Speyer
Ministerpräsident Kretschmann studiert die Bibel vor Fastenpredigt in Speyer
„Ich bin zwar Christ, aber kein Theologe.“ Das ist dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann wichtig zu erwähnen, bevor er am Donnerstag, 19. Februar, 19.30 Uhr, ans Mikrofon im Speyerer Dom schreitet. Der Grünen-Politiker macht auf der Zielgeraden seiner 15 Jahre als baden-württembergischer Ministerpräsident Station auf der linken Rheinseite. Im „Ländle“ findet am 8. März die Landtagswahl statt, in der es um die Nachfolge des nicht mehr kandidierenden 77-Jährigen geht, in Speyer hält er wenige Wochen zuvor eine Fastenpredigt in der Reihe „Im Puls“.
Wie geht der sich selbst als „kritischer Katholik“ bezeichnende Kretschmann an seine Aufgabe, zum Thema „Frieden“ zu predigen, das in diesem Jahr über der zweiteiligen Reihe steht? „Bei der freien Wahl einer Bibelstelle für die Fastenpredigt ist ja die Versuchung groß, dass man sich die Bibelstelle heraussucht, die die eigene Position in der Predigt bestätigt. Das ist aber nicht sehr seriös“, sagt der 2024 schon einmal mit einer Fastenpredigt auf dem Berg Bussen im Kreis Biberach aufgetretene Politiker gegenüber der RHEINPFALZ.
Deshalb habe er sich der Herausforderung gestellt, diejenige Bibelstelle als Grundlage zu nehmen, die in der kirchlichen Leseordnung für den Predigttermin vorgesehen ist. Das ist die Rede des Moses an das Volk Israel (Deuteronomium 30, 15-20). Er werde sich dem Thema als Politiker und kritischer Katholik nähern, betont Kretschmann: „Dazu schaue ich mir natürlich die Bibelstelle und verschiedene Übersetzungen genau an. Und auch kirchliche Texte zum Thema.“ Er suche darin auch Impulse für seine Verantwortung als Politiker und gleiche seine eigenen politischen Erfahrungen damit ab. „Das ist dann schon ein Prozess über mehrere Tage, manchmal Wochen, wo ich mit einem solchen Thema ,schwanger’ gehe.“
Nicht gezögert
Kretschmann sagt auf Anfrage, er habe trotz in der Vergangenheit auch unzufriedener Äußerungen über die Amtskirche „überhaupt nicht“ gezögert, als diese ihn zur Predigt im Dom eingeladen hat. „Die Kirche, auch die katholische, lebt ja vom Zusammenspiel aus Laien und Klerikern“, erklärt er. Das Zweite Vatikanische Konzil habe das „gemeinsame Priestertum der Gläubigen“ betont, so der vor seiner politischen Laufbahn als Biologie- und Chemielehrer tätige Kretschmann.
„Ohne engagierte Laien könnte sich das kirchliche Leben in Deutschland ja gar nicht mehr aufrecht halten lassen. Und das wird angesichts der großen gesellschaftlichen Umwälzungen der Säkularisierung, in denen wir noch immer stecken, in Zukunft noch mehr so sein.“ Der Aufgabe, die Schrift auszulegen in die heutige Zeit, stelle er sich gerne. In Bezug auf das Friedensthema weist er darauf hin, dass der Satz aus dem Johannesevangelium „Ut unum sint – Auf dass alle eins seien!“, wie er sich am Hauptportal des Doms findet, auch als Mahnung zum Frieden unter den Menschen gelesen werden könne.
Mitglied in Kuratorium
Kretschmann kennt den Speyerer Dom gut und ist seit 2019 – wie seine rheinland-pfälzischen und saarländischen Landeschef-Kollegen auch – Mitglied des Kuratoriums der Europäischen Stiftung Kaiserdom zu Speyer. Der damalige Vorstandsvorsitzende der Stiftung Peter Frankenberg – einst auch Minister in der baden-württembergischen Landesregierung – hatte ihm den Wunsch von Bischof Karl-Heinz Wiesemann übermittelt, ihn in das Kuratorium zu berufen, so die Stiftung auf Anfrage. Im Antwortbrief aus Stuttgart hieß es: „Angesichts der herausragenden Bedeutung des Kaiserdoms zu Speyer und seiner europäischen Geschichte sowie mit Blick auf den Umstand, dass sich Teile des ehemaligen Fürstbischöflichen Bistums Speyer auch auf Gebiete des heutigen Baden-Württembergs erstrecken, bin ich gerne bereit, im Kuratorium dieser Stiftung mitzuwirken.“
Die Fastenpredigt steht im Rahmen einer frei zugänglichen Andacht im Dom. Die liturgische Leitung liegt in der Hand von Domdekan Georg Müller. Domorganist Markus Eichenlaub wird ihr nach Ankündigung des Bistums einen passenden musikalischen Rahmen geben. Alle Fastenpredigten werden demnach live auf den Social-Media-Kanälen von Bistum und Dom übertragen und sind dort auch im Nachgang abrufbar, zum Beispiel unter https://www.youtube.com/@domzuspeyer_official/streams.
Der Bischof und das Domkapitel bezeichnen die Fastenpredigten als „Beitrag zu einer zeitgemäßen Verkündigung der christlichen Botschaft in die Gesellschaft hinein“. In diesem Jahr wird eine Woche nach Kretschmann (26. Februar, 19.30 Uhr) die Journalistin und Moderatorin Gundula Gause (ZDF) im Dom sprechen. Ursprünglich hatte Kardinal Jean-Claude Hollerich aus Luxemburg für eine weitere Predigt am 5. März zugesagt. Diese wird jedoch laut Bistum ersatzlos gestrichen, weil Hollerich aufgrund anderweitiger Verpflichtungen kurzfristig abgesagt habe.