Fussball
Aus der Traum vom Titel
Die Enttäuschung war groß. „Wir haben uns mehr erhofft, der Glaube an die Mannschaft war da. In diesen Spielen ist es wichtig, dass man seine Großchancen macht. Alle Spieler sind maßlos enttäuscht“, haderte Bundestrainer Joachim Löw in seiner Analyse nach dem Abpfiff. Die Mannschaft reist zurück ins Camp nach Herzogenaurach, dort wird sich der Coach, der die deutsche Mannschaft 15 Jahre lang betreute, von den Spielern verabschieden.
Neuer: England mit mehr Gier
„Das war die K.-o.-Runde, wir haben gegen England gespielt, das ist eine gute Nation. Wir müssen schauen, dass das Spiel auf der Kippe war. Es war so, dass ein bisschen die Gier, die England hatte, in den Situationen, wo sie die Tore geschossen haben, mehr da war als bei uns. Das war, glaube ich, der springende Punkt“, meinte Torhüter und Kapitän Manuel Neuer.
Viel Ballbesitz, viel Dominanz gerade in der zweiten Halbzeit – aber die deutsche Mannschaft entwickelte zu wenig Druck auf das englische Tor. Und so nutzte England nach der Pause den ersten deutschen Aussetzer. Relativ ungestört kombinierte das englische Team am deutschen Strafraum, Harry Kane gab den Ball weiter zum eingewechselten Jack Grealish, der nahm Luke Shaw links mit, und dessen flache Hereingabe drückte Raheem Sterling aus kurzer Distanz ins Tor. Und wieder geriet die deutsche Auswahl in Rückstand, wie bisher in allen Turnierspielen. „Bis dahin war es ein absolut ordentliches Spiel. Beide Mannschaften haben sich ein bisschen neutralisiert. Das 1:0 hat alles verändert“, fand Toni Kroos.
Ausgerechnet Thomas Müller
Und die Reaktion der deutschen Elf? Es war Thomas Müller, der von seinen Mitspielern so Hochgelobte, der Rückkehrer, eine Konstante in der Ära Joachim Löw, der die riesen-riesengroße Ausgleichschance vergab. Nach einem Fehlpass von Sterling initiierte der beste deutsche Offensivspieler, Kai Havertz, einen Konter, Havertz setzte Thomas Müller ein, Müller lief, Müller schoss – und Müller schoss knapp am linken Pfosten vorbei. Müller konnte es nicht glauben, griff sich an den Kopf.
Beim zweiten Gegentor machte es die deutsche Mannschaft ihrem Gegner dann einfach zu leicht. Mats Hummels spielte Serge Gnabry an, der eingewechselte Stürmer verlor den Ball, dann ging es schnell, und der auf der Insel heftig kritisierte Mittelstürmer Harry Kane nickte zum 2:0 ein. Die Engländer waren vor dem Tor einfach cleverer, abgebrühter. „Die Jungs haben eine irrsinnige Mentalität gezeigt“, fand Kapitän Kane. Über Rom am Samstag wollen die Engländer zurück nach London kommen.
Und sonst? In den zweiten 45 Minuten sorgte nur noch Kai Havertz für Aufregung mit seiner Direktabnahme, die Jordan Pickford großartig parierte. „Ich fand, in der ersten Halbzeit war es ein Spiel auf Augenhöhe. England hat jetzt auch keine allzu schlechte Mannschaft. Wenn du im Achtelfinale rausfliegst, ist es natürlich enttäuschend. Das ist ein bitterer Abend“, kommentierte Kai Havertz den K.o. der deutschen Mannschaft. Das war der nächste Tiefschlag nach dem Vorrunden-Aus bei der WM 2018 in Russland.
Wieder Standard nicht genutzt
Vor der Pause war die Partie alles in allem ausgeglichen. Die deutsche Mannschaft startete glänzend. Doch dann kam England auf, übernahm die Initiative. Nach einem Traumpass von Thomas Müller hatte Leon Goretzka, wie erwartet für Ilkay Gündogan im Team, früh freie Fahrt, doch Declan Rice foulte ihn kurz vor dem Strafraum. Aber es blieb dabei: Die deutsche Elf machte bei dieser Europameisterschaft zu wenig aus ihren Standards, der Freistoß von Kai Havertz wurde abgeblockt. Die beste deutsche Möglichkeit vergab Timo Werner, der den Vorzug vor Serge Gnabry erhielt. Werner scheiterte aus halblinker Position an Jordan Pickford.
Mats Hummels war der herausragende deutsche Abwehrspieler, sah am Ende aber auch unglücklich aus. Er klärte in der 44. Minute gerade so vor Harry Kane, in der Nachspielzeit des ersten Durchgangs lag das 1:0 für die Gastgeber in die Luft. Nach einem unkonzentrierten Fehlpass von Thomas Müller flog der Ball zu Kane, Mats Hummels schlug in allergrößter Not den Ball vom Fünfmeterraum weg. Das war knapp!
Mats Hummels und Thomas Müller – die Diskussionen, ob das die letzten Auftritte der beiden Rückkehrer waren, haben am Dienstagabend bereits begonnen.
So spielten sie
England: Pickford - Walker, Maguire, Stones - Trippier, Shaw, Phillips, Rice (88. Henderson), Saka (69. Grealish), Sterling - Kane
Deutschland: Neuer - Ginter (87. Can), Hummels, Rüdiger - Kimmich, Goretzka, Kroos, Gosens (87. Sané) - Havertz, Müller (90+2 Musiala), Werner (68. Gnabry)
Tore: 1:0 Sterling (75.), 2:0 Kane (86.) - Gelbe Karten: Rice, Phillips, Maguire - Ginter, Gosens - Beste Spieler: Phillips, Sterling - Hummels, Havertz - Zuschauer: 41.973 - Schiedsrichter: Makkelie (Niederlande).öpf/dpa

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