Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Wanze auf Wanderschaft: Schädlingsbekämpfer im Einsatz

Wird oft aus dem Urlaub mitgebracht: die gemeine Bettwanze.
Wird oft aus dem Urlaub mitgebracht: die gemeine Bettwanze.

Wer sich mit Ratten, Schaben oder Wanzen beschäftigt, der beschäftigt sich auch mit Menschen. Denn wie und wo Schädlinge auftreten, ist der Spiegel von Lebensverhältnissen. Deshalb müssen Kammerjäger manchmal um jede Matratze ringen.

Das Übel verbreitet sich manchmal auf verschlungenen Pfaden. Beispielsweise in dem Frankenthaler Mietshaus, zu dem der Hausmeister Jürgen Vettel damals gerufen hat, wegen Bettwanzen. Keine ungewöhnliche Herausforderung: Die Viecher sind im Kommen, ein „steigendes Problem“, sagt Vettel, Schädlingsbekämpfer aus Ludwigshafen. „Bringen Urlauber mit“, sagt er. „Verkehrtes Land, verkehrtes Hotel.“

Bettwanzen also in Frankenthal. Der Mieter der befallenen Wohnung hatte bereits zur Selbsthilfe gegriffen und seine Matratze auf die Straße gestellt. Wozu Vettel eigentlich nicht rät, weil man beim Runtertragen das Wanzen-Problem im ganzen Haus verteilt, wenn’s ganz dumm läuft. Es ist gleichwohl ein verständlicher Impuls: „Eine Bettwanze ist verhältnismäßig ortsgebunden“, sagt Vettel. Sie liegt halt gerne in der Seich, die Wanze.

Das Verräumen der Matratze hat das Problem aber nicht gelöst. Der Hausmeister des befallenen Mietshauses hat ihn danach noch einige Male angerufen, zunehmend enerviert wegen der Unberechenbarkeit des Schädlings. Irgendwie hatten sich die Bettwanzen im vorliegenden Fall gegen die Regel verhalten und sich auf Wanderschaft begeben, so viel zum Thema Ortstreue. Es dauerte ein wenig, bis Fachmann Vettel die Lösung gefunden hatte: Die befallene Matratze war relativ neu – und sie war nicht weniger als zwölf Mal von anderen Mietern von der Straße geholt und in die eigene Wohnung verschleppt worden. Samt Wanzen. „Es gibt Jäger und Sammler“, sagt Vettel.

Essensreste locken Ratten an

Was Vettel da macht, und was er seit fast 30 Jahren macht, das ist insofern auch ein Spiegel gesellschaftlicher Realitäten. Menschen holen Matratzen von der Straße, weil Matratzen vergleichsweise kostspielige Objekte sind und weil manche Menschen halt kein Geld für neue haben. Im Prinzip ist Schädlingsbekämpfung teilweise sogar Quartiersarbeit: Es gibt Viertel und Straßenzüge in der Region, zu denen Vettel regelmäßig gerufen wird, zur Rattenbekämpfung – und wie es da um Nachbarschaftsnetzwerke und soziale Kontrolle bestellt ist, das kann er im Prinzip schon am Abfall erkennen. Ratten-Hotspots bilden sich beispielsweise, „wenn die Leute den Müll neben die Mülltonne schmeißen – weil sie Angst haben, die Tonne aufzumachen“, sagt Vettel. Ratten tauchen daneben „generell auf, wenn die Leute Essenreste auf die Straße schmeißen“, ergänzt Fabian Vettel, Schädlingsbekämpfer in zweiter Generation. Und ob das angebissene Sandwich aus Bodenniveau oder aus dem fünften Stock in die Landschaft gesemmelt wird, ist dann auch egal. Aus den Augen, aus dem Sinn, die Nager nährt’s.

Spricht man mit Jürgen und Fabian Vettel, Vater und Sohn, dann kann man dabei gleichsam die Professionalisierung eines Berufsstandes nachzeichnen. Als Jürgen Vettel angefangen hat, so Mitte der 1990er war das, da hat in der Branche eigentlich „jeder gemacht, was er wollte – und die Kammerjäger haben Pi mal Daumen gearbeitet“. Vettel selbst war nach Umschulung einer der ersten 18 staatlich geprüften Schädlingsbekämpfer in ganz Deutschland. Seit 1994 ist Schädlingsbekämpfer/Kammerjäger ein anerkannter Ausbildungsberuf – womit Sohn Fabian drei Jahre Lehre hinter sich hat, Fachschulen fürs Gewerbe gibt es unter anderem in Berlin, München und Gelsenkirchen.

Ratten arbeiten mit „Vorkostern“

Die Professionalisierung trägt wohl der Tatsache Rechnung, dass der Job komplexer geworden ist – schon wegen der Vielzahl der angewandten Mittel: „Punkt Nummer Eins in der Ausbildung: toxische Stoffe“, sagt Fabian Vettel. Und die Frage, wie man sie sicher an den Schädling bringt.

Was bei Ratten gar nicht so einfach ist, die sind nämlich ziemlich clever und arbeiten bei unbekannten potenziellen Leckereien mit „Vorkostern“: „Die schicken das schwächste Mitglied der Gruppe an den Köder – und warten ab, was passiert“, sagt Vettel senior. Weshalb die gebräuchlichen Rattengifte (fachlich präziser: Rodentizide) erst einige Tage später mit Verzögerung wirken – wenn auch die klügste Ratte keinen Zusammenhang mehr zwischen der Köderaufnahme und dem Tod von Artgenossen herstellt.

Was da zum Abmurksen der Ratte verabreicht wird, Gerinnungshemmer, liegt in verschiedenen Stoffvarianten vor – und es gibt inzwischen durchaus Rattenstämme, die gegen bestimmte Gifte resistent sind. Was für Vettel heißt: „Der Köder, der in Hamburg funktioniert, muss nicht in Ludwigshafen funktionieren.“ Wichtig sei es da, den Köder regelmäßig zu kontrollieren und bei Bedarf nachzulegen, auch, um die Entwicklung weiterer Resistenzen zu vermeiden. „Ich zieh erst weiter, wenn der Befall weg ist“, sagt Vettel, „in der Regel so nach fünf bis sechs Wochen.“

Stabiles Geschäft, die Ratten. Es sind meist Geschäftskunden, Kommunen oder Wohnungsbauunternehmen, die Vettel beauftragen. Corona und Lockdown haben da im Übrigen keinen Ausschlag nach oben verursacht: Laut Stadt Ludwigshafen lagen die Meldungen über Rattenbefall im abgelaufenen Jahr in etwa auf dem Niveau des Jahres 2020. Das Brot-und-Butter-Geschäft der Branche ist freilich ein anderes: „Schaben“, sagt Fabian Vettel.

Die Schabe kann die Luft anhalten

Schon wieder so ein Kandidat, der seine ganz eigenen Tücken hat. Schaben werden bei der professionellen Bekämpfung oft eingenebelt, können laut Jürgen Vettel allerdings in eine „Diapause“ fallen – „die halten die Luft an“, sagt er. Einer seiner härtesten Fälle war eine Gastwirtschaft in Ludwigshafen: „Da haben die Kakerlaken dicht an dicht an den Wänden gesessen – die hatten keine Versteckmöglichkeit mehr.“ Vettel hat Fenster und Türen verklebt und das Vernebelungspräparat eingeleitet. Und als sich der Wirt darüber beschwert hat, dass er dann sein Mehl nicht mehr verwenden kann – das Mehl, über das vielleicht Hunderte von Kakerlaken gekrochen waren – da hat Vettel wohl einen Rappel bekommen. Es gibt bestimmte Arten von Lokalitäten, die Vettel Senior und Junior aus Prinzip nicht mehr aufsuchen. Zu oft hinter die Kulissen geschaut, mutmaßlich.

Der Job ist ein Spiegel sozialer Verhältnisse, und der Job ist ein Spiegel von Raum und Mobilität und Infrastruktur. Speziell in der Ludwigshafener Innenstadt begegnet Vettel häufig der „Orientalischen Schabe“, deren Auftreten hat allerdings nichts mit jüngerer Zuwanderung zu tun. „Die haben uns die Amerikaner gebracht“, sagt Vettel. Die Laufwege, die die Schabe zur Verbreitung nutzt, laufen oft über Abwasserkanäle – und „über Fernwärmeleitungen“, berichtet Fabian Vettel. Auch das Kerbtier mag’s wohl kuschelig. An der Stelle gilt es noch mit einem alten Vorurteil aufzuräumen: Wer Kakerlaken zertritt, kann sich dabei deren Eier höchstwahrscheinlich nicht in die eigene Wohnung holen. Das Ei müsste sich unbeschädigt in eine Rille der Sohle schmiegen – „da ist ein Sechser im Lotto wahrscheinlicher“, sagt Vettel.

Notruf wegen einer Spinne

So viel also zum Thema Alltagswissen über den Schädling. Aber das baut sowieso ab, beobachtet Vettel. Früher, als er noch bis spät in die Nacht ans Telefon gegangen ist, hat er beispielsweise den Notruf einer Frau bekommen, die eine Spinne in der Wohnung hatte und den Kammerjäger zu Hilfe rufen wollte. „Wissen Sie was“, hat Vettel gesagt, „Sie nehmen jetzt einen Schlappen und schlagen sie tot.“ „Ach ja“, hat die Frau gesagt, „das kann ich machen.“ Er hat einen Notruf wegen Bettwanzen bekommen, und als man ihm Bilder vom Befall geschickt hat, waren die vermeintlichen Bettwanzen Marienkäfer. Sind die Menschen empfindlicher geworden? „Nein, ahnungsloser“, sagt Vettel. Inzwischen nimmt er ab 17 Uhr das Telefon nicht mehr ab, und überhaupt hat er zum größten Teil Geschäftskunden.

Es ist auch ein Geschäft mit Ekel und Angst, das der Kammerjäger betreibt, und da sind einige schwarze Schafe unterwegs, beobachtet Vettel, „wie bei den Schlüsseldiensten“. Es gibt Wespennest-Hotlines, die sind nur in den Sommermonaten geschaltet – und da werden den Kunden für die Beseitigung des Nests um die 2000 Euro abgerungen. Vettel würde 100 verlangen, aber Privatiers macht er wie gesagt nur noch selten.

Tipps für die Wahl des rechten Kammerjägers, wenn die Ratte wirklich über die Terrasse oder die Schabe durch die Küche huscht: „Mindestens drei verschiedene Angebote einholen“, sagt Vettel, „und örtliche Nummern anrufen.“ Wenn Vettel anrückt, tut er das im Übrigen im neutralen Wagen ohne Kennzeichnung, aus Gründen der Diskretion. „Steht noch nicht einmal unsere Nummer drauf“, sagt er.

Und wichtiger Tipp zur Vermeidung von Schädlingsproblemen: Fremde Matratzen auf der Straße stehen lassen. Und sehen sie noch so kuschelig aus.

Info: Dem Nager an den Fellkragen

Rattengifte (genauer Rodentizide, also: Nagetierbekämpfungsmittel) dürfen auch Privatleute nur in gesicherten und gekennzeichneten Köderboxen auslegen – um eine Zufallsvergiftung von Menschen, Haus- oder Wildtieren zu vermeiden. Enthalten sind in den Giftködern sogenannte „Antikoagulanzien“, also Blutgerinnungshemmer, die die Tiere erst einige Zeit nach der Aufnahme verenden lassen – damit die Nager keinen Zusammenhang zwischen Köderaufnahme und dem Tod von Artgenossen herstellen. Für den Privatgebrauch sind dabei nur bestimmte Stoffe zugelassen, in geringerer Konzentration als für den professionellen Anwender.

Fremdvergiftungen

Umweltverbände kritisieren die Verwendung der Rodentizide – weil sie unbeabsichtigte Vergiftungen von Raubtieren, Haustieren oder Aasfressern verursachen können: Diese können Nagetiere erbeuten, die Gerinnungshemmer aufgenommen haben. Diverse Studien konnten bislang laut Umweltbundesamt Spuren von Antikoagulantien in Wildtieren nachweisen, Häufigkeit und Konzentration variieren dabei allerdings, je nach Art und Lebensraum. Allerdings sind Privatleute in vielen Bundesländern ohnehin zur Bekämpfung von Rattenbefall auf ihrem Grundstück verpflichtet. Die Stadt Ludwigshafen bietet Eigentümern von selbst genutzten Ein- oder Zweifamilienhäusern kostenlose Giftköder und Köderboxen an, die nach einer entsprechenden Einweisung ausgebracht werden sollen.

Risikominimierung

Neben der Auslegung in gesicherten Köderboxen samt Warnhinweis verlangt der Gesetzgeber auch vom Privatanwender die regelmäßige Kontrolle der Giftköder: Mindestens nach fünf bis sieben Tagen bei Ratten, danach wöchentlich. Schädlingsbekämpfer Vettel rät zu häufigeren Kontrollen. Durch die Begutachtung soll unter anderem kontrolliert werden, ob der Köder angenommen wird und unter Umständen nachgelegt werden muss – oder die Box an anderer Stelle platziert werden sollte. Die Kontrolle der Boxen ist auch für den Fachmann das beste Mittel, um zu kontrollieren, ob die Bekämpfung erfolgreich ist: Tote Tiere findet Vettel ebenerdig eher selten, die meisten Ratten verenden wohl in ihrem Bau.

Alternativen

Neben baulichen Maßnahmen (beispielsweise dem Versiegeln von Spalten und Ritzen im Gemäuer) können Schlagfallen eine Alternative zum Gift darstellen – allerdings eher bei Einzeltieren: Einem größeren Rattenbefall ist damit laut Vettel kaum beizukommen. Viele Maßnahmen zur Vorbeugung eines Rattenbefalls stehen zudem im Widerspruch zum Ideal eines „naturnahen Gartens“: Wer beispielsweise Sträucher und Büsche kurz hält, bietet zwar Ratten keine Unterschlupf mehr – beraubt aber auch die Vogelwelt um Nist- und Versteckmöglichkeiten.

Fabian Vettel.
Fabian Vettel.
Jürgen Vettel.
Jürgen Vettel.
Fabian Vettel sichert eine Box mit Rattenköder.
Fabian Vettel sichert eine Box mit Rattenköder.
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