Super Bowl
Kalifornien kontra Trump: Wenn American Football politisch wird
Der kalte Wind an diesem Februardonnerstag pfeift den Fußgängern um die Ohren. Direkt neben dem Gehweg donnern die Autos mit 45 Meilen pro Stunde über den Asphalt und erzeugen einen Höllenlärm. Der Boden vibriert, die stählernen Seile und Träger ebenfalls. Im Grunde ist die Golden Gate Bridge in San Francisco kein Ort, an dem man allzu lange sein möchte. Dennoch ist es etwas ganz Besonderes, sie zu überqueren. Die schier unendliche Sicht von diesem ikonischen Monument aus auf die Bucht vor der Stadt lässt das Herz tanzen. Das Wasser glitzert im Sonnenlicht Nordkaliforniens, nur zwischen neun und 17 Grad Celsius hat es das ganze Jahr über. Zum Baden zu wenig, zum Sterben genau richtig.
In ihrer widersprüchlichen Eleganz ist die Golden Gate Bridge nicht nur ein Anziehungspunkt für Touristen, sondern auch ein Hotspot für Suizide. Das Geländer ist nur 1,20 Meter hoch, an vielen Stellen gibt es keinen Zaun. Seit ihrer Eröffnung am 27. Mai 1937 haben sich nach offiziellen Angaben etwa 2000 Menschen die rund 70 Meter in die Tiefe gestürzt. Die Dunkelziffer dürfte höher sein. Die Brücke ist ein Wahrzeichen der USA – und steht sinnbildlich für den aktuellen Zustand der Vereinigten Staaten von Amerika: Das Gefühl fast grenzenloser Freiheit und der tödliche Abgrund liegen manchmal ganz nah beieinander.
Ein paar Stunden zuvor, im Kongresszentrum in der Innenstadt von San Francisco, sitzt der Musiker Bad Bunny lässig auf einem Sofa. Der Latino-Superstar trägt Sonnenbrille, seine Mütze hat – natürlich – so etwas wie Hasenohren. Den Puerto-Ricaner mag Präsident Donald Trump gar nicht, er hat dessen Engagement für die Halbzeitshow des 60. Super Bowls jüngst als „schrecklich“ bezeichnet. Am Sonntag (Ortszeit) wird der 31-jährige Künstler bei der Halbzeitshow des Finales der National Football League (NFL) auftreten. Es ist die größtmögliche Bühne für den meistgestreamten Künstler der Welt bei Spotify – mehr als 100 Millionen Menschen werden allein in den USA zuschauen. „Vielleicht klingt es so, als wolle ich der Bescheidenste oder Naivste sein, aber ich schwöre bei Gott, ich habe das nicht gesucht“, sagt Bad Bunny. „Mein größter Erfolg, mein größtes Vergnügen ist es, einfach zu schaffen, Spaß zu haben und mit den Menschen in Kontakt zu treten.“ Er ist ein Sprachrohr der lateinamerikanischen Community, singt auf Spanisch, nicht auf Englisch. Auch das treibt dem Präsidenten die Zornesröte ins Gesicht.
„Ich möchte nicht zu viel verraten“, sagt Bad Bunny über seine 13-minütige Show. „Es wird Spaß machen, es wird einfach, und die Leute müssen sich nur ums Tanzen kümmern.“ Nicht wenige erwarten aber, dass Bad Bunny ein politisches Statement setzen wird. So wie bei der Grammy-Verleihung vor wenigen Tagen, bei der sein von den Kritikern gefeiertes Album „Debí Tirar Más Fotos“ drei Auszeichnungen erhielt – unter anderem die als „Album des Jahres“, als erstes spanischsprachiges Werk überhaupt. „Bevor ich Gott danke, sage ich erst mal: ICE raus“, hatte Bad Bunny gesagt und damit die umstrittene Einwanderungsbehörde der Trump-Administration kritisiert: „Wir sind keine Wilden, wir sind keine Tiere, wir sind keine Aliens. Wir sind Menschen und wir sind Amerikaner.“
Wird es nun der politischste Super Bowl schlechthin? Und kann der Hip-Hopper überhaupt leisten, was so viele von ihm erhoffen?
Benito Antonio Martínez Ocasio, wie Bad Bunny bürgerlich heißt, als Top-Act zu verpflichten, war eine ganz bewusste Entscheidung. Aber als die NFL im Mai 2023 bekanntgab, dass der 60. Super Bowl im Großraum San Francisco zu Gast sein wird, war noch nicht absehbar, wie unruhig die politischen Zeiten in den USA drei Jahre später sein würden. Nun aber findet das größte Sportspektakel der USA dort statt, wo im Transgender-Viertel Regenbogen-Flaggen an den Hausfassaden hängen. Und dort, wo die Vorzeigedemokratin, frühere Sprecherin des Repräsentantenhauses und Trump-Bekämpferin Nancy Pelosi (85) seit 1987 ihren Wahlkreis hat. In einem zunehmend rückwärtsgewandten Amerika rollt die ebenfalls als konservativ geltende NFL ihrem größten Produkt in einer nach vorne gerichteten Umgebung den roten Teppich aus.
„Willkommen in einer Region, in der das Unmögliche unvermeidlich wird“, sagt Zaileen Janmohamed zum Auftakt der bunten Tage von San Francisco. Die 47-Jährige ist indischstämmige Muslima und Chefin des Super-Bowl-Organisationskomitees. Sie streckt dem US-Präsidenten einen verbalen Mittelfinger entgegen. „Willkommen in einer Region von und für Träumer. Willkommen an einem Ort des Optimismus, der Vorstellungskraft, der Neugier, Innovationskraft, Diversität und der unermüdlichen Beharrlichkeit“, sagt sie. Anders als im Vorjahr hat Trump einen Besuch des Super Bowls ausgeschlossen. Angeblich nicht aus Angst, unwillkommen in der linken Hochburg zu sein. Die Reise an die US-Westküste sei schlicht „zu weit“.
Professor: Sport wird politisiert
Szenenwechsel: Im Garten der Goldman School of Public Policy der Universität Berkeley, etwa 20 Autominuten von Downtown San Francisco entfernt, sitzt Jake Grumbach in der Sonne und nippt an seinem Softdrink. Hier lässt es sich studieren, hier scheint die Welt trotz der politischen Polarisierung noch in Ordnung zu sein – wenngleich auch die US-Elite-Universitäten unter dem Druck der Trump-Regierung leiden. „Sport wird in vielen Gesellschaften immer wieder zu einem politischen Brennpunkt“, sagt der 38-jährige Politik-Privatdozent. „In den USA war das lange anders. Abgesehen von der Rassentrennung und späteren Integration im Profisport war Sport hier kein allumfassender politischer Schauplatz.“ Nun ist die NFL im Spannungsfeld zwischen Politik und Sport angekommen. „Fans interessieren sich zunehmend dafür, welche Parteien Spieler, Trainer oder Teambesitzer unterstützen“, sagt Grumbach, selbst großer Fan der San Francisco 49ers.
Zwar war in der Stadt und ihrer Umgebung schon immer alles anders als im Rest des Landes. Doch es ist noch gar nicht so lange her, da war in „Frisco“ vieles im Alltag einfach nur schlimm. Drogensüchtige bevölkerten die hügeligen Straßen, 8000 Fentanyl-Abhängige lebten im Tenderloin-Quartier mitten im Zentrum der Metropole. Die Droge ist 50-mal so stark wie Heroin, zwei Milligramm können tödlich wirken. 2023 starben mindestens 810 Menschen an einer Überdosis. Präsident Trump bezeichnete San Francisco als Schande der Nation, Schuld seien die demokratischen Verantwortlichen vor Ort.
Natürlich ist die schlimmste Drogenepidemie in der amerikanischen Geschichte nicht von jetzt auf gleich überwunden. Natürlich gibt es auch heute Obdachlose, natürlich gibt es soziale Probleme in der Stadt. Aber: Es geht aufwärts, sagen Einheimische. Hatte der Union Square im Herzen der Stadt lange mit leerstehenden Geschäften zu kämpfen, sind inzwischen auch Boutiquen der Edelmarken wieder vertreten. Auf dem Platz selbst können die Menschen Badminton oder Schach spielen. Es gibt jeden Tag öffentliche Sport- oder Zeichenkurse. „Es ist egal, was am Super-Bowl-Sunday im Stadion geschieht“, sagt Orga-Chefin Janmohamed, „es ist wichtiger, was drumherum passiert.“ Nach offiziellen Angaben hat der 60. Super Bowl 10.000 Jobs geschaffen, 500 Millionen US-Dollar sollen in die Region fließen.
Das Silicon Valley mit seinen Tech-Giganten ist nur einen Katzensprung entfernt. „Made to create“ ist ein Lieblingsslogan hier: „Gemacht, um zu gestalten“. Selbstfahrende Taxis haben San Francisco erobert, Lieferanten-Roboter ebenfalls. Während anderswo in den USA windige Anwälte, Immobilienmakler und Krankenhäuser auf riesigen Werbetafeln entlang der Autobahnen präsent sind, ist in San Francisco „AI“ das häufigste Schlagwort. Künstliche Intelligenz erobert von hier aus die Welt.
Trumps Behörde polarisiert
Plötzlich, es ist Vormittag an der Westküste der USA, herrscht Unruhe in Fisherman’s Wharf, dem Hafenviertel im Norden von San Francisco. Die Blicke der Menschen gehen zu einer digitalen Werbetafel, die an einer Straßenkreuzung hängt. Zwischen Angeboten für Theaterbesuche und Frühstücksbrunch ist ein Mann in schwarzer Uniform zu sehen, darunter steht: „Defensivspieler des Jahres: ICE“. Es ist eine Werbeanzeige, die die US-Einwanderungsbehörde unterstützt, bei deren umstrittenen Einsätzen in Minneapolis jüngst zwei Menschen erschossen wurden. Hinter der Kampagne steckt eine Gruppe mit dem Namen „American Sovereignty“, amerikanische Souveränität. Die Antworten zweier Passanten auf der Straße dokumentieren, wie sehr ICE das Land polarisiert: „Sie machen nur ihren Job“, sagt der eine. „Sie sollen raus aus unserer Stadt“, sagt der andere.
Am Vorabend gingen im nahen San José Tausende auf die Straße, um gegen ICE zu protestieren. Unweit davon hielt die NFL ihre Opening Night ab, bei der sich die beiden Teams traditionell das einzige Mal vor dem Super Bowl begegnen. Unter all diesen widersprüchlichen Voraussetzungen erscheint es geradezu logisch, dass auch die Partie zwischen den New England Patriots und den Seattle Seahawks ein Spiel gegen jede Wahrscheinlichkeit ist. Die Möglichkeit, dass es genau zu dieser Paarung im Endspiel im Levi’s Stadium von Santa Clara kommen würde, lag laut Statistikern zu Saisonbeginn bei 1:4800.
Auch in San Francisco bestand die Sorge, dass ICE-Beamte zum Super-Bowl-Wochenende anrücken. Doch die offiziellen Stellen von NFL und Homeland Security winken ab: 35 Behörden seien für die Sicherheit während der Veranstaltung zuständig, ICE aber sei nicht dabei. „Offenbar wurde Trump davon überzeugt, dass ein solcher Schritt wirtschaftlich kontraproduktiv wäre“, sagt Politikwissenschaftler Grumbach. „Internationale Großereignisse wie der Super Bowl, aber auch die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles oder die Fußball-WM im Sommer leben vom Tourismus. ICE-Einsätze könnten abschreckend wirken.“ In der Bay Area rechnet man über das Wochenende mit 1,2 Millionen Besuchern.
Standleitung zum Seelsorger
Die ICE-Befürworter feiern die Einsatzkräfte als Abwehrspezialisten, Chef-Organisatorin Zaileen Janmohamed hat von ihrem Team einen anderen Spitznamen bekommen, der zugleich Anerkennung und Auszeichnung ist: „Bester Quarterback aller Zeiten“. Die einen zerstören das Spiel des anderen, sie ist in der Rolle der Gestalterin. Das Organisationskomitee ist nicht nur für den jetzigen Super Bowl zuständig, sondern auch dann, wenn in einigen Monaten Spiele der Fußball-WM in San Francisco ausgetragen werden. Nicht ausgeschlossen, dass sie zur nächsten Topkontrahentin für Trump wird. Die Fifa um Präsident Gianni Infantino begegnet dem US-Präsidenten weit weniger distanziert als die NFL derzeit.
Tags drauf ist das ICE-Banner von der Anzeigetafel in Fisherman’s Wharf verschwunden. Stattdessen hat die Distriktverwaltung diese Botschaft platziert: „Wir begrüßen Einheimische und Gäste aller Herkunft und ehren die vielen Kulturen, die unsere Nachbarschaft lebendig machen.“ Das „alle“ ist unterstrichen. Auf der anderen Straßenseite spielt ein afroamerikanischer Musiker auf seiner E-Gitarre, ein als Clown verkleideter Latino bläst Seifenblasen und Luftballonfiguren für die Kinder.
„Wir alle sind verbunden durch die Brücken“, sagt Orga-Chefin Janmohamed. Auch an der Golden Gate Bridge, Ort so vieler Selbstmorde, hat sich einiges zum Besseren verändert. Es gibt neue Sicherheitsnetze. Über Lautsprecher sollen Lebensmüde vom Todessprung abgehalten werden. An den Stahlträgern hängen Telefone mit Standleitung zu Seelsorgern. „There is hope“, steht auf Hinweisschildern. Wie im ganzen Land: Alle wird man nicht retten können. Aber in Kalifornien schlägt das Herz der Hoffnung unverdrossen.
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.
