Rap-Musik
Massiv: Vom Gangsta-Rapper zum Saubermann
„Ich bin Araber von unten bis oben, deale mit Waffen und mit Drogen“, singt der Rapper Massiv 2006 in seinem Debütalbum „Blut gegen Blut“. Der Künstler, der mit bürgerlichem Namen Wasiem Taha heißt, macht nachhaltig auf sich aufmerksam. Seine Gangsta-Rap-Lieder kommen brutal daher, sind hart und sehr direkt in der Sprache. In einem Lied bezeichnet er sich als „Vollblutkanaken“. Wer sich nicht näher mit Massiv befasst, könnte den Eindruck bekommen, er sei auf den Straßen einer Großstadt aufgewachsen.
Das ist allerdings nicht der Fall. Als Wasiem Taha erblickt er am 9. November 1982 in Pirmasens das Licht der Welt. Seine Eltern kommen ursprünglich aus Palästina und lebten zunächst als Flüchtlinge im Libanon. Von dort ging es in die Südwestpfalz.
Der kleine Wasiem hat keinen erfolgreichen Start ins Leben. Er verlässt die Schule in Pirmasens ohne Abschluss und kann keine der fünf Ausbildungen abschließen, die er begonnen hat. Ob Verfahrensmechaniker, Fliesenleger oder Kaminofenbauer – alles doch nichts für ihn. Am meisten Spaß habe ihm wohl sein Job als Gabelstaplerfahrer gemacht, erzählt Massiv, den die RHEINPFALZ am SONNTAG für diese Geschichte in Berlin besucht hat. Allerdings kann er auch in dem Beruf am Ende nicht Fuß fassen.
„Ich bin Araber von unten bis oben, deale mit Waffen und mit Drogen“, rappt Wasiem Taha also. Er sucht sein Glück schließlich als Musiker, zunächst mit dem Künstlernamen „Pitbull“. Inwiefern der besungene illegale Handel mit Verbotenem der Wahrheit entspricht, lässt sich nicht ganz belegen. Wie so oft bei Liedtexten in der Szene des Gangsta-Raps sind die Grenzen zwischen Sein und Schein fließend. In Pirmasens gibt es unterschiedliche Erinnerungen an ihn. Massiv berichtet selbst freimütig von längst verjährten Ladendiebstählen.
Kein Kind von Traurigkeit
Ein Unschuldslamm ist er wohl nicht zu dieser frühen Zeit, aber ein richtig böser Junge? Da gehen die Meinungen auseinander.
2005 kehrt Wasiem Taha jedenfalls der Pfalz den Rücken. Er will nach Berlin. „Ich hatte große Träume, deshalb zog es mich in die Hauptstadt.“ Berlin sei zu dieser Zeit der Dreh- und Angelpunkt für Musik gewesen. Seine pfälzische Herkunft macht es ihm dort nicht gerade leichter. Vor allem den Pirmasenser Dialekt habe er sich abtrainiert, um in Berlin ernstgenommen zu werden, sagt Massiv in der Rückschau.
Mit etwas Abstand auf diese Zeit spricht der Künstler von „turbulenten Jahren“. Ins Detail geht er nicht. Aber er macht Andeutungen, redet von „viel Radau“. Er sei von außen gekommen und habe härteren Rap gemacht als die Berliner Szene-Musiker. Beleidigungen und Gewalt seien die Folge gewesen. „Man muss seinen Mann stehen. Man muss in den sauren Apfel beißen, um an süße Früchte zu kommen.“ Er habe gewusst, dass all das zum Erfolg in der Szene dazu gehöre.
Schüsse im Kiez
2008 gibt es einen polizeilich dokumentierten Vorfall in Berlin-Neukölln. Dabei fallen drei Schüsse. Massiv wird an der Schulter verletzt. Die Hintergründe bleiben im Dunkeln. Allerdings gilt der Angriff eines Unbekannten bis heute als erster Fall, bei dem in der deutschen Rapper-Szene eine Schusswaffe zum Einsatz kommt.
2009 wird Massiv wegen gefährlicher Körperverletzung zu acht Monaten Haft auf Bewährung und einer Geldstrafe von 1500 Euro verurteilt. „Komm doch her, wenn du Streit suchst“, rappt Massiv in einem seiner Lieder. Das dürfte den Geist der Zeit in seinem damaligen Umfeld gut beschreiben. Es sind diese Jahre, in denen der pfälzische Palästinenser auf sich aufmerksam macht. Seine Musikclips werden beim Musiksender MTV ausgestrahlt. Dabei hilft ihm die Tatsache, dass er recht schnell einen guten Kontakt zu Sido aufbaut. Der bekannte Rapper und Musikproduzent habe ihm die ein oder andere Tür geöffnet, erinnert er sich heute. Während der zwei Jahre ältere Sido längst massentaugliche Musik produziert, pflegt Massiv vor allem in seinen Anfangsjahren das Image des Gangsta-Rappers. Er posiert mit Luxusautos und Goldketten, macht auf dicke Hose. Dabei legt er Wert auf sein Erscheinungsbild und trainiert seine Muskeln.
Die imponierende Körperstatur hat er bis heute. Sein Image hat sich allerdings geändert. „Ich mach’ den Gangsta-Rap so massentauglich wie es geht“, singt der gebürtige Pirmasenser. 2009 trennt sich der Musiker von seinem Label Sony BMG. Fortan vermarktet er sich zunehmend selbst.
Massiv: Habe jüdische Freunde
Kritiker werfen ihm die Verherrlichung von Gewalt und des kriminellen Milieus vor. Eine seiner Veröffentlichungen wird indiziert. In früheren Jahren äußerte sich Massiv auch teils sehr kritisch gegenüber Israel und die Palästinenserpolitik des jüdischen Staats. Vorwürfe des Antisemitismus weist er heute jedoch zurück. Gegenüber dieser Zeitung verweist er vielmehr darauf, dass in seinem Freundes- und Bekanntenkreis auch jüdische Menschen seien.
Stück für Stück wandelt sich das Leben des in einfachen Verhältnissen in Pirmasens aufgewachsenen Mannes. Seit 2013 will er nach eigenen Angaben kaum noch Schimpfworte benutzt und Fäkalsprache vermieden haben. 2015 kündigt der Rapper einen „krassen Schnitt“ an. Er wolle mit sich selbst im Reinen sein und mit „sauberen Gedanken in den Spiegel schauen“. Mit seiner Musik wolle er künftig Menschen verbinden und motivieren.
Wer Massiv in Berlin besucht, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es der Künstler geschafft hat. Im Norden Berlins hat er sich eine Bleibe eingerichtet, die sich sehen lassen kann. Oder wie er sagt: „Ich baue mir einen Palast ins Ghetto.“ Genau genommen sind es zwei Häuser. Im großen Wohngebäude lebt er mit seiner Frau und den beiden Kindern. Auf dem Areal befindet sich ein weiteres Gebäude.
Business in Berlin
Das gesamte Erdgeschoss hat bodentiefe Fenster. Im Wesentlichen stehen dort Fitnessgeräte, über deren Anzahl und Qualität so manches Fitnessstudio höchst erfreut wäre. Im Obergeschoss befindet sich unter anderem ein Studio für Tonaufnahmen. Massiv hat den Standort seiner Immobilie gut gewählt. Sie befindet sich am Übergang einer Großwohnsiedlung mit vielen Hochhäusern zu einem eher bürgerlich geprägten Viertel. Eine Immobilienstandort als Symbol für das eigene Leben?!
Die Zeiten, in denen Massiv nur als Musiker Geld verdiente, gehören der Vergangenheit an. Zwar war er zwischendurch mal als Schauspieler in der Serie „4 Blocks“ aktiv, aber mittlerweile ist er Geschäftsmann durch und durch.
2021 sagt er in seiner eigenen Instagram-Story, er sei „zehnfacher Millionär“. Das hat er unter anderem der Idee zu verdanken, Shisha-Tabak zu vertreiben. Außerdem steht er hinter einer besonderen Art von Zahnstochern, die weniger der Mundhygiene dienen als dem Zeitvertreib. Die Besonderheit der Stäbchen ist, dass sie in verschiedenen Geschmacksrichtungen erhältlich sind. 100 Stück kosten zwischen 15 und 20 Euro.
Wellen machen auf Ibiza
Zudem hat Massiv zunehmend ein Augenmerk auf die Förderung junger Musiker gelegt. In der Online-Castingshow „Prototyp Rapstar“ sucht er aktuell den Rapper der Zukunft. Dabei hat er das bekannte Label Universal Music hinter sich stehen. Ein Vertrag winkt dem Gewinner der Sendung, für die die Teilnehmer schon mal nach Ibiza geflogen werden.
In der Szene hat Massiv nach wie vor Gewicht, oder wie er über seine Show beim Besuch der RHEINPFALZ am SONNTAG sagt: „Wir machen richtig Welle damit.“ Dem Geschäftsmann kommt dabei zugute, dass er nach eigenen Angaben mit vier bis fünf Stunden Schlaf auskommt. Alkohol und Drogen meide er. Man müsse alles ernst nehmen, nichts sei selbstverständlich und: „Leidenschaft muss dabei sein.“ Das gilt auch für seine Inszenierungen im Internet. Massiv nutzt Plattformen wie Youtube und Instagram, um auf sich aufmerksam zu machen, Fans zu binden – und nicht zuletzt für Marketing in eigener Sache. Er bezeichnet es als Privileg, heute so erfolgreich zu sein und verweist auf seine Wurzeln. In seiner Jugend in Pirmasens hat Massiv seinen Schilderungen zufolge immer wieder Rassismus erlebt. In der Schule sei er der einzige Muslim gewesen, der einzige Schüler mit brauner Hautfarbe. Die Herkunft seiner Familie hat ihn geprägt. Er sagt über sich: „Ich bin ein Palästinenser.“
„Will etwas zurückgeben“
Die schwierige Situation der Menschen im Gazastreifen liegt ihm am Herzen. Deren Leid treibe ihn um, sagt der Künstler. Schon 2008 war er mit anderen internationalen Rappern im Auftrag des Goethe-Instituts auf Tournee in „Palästina“. „Künstler müssen ihre Stimme nutzen, um auf das Leid aufmerksam zu machen“, sieht er eine gesellschaftliche Verantwortung bei sich und seinen Kollegen. Er wolle seine Reichweite nutzen und Sprachrohr für diejenigen sein, denen es nicht so gut geht. So habe er sich beispielsweise auch für die Unterstützung der Bevölkerung in der Ukraine eingesetzt.
Ihm gehe es darum, etwas zurückzugeben. Zwei Personengruppen sind ihm dabei besonders wichtig, erzählt der 43-Jährige. Neben Kindern sind das ältere Menschen. „Die haben etwas geleistet, worauf wir aufbauen können.“ Er selbst helfe daher einer 82-Jährigen beim Einkauf. Was er überhaupt nicht ertrage, sei der Anblick von älteren Bürgern, die im Müll nach Pfandflaschen suchen. Das sei würdelos. „Etwas Schlimmeres gibt es nicht.“ Seine eigenen Eltern hat er übrigens aus Pirmasens nachgeholt. Sie wohnen mittlerweile bei ihm um die Ecke.
Aktion mit Wagenknecht
Mit Parteipolitik hat Massiv nichts am Hut, allerdings gibt es eine durchaus umstrittene Politikerin, der er sich verbunden sieht: Sahra Wagenknecht. „Wir verstehen uns total gut“, sagt er über die ehemalige Bundestagsabgeordnete. Und wie hat der Rapper die Politikerin kennengelernt? „Das lief vergleichsweise unkompliziert: Wir haben uns gegenseitig bei Instagram geschrieben.“
Zusammen mit Wagenknecht und dem Schauspieler Dieter Hallervorden hat Massiv in einer Hochphase des Gazakriegs zu einer Kundgebung für Frieden aufgerufen. Rund 15.000 Demonstranten nahmen an der Veranstaltung im Berliner Regierungsviertel teil. Bei aller auch lauten Kritik an Israel dabei – im Gegensatz zu seinen Anfangsjahren als Rapper schlägt Massiv versöhnliche Töne an: „Zusammenleben ist das wahre Leben.“
Info
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.