Baden-Württemberg RHEINPFALZ Plus Artikel Winfried Kretschmann: Abschied vom „Tacheles-Schwaben“

2011 wird Winfried Kretschmann zum ersten Mal Ministerpräsident – seine Frau Gerlinde freut sich mit und umarmt ihn.
2011 wird Winfried Kretschmann zum ersten Mal Ministerpräsident – seine Frau Gerlinde freut sich mit und umarmt ihn.

Mit Winfried Kretschmann (77) tritt bald der dienstälteste Ministerpräsident ab. Von einem philosophischen Grantler, der vom grünen Revoluzzer zum Landesvater wurde.

„Die Revolutionäre machen nicht die Revolution! Die Revolutionäre sind diejenigen, die wissen, wann die Macht auf der Straße liegt und wann sie sie aufheben können!“

(Hannah Ahrendt)

Winfried Kretschmann ist 62 Jahre alt, als er die Macht von der Straße aufhebt. Es ist das Jahr 2011, und Kretschmann wird nach drei langen Jahrzehnten der Oppositionsarbeit Regierungschef von Baden-Württemberg: als Deutschlands erster und bislang einziger grüner Ministerpräsident.

Dass dieser Alt-Revoluzzer die seit den 1950er-Jahren auf die Macht abonnierte Südwest-CDU aus der Villa Reitzenstein in Stuttgart, dem Regierungssitz der Ministerpräsidenten, vertreiben würde, war 2011 alles andere als ausgemacht. Die Bürger sprachen sich damals weniger für Kretschmann, für seine Grünen oder für die SPD aus, die unwesentlich weniger Stimmen erzielte. Vor allem wählten die Menschen Veränderung – nach den Auseinandersetzungen um das Bahn-Projekt Stuttgart 21, nach einem Tsunami im japanischen Fukushima, der einen atomaren Super-Gau auslöste. Die Zeit war plötzlich reif für Grün-Rot.

Winfried Kretschmann ist seit 15 Jahren Deutschlands erster und bislang einziger grüner Ministerpräsident.
Winfried Kretschmann ist seit 15 Jahren Deutschlands erster und bislang einziger grüner Ministerpräsident.

Wer diesen historischen Erfolg und Winfried Kretschmanns politisches Wirken verstehen möchte, muss seine Prägungen dechiffrieren. Er ist ein „Bruddler“, jener Typus des Schwaben, der leise vor sich hin meckert, auch mal mürrisch ist, schnell unzufrieden. Er denkt progressiv und handelt dennoch konservativ.

Fluchterfahrung prägt

„Ich bin ein Flüchtlingskind, wenn auch schon hier geboren und sozialisiert“, hat der heute 77-Jährige einmal gesagt. Seine Familie wurde 1945 aus Frauenburg in Ostpreußen vertrieben, ein Bruder Kretschmanns starb als Säugling auf der Flucht. Winfried kam dann am 17. Mai 1948 im oberschwäbischen Spaichingen im Landkreis Tuttlingen zur Welt. Die älteren Geschwister waren alle noch in Frauenburg geboren, das heute Frombork heißt und zu Polen gehört.

Diese Prägung war für Kretschmann in der Hochphase der Flüchtlingskrise 2015 leitend. Wochenlang kamen auch in den Südwesten der Republik täglich Züge voller Geflüchteter. Die Dauerbelastung zeichnete damals immer deutlicher Ringe unter die Augen des Landesvaters. Wo findet sich noch eine erste Bleibe für die Neuankömmlinge, welcher Oberbürgermeister stellt noch eine Turnhalle zur Verfügung? Über vieles grübelte er damals, auch in schlaflosen Nächten, wie er mal in kleiner Runde berichtete. Die Menschen abzuweisen, war für ihn dabei undenkbar.

Cem Özdemir, hier im Bild 2011 als Grünen-Bundeschef, will Kretschmann als Landeschef in Baden-Württemberg beerben.
Cem Özdemir, hier im Bild 2011 als Grünen-Bundeschef, will Kretschmann als Landeschef in Baden-Württemberg beerben.

Dieses „an den Nächsten denken“ ist Ausdruck einer weiteren Prägung Kretschmanns: der christlichen. Seine Familie war streng katholisch. Wer Hilfe braucht, dem muss geholfen werden: Dieses Prinzip leitete ihn auch, als er 2014 ein Flüchtlingssonderkontingent auflegte, um Jesidinnen und deren Kinder vor der Terrormiliz IS zu retten und aus dem Nordirak nach Baden-Württemberg zu holen. Eine dieser Frauen ist Nadia Murad, die 2018 den Friedensnobelpreis erhielt.

Für Grüne Jugend oft unerträglich

Dass Kretschmanns Politik der offenen Arme zugleich auch klare Grenzen hatte und hat, hat ihm immer wieder Zoff mit den eigenen Leuten eingebracht. Äußerst hemdsärmelig sprach er etwa von testosterongesteuerten Männerhorden – und bezog sich dabei auf einen Vorfall in Freiburg, als eine Vielzahl von Männern, vorwiegend Asylbewerber, vor einem Club eine 18-Jährige vergewaltigt hatten. Die gehörten in die Pampa geschickt, polterte Kretschmann. Oder aus dem Land geschafft. Für Teile seiner Partei, vor allem für den Nachwuchs in der Grünen Jugend, war diese Haltung oft unerträglich. Für die Bürger im Land wurde er dadurch jedoch zu ihrem Ministerpräsidenten. Parteifarbe: Nebensache.

Mit seiner empathisch-pragmatischen Art traf Kretschmann über die Jahre immer wieder den Nerv der Menschen im Land. Bei der Landtagswahl 2016 wählten sie mehrheitlich grün, um Kretschmann als Ministerpräsidenten zu behalten. Der bisherige Koalitionspartner SPD wurde zum Kollateralschaden, für eine Neuauflage des grün-roten Bündnisses fehlte eine Mehrheit. Gemeinsam mit dem damaligen CDU-Landeschef Thomas Strobl schmiedete Kretschmann daraufhin die bundesweit erste Kiwi-Koalition. „Der radikalste Revolutionär wird ein Konservativer am Tag nach der Revolution“, hat Hannah Arendt gesagt. Die 1975 gestorbene deutsch-amerikanische Politik-Theoretikerin ist Kretschmanns Lieblings-Philosophin. Wobei er seine Zeiten des Stürmens und Drängens da längst hinter sich gelassen hatte. Oder wie ihm sein CDU-Amtsvorvorgänger Günther Oettinger zum 70. Geburtstag bescheinigte: „Lieber Winfried, manchmal denke ich, Du bist konservativer, als ich jemals werden will.“

Berufsverbot droht

In die Rebellion wuchs Kretschmann in Kindertagen hinein. Er verließ nach der zehnten Klasse das katholische Internat in Riedlingen, wo den Schülern Gehorsam mit Gewalt und Prophezeiungen vom Fegefeuer beigebracht wurde, und wechselte aufs Gymnasium in Sigmaringen. Er trat aus der katholischen Kirche aus, statt dem Wunsch des Vaters folgend Priester zu werden, trat später wieder ein, wurde Mitglied im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken. Nach einer Audienz bei Papst Franziskus 2016 im Vatikan zeigte er sich ergriffen. Dieser sei ein „Glücksfall für die katholische Kirche“, so Kretschmann, weil er Ökologie und Soziales zusammen dachte.

Unterwegs mit dem Ministerpräsidenten.
Unterwegs mit dem Ministerpräsidenten.

Kretschmann blieb in der elften Klasse sitzen und wurde später – wie sein Vater – selbst Lehrer. Wegen revolutionärer Umtriebe drohte ihm ein Berufsverbot. Während seiner Studienzeit an der Universität Hohenheim in Stuttgart war Kretschmann Maoist und eine Weile Mitglied des Kommunistischen Bundes Westdeutschlands. Die Konsequenz aus dieser Zeit sollte sein weiteres Leben und die politische Landschaft Deutschlands grundlegend verändern: 1979 war Kretschmann Mitbegründer der Grünen in Baden-Württemberg. „Sie zu gründen war eine späte Folge davon, dass ich mich in eine linksradikale Sekte verlaufen hatte“, so Kretschmanns Herleitung.

Öko-Besserwisser im Landtag

Die Grünen in Baden-Württemberg waren und sind bis heute anders als ihre Parteifreunde andernorts. In der Frühzeit der Partei gab es dort neben den linken Fundis und den pragmatischen Realos noch einen dritten Strang, dem Kretschmann angehörte: die Ökolibertären. Diesen konservativen Flügel am innerparteilich rechten Rand gibt es nicht mehr, doch dessen Inhalte sind zur DNA der Grünen Kretschmann’scher Prägung geworden. Erstmals 1980 zog er als Abgeordneter in den Stuttgarter Landtag ein und blieb diesem – mit Unterbrechungen – bis heute erhalten. Ehemalige Abgeordnete, die ihn in den Anfangsjahren erlebten, berichten davon, wie sich der Plenarsaal leerte, wenn Kretschmann ans Rednerpult trat.

Mit seiner Partei ging der Grüne immer wieder hart ins Gericht.
Mit seiner Partei ging der Grüne immer wieder hart ins Gericht.

2011 hatten grüne Parteistrategen deshalb noch Sorge um die Wirkung des 1,93 Meter langen Öko-Besserwissers auf die Wählerschaft. Sie versuchten, ihn in einem Team einzuhegen und ein wenig abzuschmirgeln. Erst im Laufe seiner Regierungszeit verstand seine Partei, dass die Menschen Kretschmann nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Kanten schätzen. Ein Politiker, der Tacheles redet – auch gegen die eigene Partei –, der nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten erstmal von seiner Frau Gerlinde den Auftrag bekommt, den Mist im Garten umzusetzen, der Fan des VfB Stuttgart ist und Mitglied der Narrenzunft Gole in Riedlingen, der lieber bequeme schwäbische Treter statt italienische Herrenhalbschuhe trägt und mit Freunden regelmäßig Binokel spielt.

„Politik für alle“

In seinen Regierungsjahren hat Kretschmann der grünen Sache gedient. Er hat im Schwarzwald den ersten Nationalpark im Land geschaffen und zum Ende seiner Regierungszeit noch erweitert. Unter ihm wurde Baden-Württemberg Vorreiter beim Artenschutz und bei der Solardachpflicht. Seine Bundespartei hat er aber auch regelmäßig düpiert. Gemeinsam mit der CDU hat er etwa das bundesweit schärfste Polizeigesetz geschaffen und zuletzt die Analyse-Software „Gotham“ des US-Unternehmens Palantir für die Polizei abgenickt. Nachdem er zu seinem Amtsantritt die fürs Land so wichtige Autoindustrie mit den Worten „Weniger Autos sind natürlich besser als mehr“ verärgert hatte, mauserte er sich schnell zu ihrem glühenden Fürsprecher. Er griff seine Bundesgrünen oft direkt an – etwa kurz nach der Bundestagswahl 2021, als er das enttäuschende Ergebnis für Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock so erklärte: „Wenn Sie Ministerpräsident oder Kanzler werden wollen, müssen Sie Politik für alle machen.“ Winfried Kretschmann bewies regelmäßig, wie das geht.

Urgesteine der Grünen. Auf dem Schwarz-Weiß-Foto von 1991 sind unter anderem Reinhard Bütikofer, Rezzo Schlauch und Fritz Kuhn m
Urgesteine der Grünen. Auf dem Schwarz-Weiß-Foto von 1991 sind unter anderem Reinhard Bütikofer, Rezzo Schlauch und Fritz Kuhn mit Winfried Kretschmann unterwegs.

In seinen letzten Jahren war Kretschmann die Last des Regierens mitunter anzumerken. Für das Klein-Klein und die Aufreger der Tagespolitik ging ihm zunehmend die Geduld aus. „Der Philosoph, der in der Öffentlichkeit eingreifen will, ist kein Philosoph mehr, sondern Politiker; er will nicht mehr nur Wahrheit, sondern Macht“, hat Hannah Arendt erklärt. Kretschmann durchlebte die umgekehrte Metamorphose. Schon 2021 ließ er sich nur mit Mühe von seiner Partei überreden, mit 72 erneut zur Landtagswahl anzutreten. Während der Legislaturperiode an einen Nachfolger abzugeben, hatte ihm der Koalitionspartner CDU verwehrt. Deshalb sagt er nun auch: „Ich bin froh, dass ich jetzt aufhören darf.“

„Rummaulen bringt nichts“

Mit 77 Jahren zieht sich Kretschmann nun ins Private zurück. Endlich wird er mehr Zeit haben für die Familie – für seine Frau Gerlinde, für die drei erwachsenen Kinder und vor allem für seine beiden Enkel. Baden-Württemberg wird seine Spuren weiter tragen. Besonders wichtig ist ihm dabei die „Politik des Gehörtwerdens“, die er ausgerufen hat. Dafür hat er etwa Bürgerräte etabliert, also Gruppen aus zufällig ausgewählten Bürgern, die wichtige oder kontroverse Themen begleiten. Nicht nur die gewählten Politiker sollen sagen, wohin das Land steuert, sondern auch Vertreter der Bürgerschaft, also des Souveräns.

Die Volksnähe des 77-Jährigen ist legendär, auch die Narrenschelle der Schwäbisch-Alemannischen Narrenzünfte trägt er stolz.
Die Volksnähe des 77-Jährigen ist legendär, auch die Narrenschelle der Schwäbisch-Alemannischen Narrenzünfte trägt er stolz.

Die Menschen an politischen Prozessen zu beteiligen, in zivilisiertem Streit Kompromisse zu finden, sei der Kern der Demokratie. Nur so bleibe die Gesellschaft beisammen, ist Kretschmann überzeugt. „Kompromiss heißt nichts anderes, als dass wir uns einigen“, hat Kretschmann am Donnerstag bei seiner Fastenpredigt im Speyerer Dom gesagt. Wichtig für den gesellschaftlichen Frieden sei es, „nicht einfach nur rumzumaulen, das bringt nämlich gar nichts“.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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