Fußball-WM
Telstar, Tango und Trionda: Wie WM-Bälle Geschichte schreiben (mit Bildergalerie)
Fast schon einsam liegt der Fußball im Schaufenster des Sportartikelhändlers in der Innenstadt von Ludwigshafen. „Sonderpreis“, steht auf dem Schild, statt 40 Euro kostet der Ball noch 35. Die schwarze Box gibt es dazu. Zur Adventszeit 2025 dauert es noch rund ein halbes Jahr bis zur Weltmeisterschaft in Kanada, Mexiko und den USA, der Verkäufer hofft auf das Weihnachtsgeschäft. „Man kann es ja mal probieren“, sagt er, „sieht ja schon ganz schön aus.“
Der offizielle Spielball des Turniers heißt „Trionda“, in die drei Farben sind Symbole der Gastgeberländer eingearbeitet. Ein rotes Ahornblatt für Kanada, der Adler im grünen Teil symbolisiert Mexiko, der blaue Stern die USA. Das „Tri“ im Namen steht für die drei Länder, in denen der Ball in den kommenden Wochen rollen wird, „onda“ ist Spanisch und bedeutet „Welle“ – inspiriert von der „La Ola“, die gerne mal durchs Stadion schwappt. Name und Optik sollen aber auch Verbindung, Dynamik und Bewegung darstellen. Laut der britischen „Sun“ hat Adidas die Fertigung von zehn Millionen Bällen in Auftrag gegeben, in unterschiedlicher Qualität. Trainings- und Freizeitbälle kosten eben 30 bis 40 Euro, den tatsächlichen Spielball gibt es für satte 150 Euro.
Der WM-Ball 2026 liefert Daten in Echtzeit
Hat „Trionda“ das Zeug, sich in die Liste ikonischer Fußbälle einzureihen? Seit der ersten Weltmeisterschaft 1930 in Uruguay zählen die Bälle zu den heimlichen Stars der Turniere. Manche Partien und Spieler geraten in Vergessenheit, die Spielgeräte aber bleiben oft in Erinnerung . Wegen ihrer Optik – und weil sie immer wieder Debatten auslösen, unter Spielern wie Zuschauern.
„T-Model“ wurde das erste Exemplar getauft, ein handgenähter Ball aus braunem Leder. Zumindest in der zweiten Halbzeit des Endspiels kam dieser Ball zum Einsatz, die Finalmannschaften konnten sich nicht auf einen Ball einigen. Deshalb wurde in der Pause gewechselt, in der ersten Hälfte wurde mit dem von Italien bevorzugten „Tiento“ gespielt. Mit seinem Favoriten aber drehte Uruguay den Rückstand noch.
Viel mehr als ihre runde Gestalt haben diese historischen Stücke nicht mit den aktuellen Generationen gemein. Zwar wählte der Fußball-Weltverband Fifa den „Top Star“, mit dem Brasilien und der damals 17-jährige Pelé 1958 bei der WM in Schweden Weltmeister wurden, aus 100 Vorschlägen aus. Mit Wasser sog er sich trotzdem voll. Der „Trionda“ hingegen sendet in diesem Sommer Daten in Echtzeit. Bis zu 500-mal pro Sekunde schickt ein Chip im Inneren des Balls Position und Bewegungen an Antennen im Stadion und hilft den Schiedsrichtern so, Abseitspositionen und Tore zu erkennen.
Geht es noch „runder“?
„Der Ball ist rund und ein Spiel dauert 90 Minuten“, fasste Sepp Herberger zusammen, was Fußball für ihn bedeutet. Ball ist Ball? Früher vielleicht, als sie sich vor allem in Details unterschieden, in den farblichen Nuancen zum Beispiel oder dem Material. Anders als das Spielgerät von 1950 war der Ball, mit dem Herbergers Mannschaft um Fritz Walter 1954 das „Wunder von Bern“ schaffte, nicht mehr aus einem gefetteten Rindsleder gefertigt. Für den „Swiss WC Match Ball“ kam lohgegerbtes Leder zum Einsatz. Der Farbton änderte sich von Braun zu Gelb, von Adidas aber war damals noch keine Spur. Die Firma aus Herzogenaurach stellte Schuhe her und war so dafür zuständig, dass die deutschen Spieler dank der Stollen einen guten Stand im Morast des Wankdorfstadions hatten. Das Ende ist bekannt: Helmut Rahn trifft für den Außenseiter gegen Ungarn zum 3:2. Manche Fußballmomente bleiben für immer – und die Bälle dazu ebenfalls.
Wenngleich inzwischen nicht einmal mehr gesetzt ist, dass ein Ball eine runde Sache ist – oder ob es eine Steigerungsform davon gibt. Die Entwickler versprechen immer „rundere“ Bälle, eine immer größere Annäherung an die perfekte Kugel. Das löst Debatten aus: Manchen sind sie zu leicht, anderen zu schwer, vielen zu künstlich. Heute gilt Plastik statt schwerem Leder, Hightech statt Tradition. Die Standpunkte, die Fans über ihren Lieblingssport diskutieren lassen, machen auch vor dem Ball nicht Halt. Denn mit dem, was die meisten unter einem Fußball verstehen, haben die bunten Kugeln nicht mehr viel zu tun.
Der Ball wird zum Superstar
Zur WM 1970 in Mexiko wird auch der Ball zum Superstar. Die Fifa entscheidet, dass es fortan einen offiziellen Ball für das Turnier geben soll. Bis dahin war der gastgebende Verband zuständig. Und prompt definiert Adidas, was ein „Fußball“ ist – und was alle Welt bis heute damit verbindet: Zwölf schwarze Fünfecke, 20 weiße Sechsecke. Durch diese Farbgebung ist der Ball im Schwarz-Weiß-Fernsehen besser zu erkennen. Der passende Name, den Adidas seinem Erstlingswerk gibt: „Telstar.“ Für das Turnier selbst wurden nur 20 Stück hergestellt, der Ball entwickelt aber eine derartige Popularität, dass im Nachgang der WM mehr als 600.000 Stück verkauft werden.
Erst 1963 hatte Adidas überhaupt begonnen, neben Schuhen auch Fußbälle zu produzieren. Vor dem ersten Auftritt bei einer WM stattete das Unternehmen 1968 bereits die Olympischen Spiele und die EM in Italien aus. Der Deal mit der Fifa wurde zur einer Ära, die bis heute andauert. „Trionda“ ist nun der 15. WM-Ball aus dem Hause Adidas – und inzwischen auch ein Marketing-Instrument geworden. Für das Heimturnier in Deutschland 2006 nannte das Unternehmen den Ball „Teamgeist“ und unterstützte so die Euphorie, die sich während des Sommermärchens in der Bundesrepublik einstellen sollte. Seither gibt es für das Endspiel eine abgewandelte Variante des WM-Balls, zudem stehen mittlerweile die jeweiligen Partien auf der Kugel. Doch auch Adidas hat mit Konkurrenz zu kämpfen. Die Uefa verhandelt über die Ballrechte für die Champions League von 2027 bis 2031 mit Nike. Für Adidas wäre dieser Verlust ein herber Schlag, auch in der Königsklasse haben die Herzogenauracher mit dem Sternenmuster ein ikonisches Design geschaffen.
Fußbälle sind auch Physik
Zu Beginn seiner WM-Ära hielt Adidas zunächst an der klassischen Ball-Optik fest: Fünf- und Sechsecke. Zur WM 1978 war der Ball zusätzlich mit 20 Triaden bedruckt. So entstand der Eindruck, er würde aus zwölf identischen Kreisen bestehen. Der Name für das Turnier zur Zeit der argentinischen Militärdiktatur: „Tango Durlast.“ Es soll immer auch ein Verbindung zum Gastgeber bestehen. Nur die Deutschen tanzten nicht mit, etwa beim 2:3 gegen Österreich.
Erstmals trug der Ball das Adidas-Logo, das Design wurde in abgewandelter Form auch bei den folgenden Weltturnieren beibehalten. „Azteca“ war 1986 der erste synthetische, „Tricolore“ 1998 der erste mehrfarbige WM-Ball. Er griff die französischen Nationalfarben Blau, Weiß und Rot auf. Der „Fevernova“ zur WM 2002 in Japan und Südkorea ist das letzte Exemplar, das auf die klassische Struktur aus Fünf- und Sechsecken setzt. Und das führte zu Problemen.
Denn die Entwicklung von Fußbällen ist auch Physik – und aus aerodynamischer Sicht ist die Kugel eine Katastrophe. Ohne Rotation fliegt ein Ball passabel durch die Luft, die Entwickler testen das Verhalten in Windkanälen. Nur: Bei den meisten Schüssen dreht sich der Ball in der Luft. Nähte schaffen aerodynamische Stabilität.
Inzwischen nahtlos
Zur WM 2010 in Südafrika bestand die Außenhülle des „Jabulani“ nur noch aus acht Plastik-Paneelen – und das brachte die Torhüter zur Verzweiflung. Der Ball flattere und sei wegen seiner unberechenbaren Flugbahn unmöglich zu fangen. „Dieser Ball ist eine Schande“, ätzte Italiens Torwart Gianluigi Buffon. Trotzdem stoppt die Entwicklung nicht. Die Elemente, aus denen die WM-Bälle zusammengeklebt werden, werden immer weniger.
Der „Trionda“ im Jahre 2026 hat überhaupt keine Nähte mehr. Dennoch verspricht Adidas stabile Flugkurven auch bei unterschiedlichen Schusstechniken. Die Oberfläche ist matt und etwas rau, das soll dem Spielgerät zusätzlichen Grip verleihen und die Kontrolle verbessern. Ob der WM-Ball mal in einer Reihe mit „Tango“, „Telstar“ oder „Tricolore“ genannt wird? Zum Turnierstart ist „Trionda“ in der Ludwigshafener Innenstadt noch immer zum Sonderpreis zu haben. Doch der Ball ist nicht mehr alleine, inzwischen liegen drei Exemplare im Schaufenster. Nicht, dass das gute Stück noch zum Ladenhüter wird.
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.