Zweibrücken RHEINPFALZ Plus Artikel Wie die Fußgängerzone rollstuhlfreundlicher werden soll

Uta Brocke (mit Hut) erklärt, auch welche Herausforderungen sich die Rollitour-Teilnehmer einstellen müssen.
Uta Brocke (mit Hut) erklärt, auch welche Herausforderungen sich die Rollitour-Teilnehmer einstellen müssen.

Auf einer Probefahrt im Rollstuhl bekommt man ein Auge für Bordsteine, Kopfsteinpflaster, Rampen. Das hat jetzt der Oberbürgermeister erfahren. Er verspricht Verbesserungen.

„Kann mir mal einer sagen, wie man mit dem Ding bremst?“ In Zweibrücken hat sich an diesem Samstag Oberbürgermeister Marold Wosnitza auf das Abenteuer Rollstuhl eingelassen. Mit Muskelkraft schiebt er sich über das Kopfsteinpflaster am Schloss voran, wo die Tour beginnt, bis zur ersten hohen Stufe an der Schloss-Apotheke. Vorwärts? Rückwärts? Alleine kommt man hier jedenfalls nicht rein.

Bürgermeister Christian Gauf, ebenso mit von der Partie wie Stadtratsmitglied Norbert Pohlmann, eilt dem OB zu Hilfe. Mit Mühe hievt er seinen Chef die eine Stufe hoch. „Das strengt an!“ Die drei bewegen sich probehalber für zwei Stunden mit einem Rollstuhl durch die Zweibrücker Innenstadt. Dafür hat ihnen die Sanitätsfirma Speer Rollstühle zur Verfügung gestellt.

Eine Stufe trennt ihn vom leckeren Eis

Uta Brocke hatte die Rathausspitze, Stadträte und Verantwortliche vom Bauamt „zu einem Erlebnis im Rollstuhl“ eingeladen. Die 57-Jährige sitzt selbst seit sechs Jahren im Rollstuhl und hat in Zweibrücken auch den Rolli-Stammtisch ins Leben gerufen, an dem acht „Rollis“ und drei „Laufis“ teilnehmen. Am Samstag waren sie alle dabei.

Die Rollis rollen weiter über den Alexanderplatz und in die Fußgängerzone. Jetzt hätte der Oberbürgermeister gerne ein Eis. Aber wie? Eine Stufe trennt ihn von den Leckereien, und sein Arm ist zu kurz, um die Eistüte entgegennehmen zu können. Wenn ihn überhaupt jemand sieht. Das ist eine Einschränkung, die auch Brocke und ihre Rollis kennen: man muss sich immer bemerkbar machen.

Auch mit Rampe bleibt es oft schwierig

Norbert Pohlmann will ins Optikergeschäft Apollo. Als ihn die Angestellte endlich wahrnimmt, holt sie eine ausklappbare Rampe, aber Pohlmann schafft es nicht, sie allein zu bewältigen. Er muss mit fremder Hilfe hochgeschoben werden. Nicht anders im Sanitätshaus Kraus: auch hier geht ohne Rampe nichts – und mit auch nur schwer.

„Ich bin kein Freund von Rampen, die ausgeklappt werden“, sagt Uta Brocke. Stattdessen schlägt sie sogenannte Aufpflasterungen längs zu den Gebäuden vor, möchte dafür eine Spendenaktion starten. Pro Aufpflasterung sei mit Kosten von rund 3000 Euro zu rechnen. Marold Wosnitza möchte die Maßnahme lieber aus Geldern vom deutschen Sondervermögen finanzieren, in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Hausbesitzern und dem Umwelt- und Servicebetrieb Zweibrücken (UBZ). UBZ-Vorständin Nicole Hartfelder und ihr Stellvertreter Steffen Mannschatz sind bei der Tour schon dabei.

Das Kreuz mit den Behindertenparkplätzen

Nächste Station: Behindertenparkplätze am Ärztehaus in der Poststraße und hinter dem Krankenhaus. Die Kritik der Rollstuhlfahrer: Häufig sind die Behindertenparkplätze zugeparkt von Leuten, die dafür keine Berechtigung haben, oder sie sind so konzipiert, dass man schlecht ins Auto rein- und rauskommt. Behindertenparkplätze seien oft schon vor 50 Jahren angelegt worden, „unter ganz anderen Bedingungen“, erklärt der Bürgermeister.

Norbert Pohlmann (links) und Marold Wosnitza stellen fest, dass es gar nicht so einfach ist, an ein Eis heranzukommen.
Norbert Pohlmann (links) und Marold Wosnitza stellen fest, dass es gar nicht so einfach ist, an ein Eis heranzukommen.

„Wir können einfach aufstehen und gehen“, sagt Christian Gauf nach der Tour. Für Menschen mit Beeinträchtigung aber blieben die Probleme bestehen. Er selbst könne sich jetzt besser in sie hineinversetzen. Gauf: „Wir müssen da was tun. Dafür brauchen wir aber die Hilfe und die Unterstützung aller Bürger.“

In der Fußgängerzone muss nachgearbeitet werden

„Man erhält eine andere Perspektive, eine andere Sicht auf die Dinge. Theoretisch weiß man das ja alles“, bilanziert Norbert Pohlmann. „Aber wie’s konkret aussieht, ist dann noch mal ganz anders.“ Man müsse nun „schrittweise Dinge angehen, aber auch Kompromisse eingehen“, so Pohlmann.

Bei der Rolli-Tour habe er „Dinge aus einem Blickwinkel gesehen, die man als Fußgänger nicht sehen würde“, sagt Oberbürgermeister Wosnitza. Das seien oft auch eher kleine Dinge gewesen: „Ein Bordstein, der einen Zentimeter zu hoch ist. Parkplätze, die normgerecht, aber nicht von Nutzen sind.“ Die Erkenntnis sei gereift, „dass in der Fußgängerzone nachgearbeitet werden muss“, so Marold Wosnitza.

Uta Brocke rechnet es Wosnitza, Gauf und Pohlmann hoch an, „dass sie sich die ganze Zeit im Rollstuhl hier durchgequält haben“. Und sie freut sich darüber, dass sich der Blickwinkel der Probefahrer auf mobile Rampen verändert habe: „Sie haben gemerkt, dass das nicht immer hilfreich ist.“

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