Pfalz
Von Ratten und Schmutzfinken: Auf Tour mit einem Schädlingsbekämpfer
Irgendjemand hat Fabian Vettel mal ein Brot an den Kopf geschmissen. Vettel, Schädlingsbekämpfer aus Ludwigshafen, hatte gerade Köderboxen an einem Miethaus kontrolliert. Und dann hat eben jemand Essen aus einem der oberen Stockwerke geworfen, und was Vettel da getroffen hat war keineswegs ein Butterbrot, sondern ein ganzer Laib. Als Vettel wissen wollte, was das eigentlich soll, da hat ihn der Typ auch noch beschimpft. Und in solchen Geschichten verdichtet sich die ganze, große Problematik. Gibt’s eine Rattenplage in der Pfalz? „Ja“, sagt Vettel, prompt. Und die Ursachenforschung dazu bringt er bündig auf den Punkt. „Ist hausgemacht“, sagt Vettel, Schädlingsbekämpfer in zweiter Generation.
Das wird jetzt heute also eine Rattentour durch die Vorderpfalz, genauer: Wir schauen Schädlingsbekämpfer Fabian Vettel bei seinem Tun über die Schulter. Wo genau, das sei hier nicht verraten – um Kommunen, Quartiere oder Nachbarschaften nicht zu stigmatisieren. Ist aber eigentlich egal: Ein Rattenproblem, mal mehr oder weniger ausgeprägt, haben sowieso viele pfälzische Kommunen, und das ist inzwischen bei Bekämpfung und Schadensbeseitigung durchaus ein Kostenfaktor. In Speyer hatten die Tiere 2023 eine Ampelkreuzung tagelang lahmgelegt, Kabelfraß. In Frankenthal waren sie vor nicht allzu langer Zeit Stadtratsthema, die Ratten, in Zweibrücken huschen sie am hellichten Tag durch Gebüsche in der Innenstadt. In Ludwigshafen sind 2024 über 1200 Meldungen über Rattensichtungen bei der Stadt eingelaufen. Schwerpunktbekämpfungen haben dort in jüngerer Zeit unter anderem im Stadtteil Süd und im Umfeld eines Supermarktes im Stadtteil Gartenstadt stattgefunden.
Die Ratten aus der Tonne scheuchen
Das Problem hat also ziemlich jeder am Hals beziehungsweise im öffentlichen oder privaten Raum. Und deshalb stampft der junge Mann, der mit seinem kleinen Sohn vor einem augenscheinlich durchaus gepflegten Mehrfamilienhaus irgendwo in der Pfalz steht, nach eigenem Bekunden immer ein paar Mal mit dem Fuß auf, bevor er die Mülltonne öffnet – damit die Ratten sich verziehen. Geordneter, umzäunter Müllplatz im Übrigen, „das ist jetzt hier das beste Beispiel, dass so etwas“, Rattenbefall also, „überall passieren kann“, sagt Fabian Vettel, und der Grund dafür findet sich schon auf und im Boden.
Die Laufwege der Ratten zeichnen sich in den Rabatten hinter dem Haus ab, es sind hier so viele Nager durchgelaufen, dass sich Trampelpfade gebildet haben. Hängt sozusagen mit dem örtlichen Wohnungsangebot zusammen: Die Einstiegslöcher verraten dem Fachmann, dass das hier ein alter Bau ist – und wenn dessen Altbewohner weg respektive verstorben sind, dann ziehen irgendwann eben neue Bewohner ein, das ist bei Ratten wie bei Menschen. Jürgen Vettel, Gründer und Seniorchef der „Palatia“-Schädlingsbekämpfung in Ludwigshafen, wird es im Nachgespräch etwas sarkastisch auf den Punkt bringen: „Das Einzige, was wir machen, ist Platz für die nächsten zu schaffen“, wird er sagen.
Für die Bekämpfung braucht es einen langem Atem
Einstweilen kontrolliert Sohn Fabian vor Ort die abgeschlossenen Köderboxen, die enthalten Fraßköder mit „Antikoagulanzien“, also Gerinnungshemmern. Das Gift – eigentlich nicht der korrekte Ausdruck, er sei zum besseren Verständnis trotzdem verwandt – das Gift also wirkt verzögert, damit die Ratte, schlau wie sie ist, keinen Zusammenhang zwischen dem vermeintlichen Futter und dem Tod von Artgenossen herstellt. Bislang fehlen nur wenige Köder, nicht ungewöhnlich laut Fabian Vettel: „Es ist meistens so, dass in den ersten Wochen keine Köderannahme stattfindet“, sagt er, warum sollte die Ratte auch, wenn der Tisch in direkter Nachbarschaft reich gedeckt ist.
Für den professionellen Schädlingsbekämpfer gilt also, was auch für den Privatier bei der Nagerbeseitigung gilt: Man braucht einen längeren Atem, oder man braucht erst gar nicht anzufangen. Vettel kontrolliert die Boxen über Wochen – und erst, wenn keine Köder mehr genommen werden, sich also genügend Gift im Körper der Ratten angereichert hat und diese verendet sind, dann beendet er die Bekämpfung vor Ort. So, wie Jürgen und Fabian Vettel das oft bei Privatleuten sehen – ein Paar Köder ausbringen und dann erst mal gar nichts mehr tun – funktioniert es eben nicht. Was man damit eher tut, ist, die Ratte mit Minimalgaben an den Wirkstoff zu gewöhnen – und damit Resistenzen zu produzieren, großes Thema in der Branche. In Hamburg wirken inzwischen andere Stoffe als in München, man muss sein Arsenal und seine Ratten kennen, als Schädlingsbekämpfer.
Und natürlich das Umfeld, in dem man agiert: Zweite Station des Vormittags, ländlicher Raum, Gebüsch in der Nähe eines Badeweihers. Und in direkter Nachbarschaft von Gastronomie, die darf laut Fabian Vettel allerdings bei der Ursachenforschung als weitgehend unverdächtig gelten: „Das Restaurant ist sehr sauber“, sagt er, er war selbst schon drin, und wie das eben so ist, wenn man eine Profession hat: Man bringt sie auch im Privaten zur Anwendung. „Ich schau„ in Restaurants immer zuerst auf den Boden“, sagt er.
Hier draußen überlappen wohl eher das Habitat von Mensch und Nager: Weiher, Wassergraben, Gehölzstreifen, da leben halt Ratten. Es gibt also auch Situationen, in denen der Mensch der Ratte auf die Pelle rückt, und es gibt Verdrängungsphänomene: Wenn in einem Quartier beispielsweise Kanalarbeiten stattfinden, dann steigt oft die Zahl der Rattensichtungen, meint Vettel – weil die Tiere auf der Suche nach einem neuen Lebensraum sind.
Der Müll und die soziale Kontrolle
Kein einziger Köder genommen worden an der dritten Station, sehr gepflegte Mehrfamilienhaus-Anlage irgendwo im Rhein-Pfalz-Kreis. „Wahrscheinlich hat hier gerade mal jemand eine Ratte gesehen“, sagt Vettel, und die Wohnungsbaugesellschaften, die fackeln bei der Beauftragung des Schädlingsbekämpfers im Allgemeinen nicht lange, meint er. Das Problem seien da eher die privaten Besitzer: „Viele gucken nur, dass das Haus Geld bringt“, sagt er. Und das Aufkommen des Kulturfolgers Ratte, das ist eben auch Spiegel gesellschaftlicher Veränderungen.
Wer Müll achtlos in die Landschaft gibt, zieht Ratten an, für das Verständnis jenes Zusammenhangs muss man wohl kein Raketenwissenschaftler sein. Wer den Laib Brot in die Rabatten beziehungsweise an Fabian Vettels Kopf pfeffert, füttert die Ratten in den Rabatten, wer Essensreste die Toilette runterspült die in der Kanalisation. Müll und Ratte hängen also zusammen – und wie Müll produziert wird, damit beschäftigt sich auch die Forschung schon länger.
„In der Literatur wird darauf hingewiesen, dass die soziale Kontrolle im Umfeld der Wohnung einen Einfluss auf das Abfallverhalten hat“, so eine Studie im Auftrag des Umweltbundesamts („Identifizierung soziologischer Bestimmungsfaktoren der Abfallvermeidung und Konzipierung einer zielgruppenspezifischen Kommunikation“, 2021). Und wo da die Probleme in manchen Quartieren liegen, das lässt sich oft schon an den Müllansammlungen auf den Trottoir ablesen: Viele Menschen mit unterschiedlicher Herkunft und damit unter Umständen ganz differierenden Ordnungsvorstellungen auf engem Raum. Kaum soziale Kontrolle des Tuns, weil es kaum funktionierende Nachbarschaften gibt. Weshalb der Laib Brot dann wohl tendenziell eher dort als anderswo an Fabian Vettels Kopf landen wird.
Und urbane Verdichtung und Anonymität, die spielen wohl schon ganz grundsätzlich eine Rolle beim Tun des Schädlingsbekämpfers. Anderer Schädling, griffiges Beispiel: „Schabe nbekämpfung in einem 200-Parteien-Haus ist so gut wie unmöglich“, sagt Fabian Vettel, „sie erreichen sowieso nur die Hälfte der Leute“ – und dann ist die Schabe eben auch nach der Bekämpfung ruckzuck wieder da.
Auch beim Thema „Schädling und soziales Umfeld“ überlappen freilich Faktoren: Im Ludwigshafener Hemshof beobachtet der zuständige Ortsvorsteher laut RHEINPFALZ durchaus „Mülltourismus“ – demnach reisen die Leute unter Umständen aus Mannheim oder Frankenthal an, um ihre alten Matratzen auf die Straße zu werfen. Das Verschleppen von Gegenständen aus dem öffentlichen Raum ist dann ebenfalls etwas altbekanntes für Schädlingsbekämpfer wie Jürgen und Fabian Vettel, gerade in ärmeren Vierteln: Die Altmatratze wird in die eigene Wohnung geholt, weil man sich keine neue leisten kann – und damit landen auch Bettwanzen im Haus („Wanze auf Wanderschaft: Schädlingsbekämpfer im Einsatz“, 2. Januar 2022). Und Möglichkeiten zur Mülltrennung sind in ärmeren Vierteln wohl auch oft weniger gegeben: „Überdurchschnittlich viele Personen mit einem Haushaltsnettoeinkommen unter 2.000 Euro geben an, in ihrer Wohnanlage keine Trennmöglichkeiten für Bioabfälle zu haben“, so die Studie des Umweltbundesamtes.
Wie auch immer die Ursachen sind: „Es ist schon auch die ganze Gesellschaft mit Schuld an der Rattenplage“, sagt Fabian Vettel. Seniorchef Jürgen Vettel kennt Wohnungsbaugesellschaften, die ihre Hausmeister anweisen, täglich den Müllplatz zu kontrollieren und den neben die Tonne abgestellten Unrat eben in der Tonne zu entsorgen – weil die Mieter das nicht mehr selbst tun. Und er bekommt durchaus auch Anrufe kommunaler Entsorgungsunternehmen, Problemlage laut Vettel senior: „Die Müllmänner holen die Tonne nicht mehr ab – weil da Ratten drinsitzen.“
Die Städte unter den Städten
An der letzten Station des Vormittags sitzen die Ratten im Keller, äußerlich wiederum durchaus nicht ungepflegte, große Wohnanlage, wohl in den 1920ern oder 1930ern gebaut, der Kunde ist auch hier ein Wohnungsbauunternehmen. Der Keller wirkt ebenfalls sehr aufgeräumt – und wie die Ratten hier reinkommen, ist unklar, Vermutungen wird man haben dürfen: Es gibt Städte unter den Städten, mit Leitungen und Rohren, und Gängen und Kanälen, und wo aus jener geheimnisvollen Welt dann die Ratte entsteigt ist oft rätselhaft. Vom ersten Handlungsimpuls rät Fabian Vettel im Übrigen ab: Nach dem Zubetonieren möglicher Einstiegslöcher sucht sich die Ratte meist einen anderen Weg. Und der endet dann unter Umständen in der Elektrik.
Fabian Vettel wird auch hier die Köderboxen überprüfen und die Köderannahme protokollieren, der Profi ist wie der Laie zum Einhalten von Risikominderungsmaßnahmen verpflichtet, also dazu, das Gift sicher nur an die Ratte und an niemanden sonst zu bringen. Nach sechs Wochen ist in der überwiegenden Zahl der Fälle die Messe für die örtliche Rattenpopulation gelesen, sagt Jürgen Vettel.
Bis zum nächsten Mal. Wo Menschen sind, sind Ratten. Wenn jemand Brot durch die Gegend schmeißt sowieso.
Info
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.