Corona RHEINPFALZ Plus Artikel Wie hat die Pfälzer Wirtschaft die Pandemie überstanden?

Die Pandemie hat auch einen hohen wirtschaftlichen Schaden verursacht.
Die Pandemie hat auch einen hohen wirtschaftlichen Schaden verursacht.

Die Corona-Pandemie hat einen Preis. 350 Milliarden Euro verlor die deutsche Volkswirtschaft 2020 und 2021 an Wertschöpfung, haben Forscher berechnet. Wie hat die Pfälzer Wirtschaft – von BASF bis Hotelbranche – diese Krise überstanden?

Ende Februar 2020, als Deutschland noch in Fasnachtslaune ist, tagt in Ludwigshafen der Lenkungsausschuss Gefahrenabwehr der BASF. Dort sitzen dieses Mal Mediziner und Manager des Chemieunternehmens zusammen. Ihr Thema: die Ausbreitung von Sars-CoV-2 und die Frage, wie das Unternehmen seine Mitarbeiter schützen und den systemrelevanten Betrieb sicherstellen kann. Die BASF-Mediziner hatten schon seit Wochen das Virusgeschehen unter Beobachtung, sich sehr früh mit Kollegen in China ausgetauscht, früh ein Krisenmanagement gebildet. Ein Pandemieplan existierte zwar, der war bis dahin aber eher ausgelegt auf Szenarien wie wochenlange schwere Grippe-Wellen. Niemand habe sich in der frühen Phase vorstellen können, dass eine solche Pandemie komme, erinnert sich heute Daniel Schiffmann, stellvertretender Leiter der Abteilung Corporate Health Management, die den BASF-Gesundheitsschutz weltweit koordiniert.

Das ahnt im Februar 2020 auch der Dahner Hotelier Manfred Maus nicht. 68 Tage Stillstand werden es für seinen Familienbetrieb, das Wellnesshotel Pfalzblick, erst einmal sein: ab Mitte März, als der erste Lockdown angeordnet wird für Beherbergungsbetriebe, Lokale und viele Geschäfte. Diesem ersten Stillstand wird trotz vieler erfolgreicher Hygienemaßnahmen ab Dezember eine weitere Zwangspause folgen, die für manche bis Ostern 2021 dauern wird.

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Branchen leiden unterschiedlich stark

Bei der BASF in Ludwigshafen muss die Produktion nicht gekappt werden. Dort kann der Werkleiter im Juli 2020 berichten, dass ihr umfangreiches Maßnahmenpaket zum Schutz vor Corona funktioniere und deswegen keine Produktion angehalten werden musste. An dieser Feststellung hat sich auch nach dem zweiten Pandemiejahr nichts geändert. Die Infektionsrate habe meistens unter jener in der Umgebung gelegen, erinnert sich Daniel Schiffmann.

Die Pandemie als Krise, mit deren Ausmaß niemand rechnen konnte: weder die BASF mit weltweit 112.000 Mitarbeitern noch der Südwestpfälzer Hotelbetrieb mit etwas über 100 Beschäftigten. Betroffen hat die Pandemie die gesamte Wirtschaft, doch je nach Branche unterschiedlich stark. Lebensmittelhändler oder Baumärkte, die öffnen durften, konnten Umsätze steigern, Dienstleister wie Reisebüros oder aber Gastronomen litten schwer unter den Lockdowns. Und Unternehmen, die bereits angeschlagen waren, versetzte die Pandemie den Todesstoß. Prominentes Beispiel in der Pfalz: Deutschlands älteste Damenschuhfabrik Peter Kaiser in Pirmasens schloss endgültig, die Marke wurde verkauft, gehört inzwischen zur Wortmann-Gruppe.

Gastronomie schwer getroffen

In Rheinland-Pfalz ist der Unternehmensbestand über die Pandemiejahre zurückgegangen. 163.469 kleine und große Unternehmen verzeichnete dort das Statistische Landesamt für 2019, 2022 waren es 157.984. Bis auf wenige Ausnahmen – etwa das damals noch boomende Baugewerbe – verloren die meisten Branchen während der Pandemie Betriebe. Besonders betroffen war das Gastgewerbe, wo die Anzahl um über 2000 auf 12.513 sank. Dort verringerte sich auch die Anzahl der Beschäftigten deutlich, um rund 7700 auf 67.826. Denn dort sind traditionell viele Aushilfen tätig, die nicht von Kurzarbeitergeld profitieren konnten. Andere Betriebe konnten damit aber ihre Belegschaft halten; landesweit blieb die Anzahl der abhängig Beschäftigten über die Pandemiejahre weitgehend stabil bei rund 1,5 Millionen.

In der Gastronomiebranche haben bundesweit allein 2020 rund 390.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte ihren Job gewechselt, wie die Hans-Böckler-Stiftung untersucht hat. Über die Hälfte davon ist in andere Berufe gegangen, der Großteil zu Einzelhandel und Logistik. Unterm Strich fehlten 2020 rund 100.000 Kräfte im Gastrobereich – womit sich der Fachkräftemangel deutlich verstärkte.

Der Kampf um Köpfe wird härter

Die Pandemie habe die Auswirkung des demografischen Wandels verschärft, bestätigt der Hotelier Manfred Maus – der Kampf um Mitarbeiter sei noch härter geworden. In Dahn hätten sie die Belegschaft allerdings gehalten und sogar etwas vergrößert auf 124 Mitarbeiter. Zum einen mit Blick auf eine damals laufende Erweiterung und Modernisierung des Vier-Sterne-Superior-Hauses, zum anderen aber auch mit Blick darauf, dass am Personal nicht gespart werden dürfe, wenn die Gäste zufrieden sein sollen. Was bedeutet: Fünf-Tage-Woche, übertarifliche Bezahlung plus Draufgaben wie medizinische Zusatzleistungen. Alles Dinge, die nun noch stärker berücksichtigt werden.

Die Pfälzer Gastronomie habe sehr gelitten, bestätigt Steffen Blaga, bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) der Pfalz Leiter des Geschäftsbereiches Innovation, Umwelt, Existenzförderung. Aber auch Dienstleister wie Reisebüros und die Werbebranche. Bei einigen Unternehmen habe die Pandemie zudem die Nachfolgefrage „geregelt“: Wer etwa in drei Jahren eine Übergabe geplant habe, der habe vorzeitig aufgegeben. Im Vergleich dazu habe die Industrie die Pandemie verhältnismäßig gut überstanden, hat Blaga beobachtet.

Kammern: Pfälzer Unternehmen meistern Krise

Insgesamt hätten in der Pfalz aber viele Unternehmen die Pandemie gemeistert, sagt Blaga. Manche seien sogar neu gestartet, etwa im Hygienebereich. Der Bestand hat über die Pandemiejahre nicht gelitten: Ende 2018 verzeichnete die IHK Pfalz 80.882 Mitgliedsbetriebe, Ende 2022 waren es 81.512. Wenn es wieder zu einem Virusausbruch komme, dürften die meisten gewappnet sein, glaubt Blaga. Zumal, wenn der Staat wieder so schnell helfe.

Ähnlich sieht das die Handwerkskammer der Pfalz. Das Handwerk habe die Pandemie gut gemeistert, stellt dort Jan Leyser fest, Geschäftsbereichsleiter Betriebsberatung und Gewerbeförderung. Dort waren Ende 2018 rund 18.000 Betriebe registriert, Ende 2022 waren es 18.580. Schon während der Pandemie habe mancher nebenberuflich gegründet, um ein zweites Standbein aufzubauen. Neugründungen habe es etwa bei Photovoltaik gegeben – ein Bereich, der in Pandemiezeiten ebenso boomte wie der Baubereich. In anderen Berufen, etwa dem Friseurhandwerk, stellten sie dagegen seit der Pandemie eine rückläufige Nachfrage für Übernahmen fest, sagt Leyser. Die Risikobereitschaft sei gedämpft.

Banger Blick auf die Gegenwart

Die Pandemie sei für die meisten Unternehmen abgehakt, meint Blaga. Eines bereitet ihm aber Sorge: die aktuelle wirtschaftliche Lage. Kaum war die Pandemie abgeklungen und kaum waren die weltweiten Lieferketten wieder in Gang gekommen, folgte 2022 der russische Angriff auf die Ukraine und damit die Energiekrise. Die traf große Industriebetriebe wie die BASF vehement, aber auch kleine energieintensive Betriebe wie Bäcker. Beide Krisen gingen nahtlos ineinander über – ohne Pause, um wieder „Speck“ für schlechte Zeiten anzufuttern, meint Blaga.

Das sieht der Dahner Hotelier ähnlich. In den Pandemiejahren hätten sie erhebliche Einbußen gehabt, und als vorsichtige Kaufleute müssten sie nun eigentlich einen größeren Vorrat anlegen, sagt er. Aber so schnell lässt sich eben ein Verlust im siebenstelligen Bereich nicht ausgleichen. Finanziell hat die Pandemie auch große Unternehmen wie die BASF getroffen: Wertminderungen in Milliardenhöhe bescherten dem Ludwigshafener Chemieunternehmen 2020 tiefrote Zahlen im Jahresabschluss.

Staatliche Hilfen werden überprüft

Staatliche Unterstützung wie Kurzarbeitergeld und Überbrückungshilfen haben die tiefen Einschnitte für viele abgemildert, bekräftigen die Fachleute der Kammern. Doch das Thema wirkt nach. Die Soforthilfen, die im Frühjahr 2020 unbürokratisch vergeben wurden, werden gerade von der Investitions- und Strukturbank des Landes genau überprüft, nachdem Fälle von Subventionsbetrug bekannt wurden. Nun sorgten sich viele, dass sie Soforthilfe wider Erwarten zurückzahlen müssten, berichtet Leyser. 9000 Euro seien für manchen eben sehr viel Geld.

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