Interview RHEINPFALZ Plus Artikel US-Professor zum Verhältnis zwischen Europa und den USA: „Amerika ist kein Vorbild mehr“

Europa und die USA – die jahrzehntealte Allianz scheint – derzeit – ihre besten Jahre hinter sich zu haben.
Europa und die USA – die jahrzehntealte Allianz scheint – derzeit – ihre besten Jahre hinter sich zu haben.

Wie stark ist die Entfremdung der Europäer von den USA seit Donald Trumps Amtsantritt? Sie dürfte von Dauer sein, sagt der kalifornische Geschichtsprofessor Daniel Sargent.

Herr Sargent, der Blick aus Europa auf die USA ist derzeit alles andere als freundlich.
(Schmunzelt.) Ich habe davon gehört. Ich war erst neulich in Europa.

Wie schlecht steht es wirklich um Amerika?
Ehrlich gesagt: So schlecht ist es nicht. Ich bin Historiker, und es gibt viele Phasen, in denen es deutlich schlimmer war. Die politische Gewalt, die rassistischen Konflikte – all das war über weite Strecken der amerikanischen Geschichte erheblich ausgeprägter als heute. Wenn man rein historisch vergleicht, dann gehört das Jahr 2025 vermutlich immer noch zu den besten 20 Jahren der US-Geschichte.

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Also doch alles in Ordnung?
Nein. Wenn man die USA nicht historisch, sondern international vergleicht, sieht man einen deutlichen Abstieg. Amerika ist keine vorbildliche Demokratie mehr. In einer Rangliste demokratischer Leistungsfähigkeit liegt das Land vielleicht noch im oberen Viertel – aber gerade so. Und das ist nicht der Platz, den die USA für sich beanspruchen oder wünschen.

Woher rührt diese Enttäuschung in Europa?
Es gab eine Zeit, in der Europa in den USA ein Musterbeispiel stabiler Demokratie sah. Diese Vorstellung entstand vor allem in den 1930er- und 1940er-Jahren. Während große Teile Europas in der Weltwirtschaftskrise und im Faschismus versanken, wurde die liberale Demokratie in den USA durch die Reformen der Roosevelt-Regierung sogar gestärkt. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat Amerika dann ein internationales System aufgebaut – mit den Vereinten Nationen, den Bretton-Woods-Institutionen, all diesen amerikanisch geprägten Strukturen. Unsere Erwartungen an die USA sind in dieser Phase entstanden, als Amerika außergewöhnlich gut dastand. Seitdem hat eine Angleichung stattgefunden: Andere Länder wurden wirtschaftlich und demokratisch stabiler, die USA schwächer. Heute ist es für Europäer nicht mehr selbstverständlich, zu Amerika aufzuschauen. Stattdessen herrscht Enttäuschung darüber, dass ein einst so widerstandsfähiges, streitbares demokratisches Gemeinwesen durch innere Spaltungen gelähmt wirkt. Und das schmerzt, weil Europa will, dass Amerika erfolgreich ist.

Daniel J. Sargent, Jahrgang 1979, ist Professor für Geschichte an der University of California, Berkeley. Er gilt als einer der
Daniel J. Sargent, Jahrgang 1979, ist Professor für Geschichte an der University of California, Berkeley. Er gilt als einer der profiliertesten Historiker der amerikanischen Außenpolitik, der Globalisierung und der internationalen Ordnung nach 1945.

Was läuft innenpolitisch schief – Stichwort Trump, Stichwort ICE?
Das beginnt mit der Regierung selbst. Politisch unterscheiden sich die Grundhaltungen der Wähler in den USA übrigens gar nicht so sehr von denen in Westeuropa. Überall sehen wir dieselbe Spaltung: urbane, liberale Milieus hier – eher ländliche, ethnonationalistisch geprägte Wähler dort. Der Unterschied liegt erstens im Kräfteverhältnis. Die USA sind ländlicher als Deutschland oder Großbritannien, etwa vergleichbar mit Frankreich. Und zweitens in der Architektur der politischen Institutionen. Unsere Verfassung stammt aus dem 18. Jahrhundert. Sie zeigt heute deutliche Verschleißerscheinungen.

Was 2016 passiert ist, lässt sich so zusammenfassen: Ein rechtspopulistischer Politiker hat eine der beiden großen Parteien übernommen. Parteien sind zwar kein formeller Teil der Verfassung, aber sie sind zentral für das Funktionieren des Systems. Diese Übernahme reichte aus, um Donald Trump ins Präsidentenamt zu bringen. Alles, was danach kam, ist eine Folge dieses institutionellen Zusammenbruchs. Ein System, das jahrzehntelang Mäßigung begünstigte, belohnte plötzlich Extremismus.

Wie stark ist die US-Demokratie noch?
Ich halte sie für erstaunlich widerstandsfähig – allerdings weniger wegen ihrer Institutionen als wegen ihrer Bürger. Die Institutionen haben in vielerlei Hinsicht versagt. Man sieht das etwa in Minnesota, wo der Staat kaum in der Lage war, auf die massive ICE-Offensive zu reagieren. Was aber funktioniert hat, war der Widerstand der Zivilgesellschaft. Zehntausende Menschen in Minneapolis haben sich organisiert, um Migranten zu schützen, sie zu unterstützen und sich der Bundesregierung entgegenzustellen. Nach den Tötungen von Renée Good und Alex Pretti änderte sich das politische Klima schlagartig. Selbst nationale Republikaner begannen, der Trump-Regierung Grenzen zu setzen. Diese Dynamik erinnert stark an die Bürgerrechtsbewegung der 1960er-Jahre. Nicht die Institutionen, sondern die Gesellschaft definiert gerade, wie weit diese Regierung gehen kann.

Eine Revolution von unten?
Absolut. Wie schon in Boston in den 1760er-Jahren beginnt Veränderung bei den Menschen. Die Institutionen funktionieren schlecht, aber es ist eine gute Gesellschaft – eine Gesellschaft, die weiterhin an Demokratie und Rechte glaubt.

Ist die Pax Americana, die Weltordnung nach dem Zweiten Weltkrieg, in der die USA die Hauptverantwortung trugen, am Ende?
Ich denke ja. Die Nachkriegsordnung war nie wirklich global. Sie war im Kern eine atlantische Ordnung mit einem ostasiatischen Ausläufer. Heute steckt dieses System in einer tiefen Krise – in Europa sogar stärker als in Ostasien.

In Ostasien sorgt die Bedrohung durch China für Zusammenhalt. In Europa müsste eigentlich Russland diese Rolle spielen. Doch das unberechenbare Verhalten der USA hat das Vertrauen der europäischen Partner massiv beschädigt.

Sind die USA überhaupt noch bereit, internationale Ordnungen wie die Nato zu tragen?
In der Bevölkerung gibt es laut Umfragen weiterhin breite Unterstützung für Bündnisse und für Europa. Die Ablehnung kommt vor allem von Donald Trump persönlich. Seine Feindschaft gegenüber der Nato reicht bis in die 1980er-Jahre zurück. Das eigentliche Drama ist: Wir haben einen hochbetagten, unberechenbaren Präsidenten – und ein System, das nicht in der Lage ist, ihn einzufangen. In einer Präsidialrepublik ist das brandgefährlich. Die Machtfülle des Präsidenten ist seit den 1930er-Jahren enorm gewachsen. Ich bin mir sicher, dass viele Republikaner im Kongress Trump privat genau so sehen. Aber sie finden keinen Weg, ihn zu stoppen.

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Steht für San Francisco und ist ein nationales Symbol in den USA: Die Golden Gate Bridge. Grenzenlose Freiheit und der Abgrund liegen nah beieinander.

Droht eine neue Phase des Isolationismus?
Isolationismus ist ein belasteter Begriff. Nach 1945 war Internationalismus vor allem ein Elitenprojekt – getragen von Wirtschaftsführern, Intellektuellen, kulturellen Eliten. Darunter blieb Amerika eine weitgehend selbstgenügsame Gesellschaft. Die USA sind ein riesiges Land mit einer kontinentweiten, diversifizierten Wirtschaft. Sie sind weniger abhängig vom Welthandel als Europa oder China. Viele Amerikaner besitzen keinen Pass. Bedrohungen erscheinen weit entfernt. Das erzeugt eine gewisse Gelassenheit – nicht unbedingt unbegründet, wenn man die Geografie betrachtet.

Gleichzeitig leben wir in einer globalisierten Welt. Oder nicht mehr?
Ich bin skeptisch, was Globalisierung als langfristigen Megatrend angeht. Die extreme Globalisierung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beruhte auf zwei Faktoren: extremen Lohnunterschieden und billigen fossilen Brennstoffen. Beides verändert sich. Löhne gleichen sich an, Automatisierung macht lokale Produktion attraktiver, und fossile Energie wird teurer und politisch problematischer. Ich rechne daher mit einer teilweisen De-Globalisierung – nicht nur aus geopolitischen Gründen, sondern aus ökonomischen.

Wie sieht die Weltordnung in 50 Jahren aus?
Ich erwarte eine Welt der Regionen. Migration wird dabei ein zentraler Konfliktpunkt sein. Der Wunsch von Menschen, sich zu bewegen, trifft auf den Wunsch von Gesellschaften, Migration zu kontrollieren. Europa ist hier besonders verwundbar – durch Russland einerseits und durch zunehmende Flüchtlingsbewegungen aus Afrika und dem Nahen Osten andererseits. Die USA sind geografisch besser geschützt. Ich bin langfristig optimistischer für Amerika als für Europa.

Müssen wir Angst vor einem Dritten Weltkrieg haben?
Nukleare Abschreckung hat seit 1945 zur Stabilität beigetragen – das ist die unbequeme Wahrheit. Aber ich glaube, dass Atomwaffen irgendwann wieder eingesetzt werden. Die Frage ist nur: in welchem Umfang. Ein begrenzter Einsatz – etwa in einem indo-pakistanischen Krieg – könnte paradoxerweise dazu führen, dass das nukleare Tabu erneuert wird. Ein großer Atomkrieg wäre apokalyptisch. Ich habe mehr Angst vor Atomwaffen als vor der Klimakrise. Sie sind eine existenzielle Bedrohung für die Menschheit.

Was fehlt der Welt heute am meisten?
Austausch. Kommunikation. Begegnung. Mein Lehrer, der Historiker Akira Iriye, war als Kind Opfer amerikanischer Bombardierungen in Japan – und wurde später Harvard-Professor in den USA. Er glaubte zutiefst an die versöhnende Kraft von Austausch. Ich auch. Wenn wir das aufgeben, wird die Alternative düster.

Die USA begehen in diesem Jahr ihren 250. Geburtstag. Gibt es aktuell überhaupt einen Anlass zu feiern?
Ja. Dass wir noch da sind. Und dass die Ideen der Unabhängigkeitserklärung noch immer verteidigt werden. Die amerikanische Revolution war international, sie war unvollkommen, sie begann mit Sklaverei – aber sie trug den Keim in sich, sich zu verbessern. Ohne sie keine Französische Revolution, keine Revolutionen von 1848, keine europäische Demokratisierung. Dass wir diese Ideen immer wieder neu einlösen müssen, ist kein Makel. Es ist der Kern der Sache.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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