Helmut Kohl
Eine Reise auf den Spuren des Kanzlers in der Pfalz
Eine Helmut-Kohl-Tour, die in Landau vor dem Rathaus beginnt, am Reiterstandbild des bayerischen Prinzregenten Luitpold? „Eine Biografie sollte chronologisch angelegt sein“, ist Historiker Theo Schwarzmüller überzeugt. Und die Geschichte des Bundeskanzlers aus der Pfalz begann eben nicht in Bonn oder Berlin und auch nicht in Ludwigshafen, weiß der 61-jährige Schwarzmüller zu erzählen. Sie begann in der Südpfalz, wo sich die Eltern des späteren Kanzlers der Einheit und Ehrenbürgers Europas kennenlernten. Aber dazu gleich mehr.
Schwarzmüller kennt die Familiengeschichte Kohls aus vielen persönlichen Gesprächen mit dem CDU-Politiker, der 1930 in Ludwigshafen geboren wurde und 2017 dort auch gestorben ist. Der Hauensteiner gehörte vor zwei Jahrzehnten zu einem kleinen Kreis von Mitarbeitern, die Kohl mehrere Jahre bei der Arbeit an dessen offizieller Autobiografie unterstützten. Als Kohls erste Frau Hannelore 2001 aus dem Leben schied, autorisierte der Altkanzler Schwarzmüller, in der „Welt am Sonntag“ über die Gründe für den Freitod zu berichten und dabei aus dem Abschiedsbrief der Verstorbenen zu zitieren.
Schwarzmüller zeigt auf das Rathausgebäude an diesem sonnigen Oktobersonntag und zitiert aus einem anderen Brief. Er stammt von einem 19-jährigen bayerischen Soldaten namens Hans Kohl: „Am 19.10.1906 trat ich (...) beim Infanterieregiment in Landau ein.“ Hans Kohl – das war der aus Unterfranken stammende Vater des späteren Kanzlers. Als Schreiber diente Hans Kohl im Garnisonskommando, das in den Räumen des heutigen Landauer Rathauses seinen Sitz hatte.
Eine Gruppe von zwei Dutzend Zuhörern aus dem Kreis Ahrweiler im Norden von Rheinland-Pfalz lauscht Schwarzmüller, der die folgenden drei Tage ihr Referent ist. Im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung hat der Pfälzer Historiker eine Exkursion konzipiert, wie es sie für keinen der deutschen Regierungschefs bisher gibt. Es gibt Helmut Schmidts Haus in Hamburg oder Konrad Adenauers in Rhöndorf. Es gibt die Stiftungen des Bundes für Adenauer, Willy Brandt, Schmidt und Kohl, die das Erbe der verstorbenen Regierungschefs wissenschaftlich aufarbeiten. Aber eine dreitägige Spurensuche quer durch die Heimat eines Bundeskanzlers – das ist neu.
„Helmut Kohl hat so viele Menschen über die Jahrzehnte geprägt – aber was hat ihn geprägt?“, erläutert Philipp Lerch, Landesbeauftragter der Adenauer-Stiftung, die Leitfrage der Fahrt, die durch die Pfalz und das deutsch-französische Grenzland führt. Die so geschichtsträchtigen Orte hier, aber auch die schmerzhafte Erfahrung des Zweiten Weltkriegs, in dem Kohls Bruder Walter fiel, formten den späteren Politiker, so Lerch weiter. Kohls Credo lautete: „Die Pfalz ist meine Heimat, Deutschland ist mein Vaterland und Europa ist unsere Zukunft.“
Bis ins Nordelsass
Und so kreuzt die Exkursion vom Landauer Rathausplatz über die Festhalle zur Buschmühle bei Burrweiler, wo sich Hans Kohl und Cäcilie Schnur kennen- und liebenlernen sollten. Von der Hohenzollernstraße 89, dem späteren Elternhaus Helmut Kohls im Ludwigshafener Stadtteil Friesenheim, zu seinem Gymnasium und an den Rhein. Von Annweiler am Trifels über Weißenburg ins nordelsässische Niedersteinbach, wo der Bundeskanzler aus Ludwigshafen auch im Ruhestand gerne im Restaurant „Au Cheval Blanc“ von Madame Marlène Zinck tafelte. Von Deidesheim, wo Kohl Staatsgäste wie Margaret Thatcher zum Saumagen einlud, nach Speyer, wo er vor nun 25 Jahren mit einem Großen Zapfenstreich aus dem Amt des Bundeskanzlers schied. Und wo der Pfälzer, der die Bundesrepublik von 1982 bis 1998 regierte, am 1. Juli 2017 in einem Grab im Adenauerpark seine letzte Ruhe fand.
Biografische Details wie die Geschichte vom Soldaten Hans Kohl nutzt Schwarzmüller, um Hintergründe der Karriere Helmut Kohls und seines Denkens zu beleuchten. Die bayerischen Wurzeln der Pfälzer Parteiengeschichte und der Entwicklung der CDU lassen sich hier veranschaulichen. Einen Steinwurf vom Landauer Rathaus steht die Adler-Apotheke. Schwarzmüller lässt eine Kopie der Doktorarbeit Helmut Kohls durch die Gruppe zirkulieren. Sie handelt von der Neugründung der Parteien nach dem Zweiten Weltkrieg. „Zwei katholische Parteien gab es zunächst in der Pfalz: das Zentrum und die Bayerische Volkspartei“, erklärt Schwarzmüller. Auf heute übertragen würde das heißen, die CDU und die CSU träten in Rheinland-Pfalz nebeneinander an. Eine Konstellation, die Kohl später mit Macht zu verhindern wusste, als er sich 1976 gegen den Trennungsbeschluss von Wildbad Kreuth stemmte. Damals hatte sich die CSU dafür entschieden, die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU im Bundestag aufzulösen – die Entscheidung hatte nur kurz Bestand.
Die Gründer der CDU waren bestrebt, ihre Partei überkonfessionell auszurichten: Wie das Zentrum einseitig auf katholische Stimmen zu setzen, das sollte vermieden werden. „Für diesen Anspruch stand der Besitzer der Adler-Apotheke, Dr. Hans Moser, der evangelisch war“, erinnert Schwarzmüller und zeigt auf das imposante Jugendstil-Apothekengebäude an der südwestlichen Ecke des Landauer Rathausplatzes. Jahrzehnte nach der Gründung der Pfälzer CDU kam es nicht von ungefähr, dass Kohl die politische Karriere des Protestanten (und Kirchentagspräsidenten) Richard von Weizsäcker förderte.
Zwei Tage später: Das sonnige Wetter ist von Wolken abgelöst worden, ein kräftiger Wind pfeift über die Weinstraße im Herzen von Deidesheim. Die Teilnehmer der Kohl-Exkursion aus dem Kreis Ahrweiler versammeln sich vor dem Rathaus und lauschen Schwarzmüllers Erzählungen über die „Saumagen-Diplomatie“ Kohls – jene Mischung aus politischem Gespräch und Essen in heimeliger Atmosphäre, die der Pfälzer zum Nutzen der deutschen Staatsgeschäfte geradezu zelebrierte. Schwarzmüller weiß aus eigener Erfahrung, dass Kohl nicht nur mit Staatsgästen versuchte, eine persönliche Ebene zu finden. „Wo kommen Sie her?“, sei die erste Frage gewesen, die der Altkanzler neuen Bekanntschaften gestellt habe. Nach dem Motto: Nicht nur Akten und Fakten, sondern das Persönliche braucht es, um Politik zu machen. „Wenn man über die Mutter sprechen kann“, habe Kohl gesagt, dann wisse er, dass es eine Brücke zum Gesprächspartner gebe, die auch schwierige Themen aushält.
Ziehvater war Johannes Finck
Zeugnisse von Kohls Treffen in der Pfalz hängen noch heute über einer Sitzecke des Restaurants im Deidesheimer Hof. Hier hat Kohl auch nach dem Ruhestand Gäste bewirtet. Die Ecke befindet sich wenige Schritte vom Wappenzimmer, in dem die Treffen mit den Staatsgästen stattfanden. Aber Schwarzmüller belässt es nicht bei den großen Namen. In den verschiedenen Stationen der Exkursion kommen auch weniger bekannte und trotzdem wichtige Weggefährten des Altkanzlers vor: sein politischer Ziehvater Johannes Finck oder der 2022 verstorbene Ludwigshafener Monsignore Erich Ramstetter.
Eine halbe Autostunde entfernt, in Speyer, schließt die Exkursion mit einem ganz besonderen Zeitzeugen: Bernhard Vogel. Der 90-jährige ehemalige CDU-Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und Thüringen, der seit Mitte der 1960er-Jahre in der Domstadt lebt, sitzt mit den Teilnehmern der Helmut-Kohl-Spurensuche in einem rustikalen Zimmer im ersten Stock der Hausbrauerei Domhof. Das Lokal liegt unweit der imposanten romanischen Kathedrale, die Helmut Kohl erstmals als Kind mit seiner Mutter besuchte.
Vogel trägt Anzug und Krawatte, hängt sein Sakko über den Stuhl, bevor er sich setzt und erzählt, wie er und Kohl Anfang der 1950er-Jahre an der Uni Heidelberg dasselbe Seminar des Politikwissenschaftlers Dolf Sternberger besuchten. Auf einem Lambrettaroller sei der schlanke, große Kohl an ihm vorbeigesaust, als er ihn das erste Mal sah. Ein Kommilitone habe da gesagt: „Das ist der Helmut Kohl. Der wird mal Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz.“
Stadtrat in Ludwigshafen wurde Kohl schon früh. Ein Mann der Praxis. Wie Macht funktioniert, wie aus Beziehungen Politik wird, das wusste Kohl eben, wie Vogel unterstreicht. Als dem heute 90-Jährigen 1965 die Bundestagskandidatur für Speyer/Neustadt angetragen wurde, war Kohl mit im Boot. Als Kohl 1966 CDU-Landeschef wurde, sorgte er dafür, dass Vogel 1967 Mainzer Kultusminister wurde. Aber nicht immer sei man derselben Meinung gewesen, fügt der Ex-Politiker, der Ehrenvorsitzender der Adenauer-Stiftung ist, schmunzelnd hinzu. Als Helmut Kohl 1973 zum Bundesvorsitzenden aufstieg, favorisierte er Heiner Geißler für seine Nachfolge als CDU-Landeschef. Die Partei aber entschied sich für Vogel, der dann 1976 auch Ministerpräsident wurde – Kohl wechselte als Oppositionsführer nach Bonn.
Später habe Kohl mit Blick auf diese Episode von 1973 gescherzt: „Gelegentlich sind Parteigremien klüger als Vorsitzende.“ Kohls Gespür und Respekt für Mehrheitsmeinungen seien aber eben auch entscheidend für den Erfolg des Rekordkanzlers gewesen, der 5870 Tage im Amt war.
Die Kohl-Exkursion soll nun jährlich stattfinden, lautet der Plan der Adenauer-Stiftung, wie Landesbeauftragter Lerch erklärt. Dabei werde es je nach Alters- und Zielgruppe andere Gesprächspartner, Stationen oder Schwerpunkte geben: „Mit Historikern vielleicht ,mehr Hambacher Schloss’, mit Schülern und Jugendlichen vielleicht eine deutsch-französische Wanderung auf dem Helmut-Kohl-Wanderweg von Deutschland nach Frankreich.“ Dass der sehr persönliche Blick auf Kohl die Teilnehmer der ersten Exkursion beeindruckt hat, wird in Gesprächen am Rande deutlich. „Für mich war der Kohl halt immer in erster Linie der dicke Kanzler. Dass er vorher ein junger Wilder war, groß und schlank, für neue Ideen stand und so persönlich auf die Menschen zuging“, das sei ihr erst jetzt richtig bewusst, so eine Teilnehmerin und fügt hinzu: „Solche Politiker fehlen uns heute.“
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