 Prozent. Zwar liegt Fußball mit 84,8 Prozent weit vorn, doch Football hat alle anderen Sportarten – egal ob Biathlon, Boxen oder Formel 1 – hinter sich gelassen.
„Das war eine der besten Football-Erfahrungen, die ich je gemacht habe“, sagte Bucs-Quarterback Tom Brady nach dem Spiel, „bei 23 Jahren in der Liga will das etwas heißen.“ Worte eines siebenmaligen Super-Bowl-Champions, die den Verantwortlichen heruntergehen müssen wie Öl. Zwar wird die NFL nun einen neuen Rasen für die Allianz-Arena bezahlen, da der bisherige für Fußball nicht mehr zu gebrauchen ist, nachdem die Football-Hünen ihn umgepflügt haben. Doch diese Rechnung dürfte die NFL nach der nicht abebbenden Begeisterung gerne begleichen.
Besonders beeindruckt war Brady vom deutschen Publikum. 69.811 waren in der Arena, Tausende mehr kamen ohne Ticket zum Stadion. „Die Fans waren unglaublich“, sagte er. Nicht nur, dass sie bereits lange vor Kickoff im Stadion waren, sie blieben auch nach Spielende sitzen. Als die Zuschauer „Sweet Caroline“ und „Country Roads“ anstimmten, empfand Brady das als „episch“. Tatsächlich kennt der US-Sport so etwas eher weniger, nicht nur der 45-jährige Star-Spielmacher wirkte sichtlich verblüfft und ergriffen. Deutsche Stadionkultur traf die us-typische Kombination aus Sport und Unterhaltung. Die Zuschauer wurden sogar aktiv, wenn die „Dance Cam“ sie auf der Leinwand zeigte. Manche spotteten, endlich habe einmal ausgelassene Stimmung im Stadion des FC Bayern München geherrscht.
„Das war es wert“
Während Fußballfans es als Tabubruch empfinden würden, wenn die Bundesliga ihre Spiele ins Ausland verlegen würde, gehört es bei der NFL zum Geschäftsmodell. Seit 2005 spielt sie in Mexiko-City, seit 2007 in London, nun in Deutschland. Nächstes Jahr ist Frankfurt an der Reihe. Bislang sind vier Spiele bis 2025 fix, aber es ist nicht ausgeschlossen, dass es mehr werden könnten. Doch die Premiere ist immer etwas Besonderes – und die Aufgabe der Liga ist es nun, das Interesse hochzuhalten, so dass die Party beim zweiten, dritten und allen folgenden Spielen weiter geht. Aber die umsatzstärkste Sportliga der Welt weiß sich bestens zu verkaufen.
Denn günstig ist der München-Spaß für die, die dabei waren, sicher nicht gewesen. In einer Gruppe aus der Pfalz, die von Freitag bis Sonntag in der Stadt war, hatten beispielsweise sechs von acht Leuten Tickets für die Arena. 75 Euro kostete eine Karte – gute Plätze hinter einer der Endzonen, bester Blick auf den spektakulären Touchdown von Seahawks-Ballfänger Marquise Goodwin kurz vor Schluss. Mit Übernachtung in einem Mittelklasse-Hotel und Verpflegung haben sie grob überschlagen 2400 Euro in der Stadt gelassen – ohne Fahrtkosten und ohne, dass sie es in den Brauhäusern und Fan-Pubs haben krachen lassen. Aber das Fazit der Gruppe lautet: Das war es wert.