American Football RHEINPFALZ Plus Artikel Wieso hat es American Football so schwer, sich in Europa durchzusetzen?

Sport und Entertainment gehören beim America Football zusammen. Doch eine eigene Handschrift hat die ELF nicht entwickelt.
Sport und Entertainment gehören beim America Football zusammen. Doch eine eigene Handschrift hat die ELF nicht entwickelt.

Die NFL boomt in Deutschland. Doch eine europäische Liga steht vor dem Aus Wieso hat es American Football so schwer, richtig Fuß zu fassen? Eine Annäherung in sechs Thesen.

Mitten in die Corona-Pandemie kam eine Vision: eine europäische Liga für American Football. Nicht als Konkurrenz zur großen NFL und den Vereinigten Staaten, aber eben doch als Gegengewicht. Um den Fans auf dieser Seite des Atlantiks auch dann etwas zu bieten, wenn die großen Stars spätestens nach dem Super Bowl im Februar Pause haben.

Innerhalb von acht Monaten stellten die Organisatoren um Liga-Boss Patrick „Coach“ Esume, bekannt geworden als Experte während der TV-Übertragungen der NFL, die European League of Football, kurz ELF, auf die Beine. Franchise-System, zentrale Vermarktung, Sport gepaart mit Show, so wie man es von der NFL kennt. Auftakt mit acht Teams aus drei Ländern war am 19. Juni 2021, Frankfurt Galaxy gewann den Titel. Nicht das einzige Team, dessen Namen aus der ehemaligen NFL Europe noch geläufig war. Schnell wurde deutlich, worauf die Macher abzielten: Wachstum. Zwölf Mannschaften aus fünf Ländern im zweiten Jahr, in der Folgesaison 17 Teams aus neun Länden: von Ungarn über Deutschland nach Dänemark, von Polen über die Schweiz, Österreich und Frankreich nach Spanien. 41.364 Zuschauer kamen im September 2024 in die Fußball-Arena des FC Schalke 04, Düsseldorf Rhein Fire gewann gegen die Vienna Vikings den Titel.

Mittelfristig waren 24 Mannschaften aus 15 europäischen Nationen geplant, doch daraus wird nun wohl nichts. Immer wieder war von Finanzproblemen die Rede, Mannschaften zogen sich zurück, andere rückten auf. Nun der große Knall: Im Juli spalteten sich acht Teams ab und gründeten die sogenannte European Football Alliance (EFA) – als Organisation angesiedelt zwischen Gewerkschaft und eigener Liga, die im kommenden Jahr starten soll. So wollten Galaxy und Rhein Fire, die Madrid Bravos, die Paris Musketeers, die Tirol Raiders, die Vienna Vikings, die Prague Lions und die Wroclaw Panthers ihre Unzufriedenheit mit der ELF zum Ausdruck bringen. Weitere Franchises traten dem neuen Bündnis bei. Der Vorwurf: zu wenig professionelle Ligastrukturen, ausbleibende Zahlungen, mangelhafte Kommunikation. Die ELF steht vor einem Scherbenhaufen. Umgekehrt: Die Teams erwirtschafteten nicht den angestrebten Umsatz, von Gewinn ganz zu schweigen. Noch dazu schmiss ELF-Chef Esume die Brocken hin.

Aktuell fliegen die Vorwürfe zwischen ELF und EFA hin und her. Es geht um Markenrechten für die Namen der Team, um Geld, um Verträge. War das Endspiel dieser Saison zwischen Stuttgart Surge und den Vienna Vikings die letzte Partie der ELF? Wird die EFA als neue Liga erfolgreicher? Und: Warum hat es American Football so schwer, in Europa dauerhaft Fuß zu fassen? Ein Erklärungsversuch.

Die NFL Europe war am Ende nicht mehr gewollt

Für die Fans des American Football in Europa und speziell in Deutschland ist der 29. Juni 2007 bis heute ein Trauertag. Denn in einer dürren Pressemitteilung aus dem Hauptquartier in New York verkündete die NFL das Aus für die NFL Europe. Den 32 NFL-Teambesitzern und der Spielergewerkschaft war der Betrieb ihrer Frühlingsliga in Europa offenkundig zu teuer geworden. Offizielle Zahlen wurden zwar nie genannt, doch hinter vorgehaltener Hand sprachen Verantwortliche von rund 30 Millionen Dollar Kosten für die NFL Europe pro Jahr.

17 Jahre zuvor hatte die NFL ihre Tochter ins Leben gerufen – mit neun nordamerikanischen und drei europäischen Teams unter dem Namen World League of American Football. Nach den Spielzeiten 1991 und 1992 wurde die Liga für zwei Jahre stillgelegt, das Konzept überarbeitet. Während in London, Barcelona und Frankfurt die Fans in die Stadien stürmten, interessierte sich in den USA und Kanada kaum jemand für die Liga.

Ab 1995 nahm sie ihren Betrieb wieder auf – mit sechs ausschließlich europäischen Teams. Allerdings funktionierte das Konzept nur in Deutschland, speziell bei der Frankfurt Galaxy, wo im Schnitt mehr als 30.000 Zuschauer zu den Spielen pilgerten. Am Ende bestand die inzwischen aus Marketinggründen in NFL Europe unbekannte Liga mit einer Ausnahme nur noch aus deutschen Mannschaften. Und ausgerechnet dort mangelte es an einem lukrativen Fernsehvertrag. Football war in der Breite in Deutschland noch nicht angekommen.

Dabei hatte der quasi-deutsche Ableger zwei der drei Ziele erreicht, die überhaupt erst zur Gründung geführt hatten. Football war tatsächlich internationaler geworden, hatte Aufmerksamkeit erregt und so nebenbei den einen oder anderen internationalen Spieler in die NFL gespült.

Vor allem aber half die Frühjahrsliga, US-Talenten aus der zweiten Reihe, vor allem Quarterbacks, Spielpraxis zu geben, um sich vielleicht doch noch für höhere Weihen in der NFL zu qualifizieren. Bestes Beispiel: Kurt Warner. Der Bankdrücker, der vorübergehend sogar im Supermarkt Dosen stapeln musste, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, spielte für die Amsterdam Admirals überragend, wurde kurze Zeit darauf Stammspieler bei den St. Louis Rams, gewann einen Super Bowl und wurde zum wertvollsten Spieler sowohl der Saison als auch des Endspiels gewählt. Auch Jake Delhomme, zwei Jahre lang Quarterback der Galaxy, schaffte es dank seiner Erfahrung aus Europa als Starter der Carolina Panther bis in den Super Bowl.

Seit die Liga ihren Betrieb eingestellt hat, wird auch in den USA immer wieder beklagt, dass Talente – speziell Quarterbacks – zu wenig Spielpraxis haben, um sich tatsächlich durchsetzen zu können. Die NFL hat sich selbst ihren Trainingsplatz genommen. Statt Millionen in Europa zu investieren, setzt sie Millionengehälter für Spieler in den Sand, die es nicht schaffen.

Einzelinteressen stehen über dem großen Ganzen

Die ELF war (ist?) der Versuch, mit reichlich Verspätung den Rückenwind der NFL Europe und vor allem des inzwischen eingesetzten Booms im TV mitzunehmen. Allerdings ohne Rücksicht auf Verluste. Eine wirkliche Kooperation mit den lokalen Ligen hat es nicht gegeben. Unter anderem die German Football League – sozusagen die Bundesliga des American Footballs – und der American Football Verband Deutschland beklagten mehrfach, dass sich die ELF rücksichtslos bei ihnen in Sachen Spieler bedienten, ihnen die lokalen Stars mit Geld abspenstig machten.

Dabei hätte es dieser Kooperation bedurft. Denn die ELF selbst bildet keine Spieler aus, die Nachwuchsarbeit betreiben einzig die Vereine.

Zu viel kopiert, zu wenig eigene Ideen

Show und Sport als Kombination – das funktioniert in den USA bestens. Der Super-Bowl-Sunday mit seiner Halbzeitshow ist ein Feiertag in den Vereinigten Staaten, der darauffolgende Montag der Tag im Jahr, an dem es die meisten Krankschreibungen gibt. Dieses Entertainment-Konzept zu kopieren, wird für den europäischen Football nicht funktionieren. Es braucht nicht nur Show. Sondern Entwicklung und Geduld, vor allem aber Aufklärung. Football ist kein Sport, den der Zuschauer sofort versteht. Die Fans fühlen sich in ihrer Nische wohl, und diese eingefleischten Fans verstehen die Regeln. Um neues Interesse zu generieren, müssen die abgeholt werden, die sich bislang noch nicht mit der Sportart auseinandergesetzt haben. Denn der Sport bietet mehr als Show – und der deutsche Sport-Fan kann mit zu viel Show recht wenig anfangen. Ihm liegt auch viel am Sport.

Im TV kam die ELF nie an

Natürlich: Fans von American Football sind in den Monaten der NFL-Saison Müdigkeit und Schlafmangel gewohnt. Sie schlagen sich die Nächte um die Ohren, um ihre Teams zu sehen. Der Spieltag beginnt in der Nacht zu Freitag deutscher Zeit und dauert bis zum frühen Dienstagmorgen. Selbst wenn sie mehrere Abos besitzen müssen, schreckt sie das nur selten ab. Das Ritual des nächtlichen Schauens gehört für sie dazu, wenngleich selbst RTL als neuer Sender in seiner nun dritten Saison spürt, dass es schwer ist, neue Fans zu gewinnen.

Der Sonntagnachmittag mit der ELF aber kam nie bei den TV-Zuschauern an. Ja, die Leistungsunterschiede zwischen den Teams sind enorm, deutliche Ergebnisse an der Tagesordnung, Spannung oft Mangelware. Rein sportlich kann die ELF mit der NFL nicht mithalten. Die Einschaltquoten lagen bei Pro7 Maxx unter der Wahrnehmungsschwelle. 2024 lag der „Bestwert“ bei 0,17 Millionen Zuschauern, der beste Marktanteil bei 1,15 Prozent. In der berühmten werberelevanten Zielgruppe kam die ELF auf maximal 0,06 Millionen Zuschauer. Beim Finale sahen zwischen 0,2 und 0,24 Millionen Menschen bei Pro7 zu.

In der aktuellen Saison läuft es nicht besser: Die Top-Reichweite lag bei 0,13 Millionen, in den Play-offs steigerte sich das Interesse ein wenig – zumindest beim deutsch-deutschen Duell zwischen den Munich Ravens und Stuttgart Surge, das in der Spitze 0,22 Millionen Menschen schauten.

Fazit: kein Interesse, kein Erfolg.

Zwei Ligen sind eine zu viel

Rund 75.000 Mitglieder führt der American Football Verband Deutschland aktuell in seinen Listen – inklusive der Cheerleader. Damit ist die Basis viel zu klein, um eine professionelle Liga mit ausreichend Spielern vernünftiger Qualität für Mannschaften mit Kadergrößen von 50 bis 60 Spielern zu unterhalten. Das Leistungsgefälle war so enorm, dass es zum Teil Ergebnisse wie mit der Playstation gab. Ein 88:7 wie im Spiel Stuttgart Surge gegen die Cologne Centurians lockt keinen wettbewerbsorientierten Sportfan hinter dem Ofen hervor.

Zugleich traf der Aderlass die German Football League – und zwar nicht nur bei den verfügbaren Spielern, sondern auch bei den Sponsoren, die zum Teil zur ELF abwanderten.

Ohne Nationalmannschaft keine Chance

Fußball ist in Deutschland Nummer eins. Daran wird sich auch nichts ändern. Trotzdem schaffen manche Sportarten immer wieder den Sprung aus dessen Schatten. Voraussetzung: Erfolge deutscher Teams – und zwar nicht auf Vereinsebene. Eishockey erfährt eine größere Nachfrage, wenn die Nationalmannschaft bei der WM weit kommt oder wie bei Olympia 2018 in Pyeongchang mit Silber zurückkommt. Auch die Handballer profitieren von der Aufmerksamkeit großer internationaler Turniere.

Und, jüngstes Beispiel: Die Basketballer erfuhren durch ihren WM-Titel 2023 eine Initialzündung, nun verstärkt durch EM-Gold. Erfolge einer deutschen Nationalmannschaft lösen Euphorie aus und wirken identitätsstiftend. Zudem begeistern in der NBA deutsche Spieler wie Franz Wagner – oder polarisieren wie Dennis Schröder. Dirk Nowitzki wurde zur Legende. Deutsche NFL-Profis waren lange die Ausnahme, inzwischen gibt es einige, allen voran Amon-Ra St. Brown bei den Detroit Lions, der deutsche Wurzeln hat. Er tut sein Bestes, um seinen Sport in Deutschland populär zu machen, veranstaltet im Sommer Trainingscamps in seiner Heimat.

Auch im American Football gibt es eine WM, doch die interessiert nicht einmal die US-Amerikaner. Weniger noch als im Eishockey oder im Basketball, wo immer wieder diskutiert wird, ob die großen Namen zu den Turnieren abgestellt werden.

Man darf nicht vergessen: Während Football in den USA tief verwurzelt ist, steckt es in Deutschland noch immer in den Kinderschuhen. Die Strukturen wachsen, die Nationalmannschaften sind gar nicht mal so schlecht aufgestellt. 2023 wurden die Männer Europameister im Flag Football, der kontaktärmeren Variante, die Frauen gewannen Bronze.

2026 richtet Deutschland die Weltmeisterschaft aus. 2028 in Los Angeles ist Flag Football erstmals olympisch. Die NFL scharrt schon mit den Hufen. Kann auch Deutschland profitieren? Wichtig ist: nachhaltige Entwicklung statt zu schnellem Wachstum.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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