Pfälzische Geschichte
Mit Händen und Lippen
Es ließe sich das jetzt Folgende als frühes Beispiel von Inklusion lesen – aber wahrscheinlich ist schlicht und ergreifend kein Geld da. Am 21. Oktober 1825 meldet die Leitung der allgemeinen Armenanstalt in Frankenthal an die Bezirksregierung, „daß nunmehr ein Lockal für die Schule der Taubstummen beyderley Geschlechts“ zur Verfügung steht. Das „Y“ ist gerade in Mode – und das „Lockal“ ist eines der beiden Torhäuschen der Armenanstalt. Unterrichtet werden dort nicht nur Gehörlose, sondern auch verwahrloste sowie körperlich und geistig behinderte Kinder. Lehrer ist der gebürtige Lustadter Augustin Violet, ein Pionier des Gehörlosenunterrichts in Deutschland. Die Frankenthaler Gehörlosen-Förderschule in Trägerschaft des Bezirksverbandes ist seit 1966 nach ihm benannt.
Lippenlesen und Gebärdensprache
Violet präferiert die lautsprachliche Methode beim Spracherwerb für Taube – also das Erlernen von Sprache durch Lippenlesen und Artikulationstraining. Was eine Art darstellt, auf ein grundsätzliches logisches Problem zu reagieren: Wie sich nämlich Sprache für Menschen vermitteln lässt, die eine lautlich artikulierte Sprache nicht zu hören und damit ohne Hilfestellung kaum zu imitieren imstande sind. Vereinfachend gesprochen kann man dabei auf zwei verschiedene Methodenbündel setzen: Eben das lautsprachliche, das Violet vorzieht – oder die Kommunikation mittels Gebärden, ob als Handalphabet oder voll ausgebildete Gebärdensprache.
Was schon bei manchen pädagogischen Pionieren der frühen Neuzeit freilich eher zusammenfließt: Der Spanier Pedro Ponce de León setzt im 16. Jahrhundert wohl auf den Schrifterwerb, die Übersetzung der Schrift in ein Handalphabet und die Lautsprache. Die Verwendung von Gesten ist für den Benediktiner Ponce naheliegend: Frühe Gebärdensysteme werden ab etwa 1000 in den Reformklöstern entwickelt – damit sich die Mönche auch während der Schweigezeiten miteinander verständigen können.
Die Kolumne
Die „Pfälzische Geschichte“ erscheint alle 14 Tage in der RHEINPFALZ am SONNTAG. Rund 300 Folgen gibt es inzwischen. Die Texte versuchen, über die Geschichte der Region hinaus auch Schlaglichter auf größere Zusammenhänge zu werfen. Im Bewusstsein, dass die Gegenwart kaum zu verstehen ist, wenn man ihre Genese nicht kennt. Die vorige Folge der „Pfälzischen Geschichte“ finden Sie hier: „Die kleinen Leute“.