Fußball RHEINPFALZ Plus Artikel BVB-Drama und Bayern-Jubel: Es geht doch noch schief

Pure Trauer: Borussia Dortmund um Trainer Edin Terzic dürfte an dem, was am Samstag passierte, lange zu knabbern haben.
Pure Trauer: Borussia Dortmund um Trainer Edin Terzic dürfte an dem, was am Samstag passierte, lange zu knabbern haben.

Dortmund gibt die fast sicher geglaubte Meisterschaft noch aus der Hand, weil es seine Hausaufgaben nicht erledigt. Die Bayern schon.

Für ein paar Momente, um kurz vor halb Sechs am Samstagnachmittag, war das altehrwürdige Westfalenstadion in Dortmund der stillste Ort des Landes. Beinahe andächtig standen oder saßen mehr als 81.000 Menschen in der Arena, die bekannt dafür ist, welche Lautstärke sie zu erzeugen vermag. Selbst die Anhänger des FSV Mainz hielten für ein paar Momente inne. Es schien, als sei ihnen die Bedeutung des Augenblickes bewusst. Da fielen ein Klub, eine Stadt und eine gesamte Region in Trauer.

Am Ende jubeln die Bayern – zum elften Mal in Folge werden sie deutscher Meister.
Am Ende jubeln die Bayern – zum elften Mal in Folge werden sie deutscher Meister.

Ein tiefer Schmerz

Der Ballspielverein Borussia von 1909 hatte gerade die Chance aus den Händen gleiten lassen, den FC Bayern München als deutschen Meister abzulösen. Die Menschen auf den steilen Zuschauertribünen spürten einen tiefen Schmerz, den Helden unten auf dem Rasen erging es ebenso. Ein Sieg am Ende einer turbulenten Saison fehlte zur großen Meisterparty. Gegen den FSV Mainz, den Tabellenneunten, der keinerlei Ambitionen mehr hegte. Elf Mal hatten die Dortmunder zuletzt in der Bundesliga im eigenen Stadion gewonnen. Das konnte nicht mehr schiefgehen.

Doch es ging schief.

Sebastian Haller blieb die Cindarella-Story verwehrt.
Sebastian Haller blieb die Cindarella-Story verwehrt.

„Wenn man sieht, wie die Jungs in der Kabine auf dem Boden liegen, diese Leere, dann fühlt es sich sehr unfair an“, sagte Edin Terzic. „Es fühlt sich alles sehr leer an.“ Der Trainer der Dortmunder hatte nach der Partie Tränen vor der Südtribüne vergossen, auf der die treuesten Anhänger des BVB stehen. Noch weit nach Spielschluss drehte der Coach eine Runde durch die Arena und applaudierte den eigenen Fans. „Ich spüre eine große Dankbarkeit“, sagte Terzic: „Ich glaube, dass wir gespürt haben, dass nicht nur die ganze Mannschaft, sondern das ganze Stadion, die Stadt, daran geglaubt haben, dass wir hier gewinnen.“

Der Glaube reichte nicht.

Im Grunde ging an diesem Nachmittag aus Sicht von Borussia Dortmund schief, was schief gehen konnte. Das führte zu einem 2:2 (0:2) gegen keineswegs ambitionslos aufspielende Mainzer und dem Verlust der Meisterschaft. Der FC Bayern rückte auf Rang eins vor, weil er 2:1 (1:0) beim 1. FC Köln gewann. Die Münchner gaben in den vergangenen Wochen oft ein schlechtes Bild ab, am Tag des Meisterschaftstriumphes sickerte die Nachricht von der Freistellung der Führungsspitze durch. Der erfolgreichste Klub der Nation versinkt im Chaos, bleibt aber Meister – eine wahnwitzig anmutende Geschichte.

Jamal Musiala mit dem Schuss in die Münchener Geschichtsbücher.
Jamal Musiala mit dem Schuss in die Münchener Geschichtsbücher.

Der Schmerz lähmte die Menschen in Dortmund in dem Moment, als der Abpfiff auf dem Rasen erfolgte und durch ihn Gewissheit wurde, dass es den Borussen nicht gelungen war, die Angebote anzunehmen, die strauchelnde Münchner ihnen über Wochen und Monate hinweg unterbreitet hatten. Die Art und Weise, wie der BVB die Meisterschaft verspielte, wird an allen haften bleiben, die es mit dem Schwarz-Gelben halten. Der entstandene Schaden dürfte größer sein als die Trauer über die verronnene Chance einer unvergesslichen Partynacht.

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Der Schmerz fühlte sich noch ein wenig intensiver an, weil es für ein paar Minuten gewirkt hatte, als würde das Endresultat in Dortmund, ungeachtet aller Dramatik, zu einer Randnotiz verkommen. Im Parallelspiel zwischen dem 1. FC Köln und dem FC Bayern war den Kölnern zehn Minuten vor dem Ende der Ausgleich gelungen – plötzlich war die Schale greifbar nah, das Original lag ohnehin in den Katakomben der Arena in Dortmund. Oft waren die Bayern in den zurückliegenden Wochen gestolpert, im letzten Saisonspiel schlugen die Münchner aber noch einmal zurück. Die Kunde vom späten 2:1 des FCB in Köln fror die Gesichter der Fans in Dortmund ein.

Das echte Exemplar der Meisterschale blieb in den Katakomben der Dortmunder Stadions, und das Papp-Modell auf den Tribünen.
Das echte Exemplar der Meisterschale blieb in den Katakomben der Dortmunder Stadions, und das Papp-Modell auf den Tribünen.

Eine Botschaft wie eine Prophezeiung

Im knapp 90 Kilometer entfernten Stadion in Köln feierten die Münchner einen Titel, der für sie nicht mehr erreichbar schien. Nur Thomas Müller hatte am Vorabend des Spieltages via Instagram eine kleine verbale Spitze in Richtung Dortmund entsendet. „Den Erwartungen von so vielen Menschen zu entsprechen, das musst du dann auch erstmal mit einem breiten Kreuz auf dem Platz hinbekommen“, sagte Müller. Dem müssten „die Spieler erstmal standhalten“. Die Botschaft wirkte im Rückblick wie eine Prophezeiung.

Am Boden: Marco Reus.
Am Boden: Marco Reus.

Müller, der mit dem FCB die elfte Meisterschaft hintereinander und die zwölfte insgesamt gewann, zeigte sich aber mitfühlend, nachdem er die Schale in die Höhe gereckt hatte. „Wenn man an die anderen denkt, und die Perspektive mal wechselt, tut es mir schon leid. Auch wenn sie es vielleicht gar nicht hören wollen oder gar nicht gebrauchen können“, sagte Müller. Für die Freude und den Gewinn der Meisterschaft wolle er sich aber keinesfalls entschuldigen.

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In einer dramatischen Endphase hatte Jamal Musiala für Münchner Jubel in Köln gesorgt. Der Offensivspieler traf in der 89. Minute zum 2:1 für den FCB und hievte die Bayern dadurch an den Dortmundern vorbei auf Rang eins zurück. Den Spitzenplatz in der virtuellen Tabelle hatten die erfolgsverwöhnten Münchner zwischenzeitlich trotz des Dortmunder Rückstands abgegeben, weil Dejan Ljubicic für die Kölner per Handelfmeter das 1:1 erzielt hatte (80.). Die frühe Bayern-Führung von Kingsley Coman (8.) war egalisiert, der Titel für Dortmund kurz noch einmal greifbar.

Der Samstag in Dortmund:Alle fassungslos.
Der Samstag in Dortmund:Alle fassungslos.

Die Tränen von Terzic: es kam anders

„Am Ende fehlt ein Tor hier oder ein Tor in Köln“, haderte der emotional aufgewühlte Terzic. Der Trainer ist Borusse durch und durch. Man nimmt ihm die Verbundenheit zu dem Klub ab, dessen Cheftrainer er ist. „Wir fühlen einen großen Schmerz“, sagte Terzic. Es war vor dem finalen Bundesligaspieltag klar, dass er Tränen vergießen würde. Fast alle waren davon ausgegangen, dass es Tränen der Freude sein würden – aber es kam anders.

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Dabei war alles bereitet für einen stimmungsvollen Nachmittag an der Stadt von Ruhr und Emscher. Nach 70 Sekunden eroberte Emre Can den Ball mit einer kompromisslosen Grätsche gegen Karim Onisiwo und die Dortmunder Fans feierten die Aktion wie einen Torerfolg. Es sollte einer der wenigen Momente sein, in denen sich die Borussen meisterlich fühlten, denn die Mainzer waren ein vorzüglicher Partycrasher. Der erste Eckball der Rheinhessen brachte das 1:0 durch Andreas Hanche-Olsen (15.) und Onisiwo legte neun Minuten später das 2:0 nach.

Mats Hummels: Völlige Leere.
Mats Hummels: Völlige Leere.

Regungslosigkeit überall

Das Drama hatte seinen Höhepunkt zwischen den beiden Mainzer Toren, denn in der 18. Minute besaßen die Dortmunder die große Chance zum 1:1. Nach VAR-Entscheid gab es einen Strafstoß für den BVB. Der erwartete Schütze Can hatte sich den Ball geschnappt, ihn dann aber Sebastian Haller übergeben. Der Franzose, während der Saison von einer Krebserkrankung genesen, scheiterte aus elf Metern an FSV-Keeper Finn Dahmen. Der nach einer schweren Krankheit zurückgekehrte Haller schießt die Borussia zum Titel – der BVB forderte das Schicksal heraus, und es war ihm nicht wohlgesonnen. „Seb hat sich sehr gut gefühlt“, sagte Terzic zum spontanen Wechsel des Schützen.

Die Fans hatten sich auf eine große Fete gefreut – doch Mainz war der Partycrasher.
Die Fans hatten sich auf eine große Fete gefreut – doch Mainz war der Partycrasher.

Die Dortmunder schwangen sich nach der Pause zu einem Sturmlauf auf, der aber kein glückliches Ende herbeizuführen vermochte. Das 1:2 von Raphael Guerreiro (69.) und das 2:2 in der Nachspielzeit von Niklas Süle reichten nicht, der BVB stürzte vom ersten Tabellenplatz – und damit das gesamte Stadion in die Regungslosigkeit. Was folgte, war nur noch Leere.

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