Meinung
Joachim Löw: Den richtigen Moment verpasst
Im Jahr 2014 würdigte Deutschlands Starsänger Nummer 1, der allseits beliebte Herbert Grönemeyer, Bundestrainer Joachim Löw ein Lied. Ein Lied! Für Löw! Das war nach dem Titelgewinn bei der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien. Löw war auf dem Höhepunkt, er war im Fußball-Olymp. Natürlich war das der Moment, in dem der heute 61-Jährige hätte zurücktreten müssen.
Kann man einem leitenden Angestellten vorwerfen, dass er seine Arbeit liebt und sich berufen fühlt, den Job weiter auszuführen? Nein, das kann man nicht. Aber man kann ihm ankreiden, dass er das Gespür für den besonderen Moment vermissen ließ. Auch 2016 nach dem Halbfinal- K.o. gegen Frankreich bei der Europameisterschaft war so ein Moment, um zurückzutreten.
Das Aus kam nicht überraschend
Danach wurde es nur noch zäh. Löw hat das Scheitern in der WM-Vorrunde 2018 zu verantworten, Löw blamierte sich mit seiner Mannschaft durch die 0:6-Niederlage gegen Spanien im vergangenen November in der Nations League und Löw schaffte es nicht, die Mannschaft zurück in die Erfolgsspur zu führen. Allen Beteuerungen zum Trotz über die gute Arbeit in Seefeld und Herzogenaurach, unterm Strich war das jetzt bei der Europameisterschaft zu wenig. Das 0:2 gegen England im Achtelfinale kam nicht ganz überraschend.
Joachim Löw hat einmal gesagt, ein Trainer habe einen Kompass, eine innere Stimme. Dieser Kompass hat ihn in die Irre geführt, die innere Stimme gab ihm nicht die richtigen Entscheidungen mit auf den Weg. Die taktische Ausrichtung half seiner Elf nicht wirklich. Löw holte Mats Hummels und Thomas Müller zurück, aber auch dieser Schachzug brachte am Ende nichts. Vier Spiele, nur ein Sieg, das ist die magere Bilanz bei dieser EM.
Ära Löw und Ära Merkel
Joachim Löw wurde am 12. Juli 2006 als neuer Bundestrainer vorgestellt, weil sich der Projektarbeiter Jürgen Klinsmann ausgebrannt fühlte und als Coach aufhörte. Ein halbes Jahr vorher wurde Angela Merkel Bundeskanzlerin. Löw und Merkel schätzen sich. Es gibt viele Parallelen. Beide scheiden nun aus ihrem Amt aus, beide prägten eine sehr erfolgreiche Zeit, aber beide verloren am Ende ein wenig den Instinkt für das zuweilen harte Tagesgeschäft. „Wir schaffen das“ funktionierte nur noch mit Abstrichen.
Viel ist in diesen Tagen von einer bleiernen Löw-Zeit zu lesen. Das gilt es zu relativieren. Die Ära Joachim Löw war zeitweise eine glanzvolle. Als er das Zepter übernahm, lag die Epoche des Rumpel-Fußballs – unterbrochen durch die Silbermedaille mit Teamchef Rudi Völler bei der WM in Japan und Südkorea 2002 – noch gar nicht so lange zurück. Löw führte seine Mannschaft fünfmal ins Halbfinale, sie zeigte in Südafrika 2010 in den Partien gegen England und Argentinien berauschende Leistungen. Das 7:1 gegen Brasilien im Halbfinale und der Finalsieg 2014 gegen Argentinien in Rio de Janeiro werden in Geschichtsbüchern immer ganz weit oben stehen. Löws Fußball war stilprägend. Man schaue sich noch einmal die Aufnahmen von der Berliner Fanmeile an. Was war das für eine Begeisterung.
In seinem letzten Turnier machte der einst große Taktiker wieder Fehler und das Ende kam folgerichtig. Und dennoch fühlt es sich falsch an. Löw hätte einen besseren Abschied verdient gehabt.

Fußball-Europameisterschaft 2024 in Deutschland
Gibt es ein Sommermärchen 2024? Kommt Deutschland weiter? Und welche Spieler stecken alle anderen in die Tasche? Alle Infos zur Meisterschaft, Neuigkeiten von der Nationalmannschaft und jede Menge Berichte rund um die Spiele vor Ort lesen Sie hier.
Foto: Imago Images/Beautiful Sports


